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19.07.2011

20:18 Uhr

Abhörskandal

Murdochs Frau vereitelt Pudding-Attacke im Unterhaus

Rupert Murdoch will von den illegalen Abhörmethoden bei "News of the World" nichts gewusst haben. Alt und gebrechlich wirkte der greise Medienmogul bei seiner Anhörung - bis ein Zuhörer ihn plötzlich angriff.

LondonDie Anhörung von Rupert Murdoch im britischen Parlament ist nach zweieinhalb Stunden kurzfristig unterbrochen worden. Grund war offenbar ein Handgemenge: Mitten in seiner Vernehmung griff ihn ein Mann an - er bewarf Murdoch mit einer schaumartigen Substanz, die Pudding oder Rasierschaum ähnelte. Murdochs mit einem rosa Jackett bekleidete Frau Wendi Deng ging wie eine Löwin auf den Angreifer los. Die Sitzung wurde für zehn Minuten unterbrochen.

Die Polizei führte einen jungen Mann in einem karierten Hemd ab, der weißen Schaum vor dem Mund hatte. Berichten des TV-Senders "Sky News" und der Zeitung "The Guardian" zufolge handelte es sich bei dem Angreifer um einen Komiker, der die Tat über den Onlinedienst Twitter angekündigt hatte.

Murdoch, der sich während seiner Vernehmung am Dienstag auch kämpferisch gab, blieb unverletzt. Auch ein Arzt wurde nicht konsultiert. Nach Wiederaufnahme der Sitzung erschien Murdoch ohne sein blaues Jackett.

In seiner Anhörung wirkte Murdoch bis dahin über weite Strecken fahrig, verstand die Fragen der Abgeordneten schlecht, beugte sich nach vorn, fragte nach. Teilweise brauchte er mehr als zehn Sekunden um eine Antwort zu formulieren. Er sitzt in einem Untersuchungsausschuss ohne juristische Befugnisse. Dennoch steht er vor einem Tribunal. Denn genau dazu wurde der parlamentarische Untersuchungsausschuss in London, der am Dienstag Murdoch und seine Getreuen vorgeladen hat.

Das Murdoch-Drama 2011

Dienstag, 5. Juli

Die britische Tageszeitung Guardian berichtet, dass das Murdoch-Boulevardblatt "News of the World" die Handy-Mailbox des entführten und später ermordeten Mädchens abgehört haben soll und sogar Nachrichten gelöscht haben soll. So wollten die Journalisten Platz für weitere Nachrichten schaffen und an neue Informationen rankommen. Damit sind möglicherweise Beweise gelöscht worden. Zudem entstand bei den Angehörigen der Opfer der Eindruck, das Mädchen sei noch am Leben.

Mittwoch, 6. Juli

Der Guardian veröffentlicht den nächsten Vorwurf gegen "News of the World": Journalisten des Boulevardblatts, das zu Rupert Murdochs Medienkonzern News Corporation gehört, sollen auch Handy-Mailboxen von Angehörigen gefallener Soldaten angezapft haben. Zumindest fanden sich persönliche Informationen über die Hinterbliebenen der Soldaten in den Unterlagen eines Privatdetektivs, der für "News of the World" arbeitete.

Donnerstag, 7. Juli

James Murdoch, Sohn des News-Corporation-Chefs Rupert Murdoch und im Konzern für das Europa-Geschäft zuständig, verkündet die Einstellung von "News of the World". Am Wochenende werde die letzte Ausgabe erscheinen, die Anzeigenerlöse würden wohltätigen Organisationen zukommen. "News of the World" war mit einer Auflage von 2,6 Millionen Exemplaren die auflagenstärkste Zeitung in Großbritannien.

Freitag, 8. Juli

Andy Coulson, ehemaliger Chefredakteur von "News of the World", wird verhaftet und nach neunstündigem Verhör auf Kaution freigelassen. Coulson war von 2003 bis 2007 Chefredakteur des Revolverblatt. Danach arbeitete er als Kommunikationschef für den britischen Premier David Cameron. Er trat von diesem Posten Anfang 2010 wegen der Abhöraffäre zurück, behauptete aber stets nichts von illegalen Recherchepraktiken gewusst zu haben.

Sonntag, 10. Juli

Die letzte Ausgabe der "News of the World" erscheint. Mit der Zeile "Thank you & Goodbye" verabschiedet sich die 200 Mann starke Redaktionsmannschaft von ihren Lesern. Die Zeitung war vor 168 Jahren gegründet worden.

Montag, 11. Juli

Die Oppositionspartei im britischen Parlament fordert Rupert Murdoch auf, seinen Antrag auf die vollständige Übernahme des britischen Satellitensenders BSkyB zurückzuziehen. Die Regierung schaltet das Kartellamt in der Sache ein. Es soll Murdochs Übernahmepläne prüfen. Genau das hat der Unternehmer zuvor verhindern wollen, indem er der Regierung einen Kompromissvoranschlag machte. Er wollte die BSkyB-Nachrichtensparte Sky News ausgliedern und so eine schnelle Genehmigung der Übernahme durch die Regierung erreichen. Diesen Kompromissvorschlag zog er am Montag (11. Juli) zurück und machte den Weg für ein langwieriges Kartellamtsverfahren frei.

Dienstag, 12. Juli

Murdoch kündigt einen großzügigen Rückkauf von News-Corporation-Aktien an, um den Kursverfall zu stoppen. Ursprünglich wollte er nur 1,8 Milliarden Dollar für die Kurspflege ausgegeben, jetzt erhöht er die Summe auf fünf Milliarden Dollar. Unterdessen erhöht auch die britische Regierung den Druck auf den Unternehmer und kündigt an: Man werde sich in einer Parlamentsabstimmung am Mittwoch dem Antrag der Opposition anschließen und so Murdoch nahebringen, seine BSkyB-Pläne aufzugeben.

Mittwoch, 13. Juli

Murdoch zieht seinen Antrag auf die Komplettübernahme von BSkyB zurück und kommt der Abstimmung im Parlament zuvor.

Für Mittwoch, 13. Juli

Das britische Parlament hat Murdoch und seinen Sohn James vorgeladen, um am Dienstag über den Abhörskandal bei News of the World vor einem Parlamentsausschuss Rede und Antwort zu stehen. Die beiden Murdochs haben ihr Kommen zugesagt. Zuvor hatten sie sich geweigert, auf freiwilliger Basis vor dem Ausschuss zu reden.

Donnerstag, 14. Juli

Das FBI nimmt Ermittlungen gegen News Corporation auf. Der Verdacht: Journalisten der News-Corporation-Zeitung "News of the World" sollen auch die Handy-Mailboxen von Opfern der Terroranschläge vom 11. September 2001 abgehört haben.

Freitag, 15. Juli

Die Murdoch-Spitzenmanagerin Rebekah Brooks tritt zurück. Brooks war zuletzt Chefin der britischen News-Corporation-Zeitungssparte News International. Sie war Chefredakteurin von "News of the World", als die Abhöraffäre ihren Lauf nahm.

Freitag, 15. Juli

Nicht nur Rebekah Brooks, sondern auch der Murdoch-Spitzenmanager Les Hinton hat seinen Rücktritt erklärt. Hinton war News-Corp-Europachef, als die Abhöraffäre ihren Lauf nahm. Zuletzt war er Chef des Dow-Jones-Verlages, der auch zu News Corp. gehört.

Samstag, 16. Juli

Aus offiziellen Unterlagen geht hervor, dass Premierminister David Cameron im vergangenen Jahr häufig mit führenden Vertretern der Medien zusammentraf, davon mehr als 20 Mal mit Beschäftigten Murdochs. Es sei in einem demokratischen Land nicht überraschend, dass es Kontakte zwischen der Führung und ranghohen Medienvertretern gebe, sagte Außenminister William Hague. Rupert Murdoch selbst hat sich in ganzseitigen Zeitungsanzeigen für den Abhörskandal bei seinem Boulevardblatt „News of the World“ entschuldigt. „We are Sorry“ („Es tut uns leid“) lautet die Überschrift des Anzeigentextes, der in allen landesweit erscheinenden Zeitungen Großbritanniens geschaltet worden war.

Sonntag, 17. Juli

Die Polizei nimmt Rebekah Brooks wegen Korruptionsverdachts fest. Sie gilt als enge Vertraute von Medienmogul Rupert Murdoch und war bis 2003 Chefredakteurin der eingestellten Skandalzeitung „News of the World“. Brooks hatte sich vor der Affäre vor allem durch ihre exzellenten Kontakte in die Politik ausgezeichnet. Sie konnte zwölf Stunden später wieder gehen.

Sonntag, 17. Juli

Nach Brooks Festnahme hatte Scotland-Yard-Chef Paul Stephenson am Abend überraschend seinen Rücktritt bekanntgegeben. Er war in die Kritik geraten, weil er sich einen Kur-Aufenthalt teilweise hatte bezahlen lassen.

Montag, 18. Juli

Die Nachfolgediskussion um den angeschlagenen Medienmogul Rupert Murdoch bekommt neues Futter. Nach einem Bericht der Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg könnte der fürs Tagesgeschäft von Murdochs News Corp. zuständige Chase Carey den 80-jährigen Firmenchef beerben. Es sei aber noch nichts entschieden, hieß es am späten Montag (Ortszeit) unter Berufung auf eingeweihte Personen.

Sein Sohn James bietet mehrmals an, für seinen Vater zu antworten. "Ihr Vater ist verantwortlich für die Unternehmensführung. Deshalb würde ich ihm gerne weiter die Fragen stellen", unterbricht ihn ein Abgeordneter. Er und seine Kollegen stellen den Murdochs viele Fragen. Doch sie zielen alle auf dasselbe ab: Was wusste Rupert Murdoch persönlich von den kriminellen Methoden, mit denen Journalisten seiner Zeitung "News of the World" versuchten an Informationen zu kommen?

Murdoch wies jede Verantwortung für die Affäre zurück. Wer denn dann verantwortlich sei für die Bespitzelung von Prominenten und Verbrechensopfern, wollte der Ausschuss wissen. "Die Leute, denen ich die Zeitung anvertraut habe und vielleicht die Leute, denen sie vertrauten", sagte Murdoch ungerührt.

Er sei über die Vorwürfe gegen seinen Konzern absolut schockiert, entsetzt und beschämt gewesen. Aus diesem Grund habe er auch die „News of the World“ eingestellt. Er verwahrte sich aber zugleich gegen den Vorwurf, dass sein Unternehmen untätig gewesen sei. Sein Sohn James entschuldigte sich für das Abhören von Telefonen sowie Schmiergeldzahlungen an die Polizei.

„Das ist der Tag der größten Demut in meinem Leben“, sagte Rupert Murdoch zu Beginn der Anhörung. Die Befragung durch die Abgeordneten begann mit fünf Minuten Verspätung. Rupert Murdoch saß mit versteinertem Gesicht vor den Parlamentariern. Das Erscheinen des 80-Jährigen gilt als Sensation und als Höhepunkt in der bisherigen Arbeit des 1979 gegründeten Parlamentsausschusses.

Der Australier mit US-Pass galt in Großbritannien bisher als nahezu unantastbar. Sein Sohn James entschuldigte sich zu Beginn der Befragung für die Verfehlungen bei „News of the World“, die den Skandal ausgelöst hatte.

Mit der Unantastbarkeit des Medienmoguls in Großbritannien scheint es nun vorbei zu sein. "Warum betraten sie die Downing Street No. 10 durch den Hintereingang?", will einer der Abgeordneten wissen. "Weil ich darum gebeten wurde", antwortet Murdoch. Aus dem Publikum bricht Gelächter hervor.

Kommentare (1)

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Matze

19.07.2011, 22:57 Uhr

Mit Artikeln und Überschriften wie dieser klassifiziert sich das HB zunehmend als Klattschblatt á la "BILD"!
Genau wie schon gestern, als "Sarrazin von Berliner Türken davongejagt" wurde. Traurig, traurig, traurig...

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