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28.09.2015

17:21 Uhr

Abspaltung Kataloniens

„Es wäre ein Desaster“

VonSandra Louven

Ein spanischer Wirtschaftsprofessor warnt vor den katastrophalen Konsequenzen einer Abspaltung Kataloniens. Wenn sich die Separatisten durchsetzen, würden die wichtigsten Unternehmen abwandern – oder pleite gehen.

Nach Ansicht eines Wirtschaftsexperten würde eine Unabhängigkeit Kataloniens einem wirtschaftlichen Selbstmord gleichkommen. ap

Katalonien bestimmt die spanische Presse

Nach Ansicht eines Wirtschaftsexperten würde eine Unabhängigkeit Kataloniens einem wirtschaftlichen Selbstmord gleichkommen.

MadridJuan Carlos Martines Lázaro ist Wirtschaftsprofessor an der renommierten Business School Instituto de Empresa (IE) in Madrid. Er warnt nach dem Sieg der Separatisten bei den Regionalwahlen in Katalonien vor den desaströsen ökonomischen Folgen einer Abspaltung der Region von Spanien. Die katalonischen Banken Caixa und Sabadell etwa müssten auswandern, sonst seien sie innerhalb weniger Tage pleite.

Die Separatisten haben die Wahl gewonnen. Wenn sich Katalonien tatsächlich von Spanien abspaltet, was wären die wirtschaftlichen Konsequenzen für die Region?
Lázaro: Es wäre ein Desaster. Katalonien würde einen deutlichen Rückgang der wirtschaftlichen Aktivität erleben.

Warum?
Selbst wenn die Abspaltung nicht unilateral passiert, sondern das Ergebnis von Verhandlungen sein sollte, würde Katalonien zumindest für eine Zeit lang nicht mehr Mitglied der Europäischen Union sein und den Euro verlieren. Das wäre vor allem für die katalanischen Banken ein riesiges Problem.

Die haben ja schon angedroht, dass sie sich bei einer Abspaltung aus Katalonien zurückziehen.
Ja, und das würde bedeuten, dass Katalonien ohne funktionierendes Finanzsystem da stünde und sich kurzfristig nicht finanzieren könnte. Im Moment finanziert sich Katalonien ja über den spanischen Staat. Griechenland hat gezeigt, wie schwer die Folgen sind, wenn einem Land das Geld ausgeht.

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Was passiert mit den beiden Banken, die ihren Hauptsitz in Katalonien haben – Caixa und Sabadell?
Wenn Katalonien kein EU-Mitglied mehr ist, verlieren sie automatisch den Zugang zum Geld der EZB. Sie müssen ihre Zentrale deshalb vor einer Unabhängigkeitserklärung nach Spanien verlegen, sonst sind sie innerhalb weniger Tage pleite.

Was ist mit den Unternehmen in Katalonien?
Sie werden haufenweise aus der Region abwandern, weil sie künftig ja Importzölle auf ihre Waren zahlen müssten. In den vergangenen zwölf Monaten sind schon 1000 Unternehmen aus der Region weg gegangen, und es würden noch viel mehr werden. Einige Konzerne haben das auch vor den Wahlen bereits angekündigt.

Was würde sich abgesehen vom EU-Rauswurf noch für die Unternehmen ändern?
Es wird mit Sicherheit einen Boykott katalanischer Produkte im Rest Spaniens geben. Und es wird eine Welle von Einwohnern geben, die nicht in einem katalanischen Staat leben wollen und ihn verlassen.

Das bedeutet, die Steuereinnahmen der Region würden deutlich sinken…
Ja. Hinzu kommt: Katalonien hat jetzt schon ein großes Defizit und das muss es finanzieren – indem es die Ausgaben kürzt oder die Steuern erhebt, viele andere Möglichkeiten gibt es nicht. Zudem muss der neue Staat dann auch für die Renten aufkommen, die bisher Spanien gezahlt hat. Das führt alles zu gravierenden wirtschaftlichen Problemen.

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Was würde eine Abspaltung für den Rest Spaniens bedeuten?
Dem Land würden natürlich die Steuereinnahmen aus Katalonien fehlen. Die Region erwirtschaftet 20 Prozent der Wirtschaftsleistung. Der Haushalt müsste deutlich verkleinert und die Staatsausgaben zurückgefahren werden. Das wäre auch für Spanien eine sehr schwierige Situation.

So schwer, dass der Aufschwung abgewürgt würde?
Nicht unbedingt. Bloß weil eine Wirtschaft plötzlich nur noch 80 Prozent ihrer Größe besitzt, heißt das nicht, dass sie nicht mehr gesund ist. Ich glaube nicht, dass Spanien dadurch zurück in die Krise rutscht. Für diese Frage ist nicht so sehr Katalonien entscheidend, sondern der Ausgang der Parlamentswahlen im November.

Welche Folgen hätte eine Abspaltung für den Rest Europas?
Sie würde die Tür zu einer sehr gefährlichen politischen Entwicklung öffnen. Das Beispiel Kataloniens könnte Regionen in anderen Staat ermuntern, ebenfalls unabhängig zu werden wie etwa Flandern in Belgien oder die Bretonen in Frankreich.

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