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17.09.2014

06:58 Uhr

Abstimmung über Unabhängigkeit

Schottlands Spalter holen in Umfragen auf

Jüngste Umfragen geben den schottischen Unabhängigkeits-Kämpfern Rückenwind. Doch noch liegen die Gegner der Abspaltung knapp vorne. Premierminister David Cameron beschwört die bislang Unentschlossenen.

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LondonKurz vor dem Referendum über Schottlands Unabhängigkeit sehen Umfragen weiter einen knappen Vorsprung für die Gegner einer Abspaltung. 52 Prozent der Schotten lehnen eine Eigenständigkeit ab, 48 Prozent sind dafür, wie aus einer am späten Dienstagabend veröffentlichten Umfrage des Instituts Opinium für die Zeitung „Daily Telegraph“ hervorging. Die Werte entsprachen einer Erhebung des Instituts ICM für die Zeitung „The Scotsman“. Allerdings waren die Unentschlossenen hierbei nicht mit eingerechnet. Bezieht man diese mit ein, dann liegen die Gegner demnach bei 45 Prozent, die Befürworter der Abspaltung bei 41 Prozent. 14 Prozent wissen noch immer nicht, ob sie „Yes“ oder „No“ ankreuzen, wie es hieß.

Die Schotten stimmen am Donnerstag ab. Sollten mehr als die Hälfte mit Ja stimmen, würde das Land im Frühjahr 2016 unabhängig. Der britische Premierminister David Cameron hatte zuletzt intensiv für den Verbleib Schottlands im Vereinigten Königreich geworben und in einem offenen Brief maximale Autonomie unter dem Dach der britischen Union zugesagt.

Argumente GEGEN eine schottische Abspaltung

Währung

Die Bank of England regelt den Verkehr des britischen Pfunds. Spaltet sich Schottland ab, ist sie nach Darstellung Londons nicht mehr zuständig - und Schottland steht ohne eigene Währung und Zentralbank da.

Arbeitsplätze

Geht der britische Binnenmarkt verloren, geraten laut „Better together“-Kampagne bis zu 600 000 Arbeitsplätze in Gefahr. Denn so viele Schotten seien bei Unternehmen beschäftigt, die entweder ihren Sitz außerhalb Schottlands haben oder deren wichtigster Absatzmarkt Rest-Britannien ist.

Sicherheit

Großbritannien hat ein Verteidigungsbudget von 34 Milliarden Pfund (ca. 42,6 Milliarden Euro) und schützt damit seine Bürger – auch im Norden. Das vorgesehene Budget in einem unabhängigen Schottland ist sehr viel kleiner. Das hält London für gefährlich, etwa wegen der Cyber-Kriminalität. Außerdem gingen Zehntausende Jobs bei Militär und Sicherheitsdiensten verloren.

Renten und Sozialsystem

Im Vereinigten Königreich verteilen sich die Kosten für soziale Leistungen auf mehrere Schultern. Schottlands Bevölkerung altert schneller als der britische Durchschnitt und profitiert bei den Renten deswegen in besonderem Maße. Laut nationalem Statistikamt hat Schottland von allen Teilen Großbritanniens die niedrigste Geburtenrate.

EU

Großbritannien ist eines der einflussreichsten EU-Länder. Dass Schottland überhaupt EU-Mitglied werden könnte, ist keine ausgemachte Sache. Außerdem fiele wohl der Briten-Rabatt weg.

Quelle

Quelle: dpa

Wenn das Land beim Referendum die vollständige Unabhängigkeit ablehne, könne es etwa über die Gesundheitsausgaben selbst entscheiden, heißt es in dem Brief, den neben Cameron auch Oppositionsführer Ed Miliband von der Labour Partei und Vizepremier Nick Clegg von den Liberaldemokraten unterzeichneten. Der Brief unter der Überschrift „The Vow“ (Der Schwur) war am Dienstag auf der Titelseite des schottischen Massenblatts „Daily Record“ erschienen. Konkrete Zusagen wurden jedoch nicht gemacht.

Seit Wochen mahnen Parlamentsabgeordnete aus anderen britischen Regionen wie Wales oder aus dem Norden von England, es dürften Schottland nicht weitere Zusagen gemacht werden, ohne dass auch die englischen Regionen mehr Mitsprache bekämen. Großbritannien verfügt bisher über keine klaren föderalen Strukturen.

Im Westminster-Parlament herrscht derzeit die skurrile Situation, dass Abgeordnete aus Schottland zwar über Gesetze mitbestimmen dürfen, die nur England betreffen, die Schotten aber einen Teil ihrer Gesetze in Edinburgh selbst machen. Dieser Effekt würde durch die Zusage vom Dienstag weiter verschärft.

Argumente FÜR eine schottische Abspaltung

Demokratie

Schottland wählt Labour oder SNP, also sozialdemokratisch. In London dagegen regiert der Konservative David Cameron mit seinen Tories - auch über Schottland. Als unabhängiger Staat könnten die Schotten über ihre Regierung selbst bestimmen.

Öl

Der allergrößte Teil der britischen Öl-Vorräte schlummert unter schottischem Meeresboden. Wird das Land unabhängig, kann es über Steuereinnahmen aus den Gewinnen der Ölkonzerne selbst verfügen.

Atomwaffen

Schottland beherbergt in der Militärbasis Faslane britische Atomwaffen, die es nicht haben will. Wäre das Land selbstständig, könnte es die Waffen in absehbarer Zeit loswerden.

Näher dran

Schottlands Probleme, Schottlands Lösungen. London ist zu weit weg, eine mit allen Kompetenzen ausgestattete Regierung in Edinburgh weiß besser, was gut für ihr Volk ist.

Kleine Länder

Andere können es auch. Gern verweist Edinburgh auf Norwegen, das wie Schottland gut fünf Millionen Einwohner hat und von seinen Erdöl-Vorkommen profitiert. Auch Finnland und Dänemark sind nicht viel größer, aber angesehene Staaten.

Quelle

Quelle: dpa

Indessen mobilisierten beide Lager noch einmal alle Kräfte, um vor allem die noch unentschlossenen Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Auf dem Trafalgar Square in London hatten sich am Montagabend mehrere Tausend Menschen versammelt, um Schottland zum Verbleib bei Großbritannien aufzurufen. Unter anderem gehörte Musiker Bob Geldof zu den Unterstützern. Der exzentrische Londoner Bürgermeister Boris Johnson kündigte an, er werde im Frühjahr 2017 ein Referendum abhalten, und sich danach als Person für unabhängig erklären.



Von

dpa

Kommentare (27)

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Herr Stefan Andreas Balica-Theis

17.09.2014, 09:35 Uhr

Es gibt nur Befürworter einer Unabhängigkeit oder Nichtbefürworter einer solchen.

Von "Spaltern" zu sprechen ist primitivste Meinungsmache durch die Medien.

Kleine Länder wie die Beneluxländer, die Schweiz oder Malta haben offensichtlich keine Schwierigkeiten zu existieren. Sogar sehr gut können sie das.

Eine Unabhängigkeit Schottlands würde im Übrigen GB als ewigen Quertreiber in Europa schwächen und somit Kontinentaleuropa stärken. Das ist positiv für Europa und für Deutschland ebenso.

Ein unabhängiges Schottland würde auch die Position der Finazoligarchen der City of London schwächen. Und das wäre gut für die ganze Welt.

Ein Beispiel einer wirklich funktionierenden Demokratie könnte auch in Schottland entstehen. Und somit ein Vorbild auch für uns in Deutschland mehr MUTBÜRGER zu sein.

Account gelöscht!

17.09.2014, 10:44 Uhr

Rekrutiert das HB jetzt schon Praktikanten von der Sonderschule?

M.W. nach steht Schottland nicht vor einer Spaltung, sondern die Schotten nehmen in Gänze das demokratische Recht wahr, über ihre Unabhängigkeit zu bestimmen und zwar vom Vereinigten Königreich.

Und egal wie das ausgeht, eines ist schon klar, das Vereinigte Königreich wird in jedem Fall deutlich föderaler aussehen in Zukunft, eine gute Entwicklung für alle Bürger in UK.

Leider ist diese Entwicklung in der EU genau umgekehrt, immer mehr Zentralismus ("Brüssel"), immer mehr Bürgerferne, immer weniger Wohlstand ...

Morgen sollten wir also im Herzen alle Schotten sein, denn das bedeutet mehr Demokratie, mehr Bürgernähe, mehr Wohlstand für alle. Frei nach Kennedy: Ick bin ein Schotte!

Dann gibt es u.U. auch wieder mehr Geld für Bildung, wie nötig dieses Land das auch hat, sehen wir ja an obigen Artikel ;-)

Herr Thomas Albers

17.09.2014, 10:51 Uhr

"MUTBÜRGER"

Das ist in der Tat mal ein wirklich guter Vorschlag. Statt German-Angst vor Sanktionen und den Konsequenzen notwendiger Konfrontation, lieber mal Mut zur Gestaltung eines starken und autarken Europas zeigen. Wer stets nur Angst vor Einwanderung, Kriminalität und dem "Neuen" hat, bleibt klein und hilflos in seinem Mauseloch hocken und lässt alle Chancen an sich vorüber ziehen. Mit der Einstellung hätte niemand Amerika entdeckt oder wäre zum Mond geflogen.

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