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18.05.2012

17:15 Uhr

Absturz der G8

Der Club, der die Welt regiert(e)

VonJan Mallien

Früher erörterten die westlichen Industrieländer die großen Probleme der Welt in ganz kleinem Kreis. Doch ihre Macht bröckelt. Die G8-Gipfel verkommen zu einer Alibi-Veranstaltung. Längst gehört die Zukunft anderen.

US-Außenministerin Hillary Rodham Clinton mit dem russischen Außenminister Sergei Lavrov vor dem G8-Außenministertreffen im April in Washington. dapd

US-Außenministerin Hillary Rodham Clinton mit dem russischen Außenminister Sergei Lavrov vor dem G8-Außenministertreffen im April in Washington.

DüsseldorfDie Idee eines Treffens der wichtigsten Industrieländer entwickelten der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt und sein französischer Amtskollege Giscard D'Estaing am Wohnzimmertisch. Es sollte ein Treffen in kleinem Kreise sein - ohne "innovationsfeindliche" Bürokraten, wie Schmidt rückblickend sagte. Sechs Länder vereinten damals die Hälfte der Weltwirtschaft: Die USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien. Zusammen trafen sich ihre Regierungschefs zum ersten G6-Gipfel 1975 im französischen Rambouillet. Der exklusive Club diskutierte die Folgen der Ölkrise und des Zusammenbruchs des Systems fester Wechselkurse von Bretton-Woods.

Die Stimmen der Anderen: Was wollen die Gipfel-Kritiker?

Ernährung

Dürre und Hungerkatastrophen sorgen besonders in Afrika für unvorstellbares Leid. Spekulanten treiben nach Ansicht von Kritikern die Nahrungsmittelpreise aus Profitgier in die Höhe. Um das zu beenden, fordern Hilfsorganisationen wie Oxfam und World Vision strenge Regeln für den Agrarhandel und mehr Gelder für Kleinbauern.

Armut

22 Milliarden US-Dollar versprachen die G8 vor drei Jahren im italienischen L'Aquila für Ernährungssicherheit und Landwirtschaft bis 2013. Geflossen ist Schätzungen von Entwicklungsorganisationen zufolge wohl nur zwischen gut einem Fünftel und weniger als der Hälfte. One fordert einen neuen Aktionsplan für 30 der ärmsten Länder. Er könne 50 Millionen Menschen aus extremer Armut befreien und 15 Millionen Kinder vor den Folgen von Mangelernährung retten.

Steuern

Wer helfen will, braucht Geld. Globalisierungskritiker mahnen ein härteres Vorgehen gegen Steueroasen an. Und seit langem fordern sie eine Art Robin-Hood-Steuer auf Finanzgeschäfte zugunsten der Armen. Damit sie wirksam ist, müssen möglichst viele Länder mitmachen. Bundeskanzlerin Angela Merkel will sie daher in allen 27 EU-Staaten, notfalls aber auch lediglich in den 17 Euro-Ländern.

Klimaschutz

Der Klimawandel treffe die Ärmsten der Welt am härtesten, warnen Hilfs- und Umweltorganisationen. Die bisherigen Vereinbarungen gegen die Erderwärmung reichten bei weitem nicht.

Soziale Gerechtigkeit

Die „Occupy“-Protestwelle begann in New York als „Occupy Wall Street“ (Besetzt die Wall Street) und hat inzwischen mehr als 80 Staaten erfasst. „Wir sind die 99 Prozent“, heißt der Slogan im Kampf gegen Reiche. Die Nato gilt der Bewegung als System globaler Unterdrückung durch „das eine Prozent der Mächtigen“ - und dies mit Steuergeld, das dringend für Sozialprojekte gebraucht werde. (Quelle: dpa)

Inzwischen ist der Club größer geworden, Kanada und Russland sind dazu gekommen. Aus den einstigen Karmingesprächen sind riesige Gesprächsrunden geworden. "Es ist ganz ungewöhnlich, dass bei einem solchen Medienereignis konkrete Ergebnisse erzielt werden. Das würde mich sehr wundern," sagte Helmut Schmidt vor dem G8-Gipfel 2008 in Heiligendamm. "Jeder reist an mit Hunderten von Beratern, Bürokraten, Aktentaschenträgern".

Doch obwohl die G8-Gipfel immer größer geworden sind, nimmt ihre Bedeutung ab. Mitten in der Finanzkrise ist dem Club der alten Industrieländer ein mächtiger Konkurrent erwachsen. Die Gründung der G20-Gruppe könnte die weitreichendste institutionelle Folge der weltweiten Finanzkrise sein, schrieb die britische Wirtschaftszeitung Economist. Zur Gruppe der G-20 gehören nicht nur die G8-Staaten sondern auch Schwellenländer wie zum Beispiel Brasilien, Russland, Indien und China.

Der Gipfel der Großen

Camp David

Wie der Nato-Gipfel am Sonntag und Montag sollten sich auch die G8 ursprünglich in Chicago treffen. Doch Barack Obama bevorzugte die Abgeschiedenheit seines Landsitzes in Maryland, eine Autostunde entfernt von der Hauptstadt.

No-show

Der prominenteste Abwesende ist Russlands Präsident Wladimir Putin. Atmosphärische Verstimmungen mit Washington veranlassten den Kremlherrscher zu seiner Absage. Stattdessen schickt er seinen Vorgänger und Nachfolger in allen Ämtern, Dmitrij Medwedew.

Das Problem des G8-Clubs ist die Relevanz: Er bildet die wirtschaftlichen Realitäten längst nicht mehr ab. China ist zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt geworden. Auch Brasilien (6.), Russland (9.) und Indien (11.) haben aufgeschlossen.

Die G-8 Länder repräsentieren nach Kaufkraft grade mal 40 Prozent der Weltwirtschaft. Im Jahr 2030 werden es nur noch 30 Prozent sein. Nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds wird China die USA 2017 als größte Wirtschaftsmacht der Welt ablösen. Damit ist klar: Der G8-Club kann die Probleme der Welt nicht mehr lösen. Dafür ist er viel zu klein.

G8-Gipfel in Camp David: Alle gegen Merkel

G8-Gipfel in Camp David

Alle gegen Merkel

Europas Krisenmanagement steht im Mittelpunkt des G8-Gipfels. Dabei richten sich alle Augen auf Kanzlerin Merkel und ihren umstrittenen Sparkurs. Die US-Regierung will damit nicht zuletzt von sich selbst ablenken.

Kommentare (4)

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NWO

18.05.2012, 19:09 Uhr

http://www.youtube.com/watch?v=m6p0CY6Tf9o

Account gelöscht!

19.05.2012, 08:42 Uhr

"Damit ist klar: Der G8-Club kann die Probleme der Welt nicht mehr lösen. Dafür ist er viel zu klein."
Das machen ja auch längst andere "viel erfolgreicher": die Bilderberger und geheime Bündnisse, wie "Skull&Bones, das 1832 an der Yale-University gegründet wurde.

MaWo

19.05.2012, 09:28 Uhr

Hallo,
bezügl. des Bankencrash wurde ein Staatsmann in einen von vier Anklagepunkten für schuldig gesprochen, wenn auch ohne praktische Auswirkung.
Aktuell wird von den Bankstern Geld zurück gefordert und das Vermögen eingefroren: http://blog.snaefell.de.
Leider spielt sich das in Island ab - nicht in Deutschland, nicht in der EU und auch nicht bei den G8 Staaten.
Schlussfolgerung...!

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