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21.04.2015

16:38 Uhr

Abu Bakr al-Baghdadi

IS-Chef bei Luftschlag offenbar schwer verletzt

Der Anführer des Islamischen Staats soll im März lebensbedrohlich verletzt worden sein. Mittlerweile habe sich Abu Bakr al-Baghdadi erholt, berichtet der „Guardian“. Das Sagen beim IS haben jedoch erst einmal andere.

Der Chef des Islamischen Staats wurde offenbar schwer verletzt. ap

Abu Bakr al-Baghdadi

Der Chef des Islamischen Staats wurde offenbar schwer verletzt.

Düsseldorf/LondonAbu Bakr al-Baghdadi ist einer der meistgesuchten Terroristen der Welt. Jetzt wurde der Anführer der Terrormiliz Islamischer Staat offenbar schwer getroffen. Bei einem von den USA angeführten Luftschlag habe der 43-Jährige im März schwere Verletzungen erlitten, berichtet der „Guardian“ am Dienstag. Die britische Zeitung beruft sich dabei auf einen westlichen Diplomaten und einen irakischen Berater.

Zunächst sei al-Baghdadis Situation lebensbedrohlich gewesen. Mittlerweile habe sich der IS-Chef leicht erholt. Die vollständige Führung über die Terrormiliz habe er aber noch nicht wieder inne, so der „Guardian“.

Konkret soll al-Baghdadi bei einem Luftangriff am 18. März auf einen Auto-Konvoi in der Nähe der syrischen Grenze im Bezirk Ninive getroffen worden sein. In der Vergangenheit hatte es bereits Berichte gegeben, dass der Milizenführer bei einem Angriff ums Leben gekommen sein soll. Diese bestätigten sich nicht.

Islamischer Staat: Die wichtigsten Fragen und Antworten

Woher kommt die Terrormiliz?

Die Miliz ist die Nachfolge-Organisation von al-Qaida im Irak, einer radikalen Widerstandsbewegung, die sich Gebiete im Westen des Landes einverleibte, nachdem die Amerikaner den Diktator Saddam Hussein gestürzt hatten, ohne das Machtvakuum zu füllen.

Es handelt um einen Zusammenschluss von sunnitischen Dschihadisten, ehemaligen Anhängern von Saddam Hussein und von Stammesmitgliedern. Die Zahl der Kämpfer wird neuerdings auf rund 30.000 geschätzt. In ihrem Herrschaftsgebiet haben die Extremisten ein Verwaltungssystem aufgebaut, das jeden Aspekt des Alltags kontrolliert.

Welche Gebiete kontrolliert IS?

Die Terrormiliz hat Schätzungen zufolge rund ein Drittel des syrischen Staatsgebietes eingenommen. Dabei gelang es ihr, einen Korridor zwischen ihren westlichsten Eroberungen nahe Aleppo über nördliche Landstriche bis zu östlichen Landesteilen nahe der Grenze zum Irak zu schaffen.

In der Provinz Aleppo stehen unter anderem die größeren Orte Manbidsch und Al-Bab unter ihrem Kommando, dort weht die schwarze Flagge der Miliz auf Regierungsgebäuden und großen Plätzen. Da die Terrormiliz auf beiden Seiten der syrisch-irkanischen Grenze nahtlos Gebiete kontrolliert, kann sie relativ leicht Kämpfer, Waffen und Güter zwischen beiden Ländern hin- und hertransportieren.

Zuletzt stockt der Vormarsch des IS allerdings. Die Miliz verlor etwa die strategisch wichtige Stadt Tikrit, ebenso wie das über Monate umkämpfe Kobane an der türkischen Grenze.

Was ist die „Hauptstadt“ des Islamischen Staats?

Die IS erklärte Rakka, eine Stadt am Euphrat im Nordosten Syriens mit einer halben Million Einwohner, zur Hauptstadt ihres Kalifats und Sitz ihrer Machtzentrale. IS-Kämpfer aus aller Welt strömten dorthin, einige mit ihren Familien. Obwohl schon immer konservativ und unter großem Einfluss von Stämmen, war Rakka früher ein lebendiges und wirtschaftlich blühendes Zentrum.

Heute patrouilliert rund um die Uhr die Sittenpolizei der IS – die sogenannte Hisba – durch die Straßen. Diese bewaffneten Kämpfer in langen Roben kontrollieren, ob ihre strenge Auslegung des Korans auch umgesetzt wird. Die IS hat Musik und Rauchen verboten. Frauen wurden von der Sittenpolizei angewiesen, sich zu verhüllen. Wer gegen die Scharia verstößt, läuft Gefahr, enthauptet oder ans Kreuz gehängt zu werden. Den Schulen der Stadt diktierte die Miliz kürzlich die Inhalte und strich Fächer wie Philosophie oder Chemie.

Wie stark sind die Kämpfer des IS?

Seit Anfang 2014 führt die Miliz mit den gemäßigten und vom Westen unterstützten Rebellen in Syrien einen Zermürbungskrieg. Dabei stürmen IS-Kämpfer Außenposten der Rebellen und nehmen ihnen Ort für Ort durch Gewalt und Einschüchterung ab.

Die Zahl der Kämpfer lässt sich nur schätzen. Fest steht jedoch, dass die Extremisten seit Beginn ihres Vormarsches im Irak Anfang Juni 2014 starken Zulauf bekommen haben. Der US-Geheimdienst CIA geht davon aus, dass die Gruppe in Syrien und im Irak zwischen 20.000 und 31.500 Kämpfer hat. Diese Zahl unterscheidet sich deutlich von den Angaben der syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Sie schätzt die Zahl der IS-Kämpfer allein in Syrien auf rund 50.000, davon etwa 20.000 aus dem Ausland. Die Menschenrechtler stützen sich bei ihren Informationen auf ein Netz von Aktivisten in Syrien.

Welche Rohstoffe hält IS in der Hand?

Die Terrormiliz hatte im bis Herbst 2014 faktisch alle größeren Ölfelder im Osten Syriens, darunter das landesweit größte namens Omar mit einer Förderkapazität von 75.000 Barrel pro Tag erobert. Der IS nahm die Produktion teilweise auf und finanzierte sich auch über den Verkauf von Rohöl unter Marktpreisen. Das geförderte Öl werde über Mittelsmänner an die Türkei und den Irak geliefert.

Doch nach dem Verlust von Tikrit Anfang April 2015 hat die Terrororganisation auch mindestens drei Ölfelder verloren. Damit bleibt der Miliz im Irak nur noch ein einziges Ölfeld: Qayara mit einer Förderkapazität von gerade einmal 2000 Barrel am Tag. Das seien gerade noch fünf Prozent der zuvor vom IS innerhalb des Irak kontrollierten Menge.

Wie verhält sich der syrische Diktator Assad?

Syriens Präsident hat vor kurzem die Luftangriffe auf IS-Hochburgen verstärken lassen. Die Regierung öffnete die Türen für eine mögliche Kooperation mit den USA im Kampf gegen IS, sie stellte aber zugleich klar, dass jeglicher Angriff mit Damaskus abgestimmt sein müsse. Für die US-Regierung ist dies allerdings ein Problem: Sie möchte nicht an Assads Seite erscheinen, zumal sie dessen Rücktritt seit Jahren verlangt. Unter der Hand machte das Assad-Regime lange sogar Geschäfte mit den Terroristen nach dem Motto: Strom gegen Öl.

Was können die USA mit Luftschlägen ausrichten?

Jedweder Luftschlag der USA in Syrien würde sich wahrscheinlich auf Gebiete nahe der Grenze zum Irak sowie militärische Ziele wie Trainingslager in Rakka konzentrieren. Dort verfügt Assad kaum über Luftabwehr.

In jedem Fall werden sich Luftangriffe schwieriger gestalten als im Irak: Dort segnet Bagdad das Vorgehen ab, zudem verlaufen die Frontlinien deutlicher. In Syrien hingegen gibt es auf engem Raum verschiedene Fraktionen, zu denen neben IS auch der al-Qaida-Ableger Nusra-Front, die vom Westen unterstützten Rebellen der Freien Syrischen Armee und die Regierungstruppen gehören. Während die gemäßigten Rebellen US-Luftschläge fordern, lehnen die extremeren Kämpfer ein Engagement der USA ab.

Der IS hatte sich zunächst im Bürgerkriegsland Syrien ausgebreitet und startete im vergangenen Sommer eine Großoffensive im Irak, bei der zahlreiche Gebiete nördlich und westlich von Bagdad überrannt wurden. Beim Beginn des Vormarsches der Dschihadisten brach die irakische Verteidigung weitgehend zusammen.

Mittlerweile hat sich die Armee jedoch mit Hilfe hauptsächlich schiitischer Milizen sowie der USA und des Iran wieder stabilisiert und konnte große Gebiete zurückerobern. Erst am Dienstag vertrieben irakische Sicherheitskräfte nach eigenen Angaben den IS aus Teilen der Provinzhauptstadt Ramadi.

Polizeioffiziere sagten am Dienstag, Regierungskräfte hätten im Laufe der Nacht ein Krankenhaus zurückerobert, das etwa 500 Meter vor einem Komplex aus Verwaltungsgebäuden stehe. Dabei seien zwölf IS-Kämpfer getötet worden. Die Hauptstadt der Provinz Anbar hat mehrere Hunderttausend Einwohner und liegt westlich von Bagdad.

In der vergangene Woche hatte der IS bei Ramadi Sufija und zwei weitere Dörfer eingenommen und Tausende Zivilisten in die Flucht getrieben. Die Regierungstruppen erhielten Verstärkung und Nachschub und schlugen jetzt zurück. Auch um das Dorf Sufija gab es am Dienstag heftige Kämpfe.

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