Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.08.2015

17:49 Uhr

Abwanderung

Suche Einwohner, biete Dorf

VonThomas Hanke

Spanien und Frankreich spüren den Bevölkerungsschwund: Hunderte kleine Orte sind unbesiedelt und gleichen Geisterstädten. Warum sie trotzdem ihren Reiz haben. Und wie die Regierungen sie mit Leben füllen wollen.

Geisterstadt: Escó, der spanische Ort in den Pyrenäen, sucht neue Bewohner.

Verlassen

Geisterstadt: Escó, der spanische Ort in den Pyrenäen, sucht neue Bewohner.

ParisVerlassene Dörfer in unberührter Natur finden sich in ganz Spanien und auch im Süden Frankreichs. Meist liegen sie in den schönsten Landschaften: Galizien in Nordwestspanien, den Pyrenäen und deren Ausläufern im Norden, in dünn besiedelten Teilen Kataloniens und von Valencia im Osten. In Frankreich locken das Zentralmassiv, Languedoc und auch Landstriche in der Mitte, in denen die Landwirtschaft nicht mehr rentabel ist.

Anders als in Spanien gibt es in Frankreich seit der Mitte der 70er-Jahre eine starke Bewegung „zurück zur Natur“, Aussteiger, teils politisch bewegt, zogen in Dörfer, denen die Landflucht übel mitgespielt hatte.

Wer durch die schmalen, unbewohnten Gassen eines verlassenen Weilers streift und die teils atemberaubende Aussicht etwa in den Pyrenäen genießt, spielt unwillkürlich mit dem Gedanken: Und wenn ich einfach mit Sack und Pack hierhin ziehe? Ein kleiner, kecker Verführer flüstert ins Ohr: Hängst Du wirklich so an Krach und Smog in deiner Großstadt? Sei kein Weichei, träum nicht vom Süden, nimm ihn dir!

Zweifel am geordneten Leben werden leicht gemacht, weil im Internet und in den Printmedien regelmäßig Geschichten auftauchen mit Titeln wie „Dorf zu verschenken“. Wer genauer hinsieht, stellt allerdings schnell fest: Oft hat hier nur ein schlauer Makler einen Köder ausgeworfen. Zu verschenken hat er nichts, nach einem, zwei günstigen Lockvogel-Angeboten landet man schnell bei Anwesen mit mehreren Häusern und viel Fläche, die allerdings zu fürstlichen Preisen offeriert werden.

Dennoch gibt es viele entvölkerte Dörfer. In Spanien wird ihre Zahl auf mehr als 3000 geschätzt, in Frankreich sind es weniger. Verschenkt wird selten etwas, und wer sich in einem der Geisterdörfer niederlässt, braucht im wahrsten Sinne des Wortes Pioniergeist.

Die deutsche und französische Wirtschaft im Vergleich

Wachstum

Frankreich: Die Industriestaaten-Organisation OECD hat die Wachstumsprognose erst vorige Woche mehr als halbiert. 2014 wird das Bruttoinlandsprodukt demnach nur um 0,4 Prozent zulegen, nachdem im Frühjahr noch 0,9 Prozent vorausgesagt worden waren. Für kommendes Jahr wurde die Prognose von 1,5 auf 1,0 Prozent zurückgenommen.

Deutschland: Auch bei Europas Nummer eins hat die OECD den Daumen gesenkt. Für das laufende Jahr wurde die Prognose von 1,9 auf 1,5 Prozent zurückgenommen, für 2015 von 2,1 auf ebenfalls 1,5 Prozent.

Arbeitslosigkeit

Frankreich: Wegen der Konjunkturflaute leidet der Nachbar unter einer Rekordarbeitslosigkeit. Die EU-Kommission sagt für dieses Jahr einen Anstieg auf 10,4 Prozent voraus, 2015 soll es leicht nach unten gehen auf 10,2 Prozent. Das entspricht etwa dem Durchschnitt aller 28 EU-Staaten.

Deutschland: Hier ist die Arbeitslosenquote nur halb so hoch. Nach der Prognose der EU-Kommission wird sie in diesem Jahr auf 5,1 Prozent fallen und 2015 auf diesem Niveau verharren. Mit Österreich weist die Bundesrepublik damit die niedrigste Arbeitslosigkeit in der Euro-Zone auf.

Staatsschulden

Frankreich: Erst 2017 will die Regierung die jährliche Neuverschuldung unter die in den EU-Verträgen erlaubte Höchstgrenze von drei Prozent im Verhältnis zur Wirtschaftskraft drücken. Eigentlich sollte das schon 2015 der Fall sein, doch sieht sich die Regierung in Paris wegen der schwachen Konjunktur dazu nicht in der Lage. Der Schuldenberg wird nach Prognose der EU-Kommission bis 2015 auf 96,6 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt wachsen. Die EU erlaubt eigentlich nur 60 Prozent.

Deutschland: Der Staat könnte 2014 bereits das dritte Jahr in Folge einen leichten Überschuss aufweisen. Zum Halbjahr wurden 16 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Alle übrigen Euro-Staaten dürften hingegen rote Zahlen schreiben. Allerdings ist der Schuldenstand mit rund 76 Prozent immer noch höher als erlaubt.

Wettbewerbsfähigkeit

Frankreich: Ein Grund für die Misere ist die gesunkene Wettbewerbsfähigkeit. Eine Arbeitsstunde kostet private Arbeitgeber durchschnittlich 35,00 Euro. In der besonders stark dem internationalen Wettbewerb ausgesetzten Industrie sind es sogar 36,70 Euro - in der EU sind die Kosten nur in Schweden, Belgien und Dänemark höher. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum Frankreich im weltweiten Standortranking des World Economic Forum (WEF) nur Platz 23 belegt.

Deutschland: Die Arbeitskosten liegen niedriger als in Frankreich. In der Privatwirtschaft sind es 31,70 Euro, in der Industrie 36,20 Euro. Im Standortvergleich des WEF belegt Deutschland den fünften Rang, wobei besonders die gut ausgebildeten Fachkräfte und innovative Unternehmen gelobt werden.

Industrie

Frankreich: Zwar kann das Nachbarland mit großen Unternehmen wie den Autobauern Renault und Peugeot Citroen oder dem Atomkonzern Areva aufwarten. Allerdings fehlt es an einem breiten und exportstarken Mittelstand, der die Absatzkrise in der Euro-Zone durch wachsende Geschäfte in Asien und anderen Boomregionen ausgleichen kann. Die Industrie ist deshalb auf dem Rückzug: Sie trägt nur noch 10,25 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei, der EU-Schnitt liegt bei 15,3 Prozent.

Deutschland: Hierzulande haben viele "hidden champions" ihre Heimat - also unbekannte mittelständische Unternehmen, die Nischen besetzt haben und mit ihren Produkten zu den Weltmarktführern gehören. Die Industrie erlebt in Deutschland eine Renaissance, weil diese Firmen in den Boomregionen aktiv sind. "Nur Deutschland hat es geschafft, zwischen 2007 und 2012 Jobs in der Industrie aufzubauen", stellte die EU-Kommission in ihrem europaweiten Vergleich fest. Der Industrie-Anteil an der Wirtschaftsleistung liegt mit 22 Prozent klar über dem EU-Schnitt.

Denn die früheren Einwohner hatten ihre Gründe dafür, dass sie ihre Natursteinhäuser, die vielleicht neben einer romanischen Kirche stehen, gegen eine anonyme Wohnung in einer hässlichen Großstadt tauschten: Es fehlt an allem, woran man gewöhnt ist, von Wasser über Strom bis zur Verkehrsanbindung. Und vor allem an Jobs.

In Spanien hat die Eisenbahn viele Strecken stillgelegt, und wenn nicht gerade der europäische Regionalfonds seine segnende Hand ausstreckte, wurden die Straßen zum letzten Mal asphaltiert, als die Bevölkerungszahl noch dafür ausreichte. Das war oft zu Zeiten Francos. Danach begann auch in Spanien die Abwanderung, entweder in die Städte, oder gleich ins Ausland.

Zurück geblieben sind Siedlungen mit einer Struktur, die manchmal bis ins Mittelalter zurückreicht. Es fällt schwer, sich ihrem Reiz zu entziehen, wenn man auf der Durchreise ist. Jeder grob behauene Stein, jeder Fenstersturz aus Holz, jeder aus zerborstenen Mauern wachsende Feigenbaum scheint einem zuzuraunen: Bleib hier!

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Hans-Jürgen Wapler

17.08.2015, 10:27 Uhr

Platz für Flüchtlinge
So einfach: Flüchtlinge ziehen in die verlassenen Dörfer -auch in der BRD- ein, haben dort Platz für die meist größeren Familien und bewirtschaften die verlassenen Landstriche .... Dann ist auch die Frage der Arbeitserlaubnis geklärt!
Besser als in Turnhallen zusammenpferchen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×