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20.06.2016

19:10 Uhr

Ägypten

Auf der „Businessclass-Route“ für Flüchtlinge

Neben Libyen ist auch Ägypten zum Ausgangspunkt für Flüchtlinge auf dem Weg nach Europa. Die Methode der Schleuser ist raffiniert. Die EU ist besorgt und versucht, mit Kairo ins Gespräch zu kommen.

Schleuser transportieren Schutz- und Arbeitssuchende ab Alexandria in größeren Schiffen Richtung Italien. dpa

Schleuser

Schleuser transportieren Schutz- und Arbeitssuchende ab Alexandria in größeren Schiffen Richtung Italien.

BrüsselDer Landweg nach Europa ist für Flüchtlinge inzwischen weitgehend versperrt, die Verbindung von der Türkei auf die griechischen Insel ist gekappt, der Seeweg von Libyen extrem gefährlich. Auf dem Weg nach Europa setzen deshalb immer mehr Menschen auf eine sicherere, wenn auch kostspielige Alternative: Schleuser transportieren Schutz- und Arbeitssuchende ab Alexandria in größeren Schiffen Richtung Italien.

Das Problem ist inzwischen so dringlich, dass sich die EU um Gespräche mit den ägyptischen Behörden bemüht. Nach Angaben der europäischen Grenzschutzagentur Frontex kamen im Mai rund 19.000 Migranten in Italien an, was zum Teil auf „eine wachsende Zahl von Abreisen aus Ägypten“ zurückzuführen sei. Der stellvertretende Leiter der Generaldirektion Migration und Inneres der EU-Kommission, Olivier Onidi, erklärte, Gespräche mit Ägypten seien nötig, „um besser zu verstehen, warum dies geschieht“.

Die Sicherheitslage in den Maghreb-Staaten

Marokko – Lage

Während der arabischen Aufstände 2011 zogen auch in Marokko wütende Demonstranten auf die Straße. König Mohammed VI. ließ die Proteste teils niederschlagen, kam den Kritikern jedoch auch entgegen. So ließ er eine neue Verfassung ausarbeiten.

Doch die schlechte wirtschaftliche Lage bleibt als Kernproblem bestehen. Auch Menschenrechtsorganisationen üben Kritik. Laut Amnesty International (AI) werden in Marokko das Recht auf freie Meinungsäußerung und die Versammlungsfreiheit eingeschränkt. AI berichtet von Folter sowie der strafrechtlichen Verfolgung und Inhaftierung von Kritikern. Proteste würden gewaltsam aufgelöst.

Marokko – Terror

Den letzten terroristischen Anschlag erlebte Marokko im Jahr 2011. In einem Touristencafé in Marrakesch detonierte ein Sprengsatz und tötete 17 Menschen. Bis heute können Gefahren durch Terrorgruppen wie den IS, Al-Kaida oder Boko Haram nicht ausgeschlossen werden.

Marokko hat dem Terror den Kampf angesagt. So will es mit der Ausbildung von Imamen gegen religiösen Extremismus vorgehen. Marokko arbeitet im Bereich Sicherheit zudem eng mit Europa zusammen.

Algerien – Lage

Algerien ist ein autoritär regiertes Land. Laut Amnesty International sind Meinungsfreiheit und Versammlungsfreiheit eingeschränkt. Die Menschenrechtsorganisation berichtet, auch 2015 seien Journalisten und Aktivisten zu Haftstrafen verurteilt worden.

Anfang Februar stimmte das Parlament einer Verfassungsreform zu. Diese schwächt die Stellung des Staatschefs. Präsident Abdelaziz Bouteflika herrscht bereits seit knapp 17 Jahren. Zu schaffen macht dem Land der drastische Rückgang des Ölpreises.

Algerien – Terror

Auch Algerien leidet unter Terror. Bei einem Geiseldrama in der algerischen Wüste starben im Januar 2013 mindestens 80 Menschen. 32 Terroristen waren aus dem von Rebellen beherrschten Norden Malis ins Land gekommen. In den 1990er Jahren herrschte in Algerien ein regelrechter Bürgerkrieg gegen Islamisten; auch danach gab es blutige Anschläge. Algerien ist das Stammland der Terrorgruppe Al-Kaida im Islamischen Maghreb (AQMI).

Tunesien – Lage

Tunesien ist das einzige arabische Land, das nach den arabischen Aufständen den Übergang zur Demokratie geschafft hat. 2014 wurde eine neue Verfassung beschlossen, die die persönliche Freiheit sämtlicher Bürger garantieren soll.

Trotz aller Fortschritte berichten Menschenrechtler immer wieder von Folter – vor allem bei Verhören zu Straftaten. Zudem ist die wirtschaftliche Situation äußerst angespannt, vor allem unter Jüngeren ist die Arbeitslosigkeit hoch. Im Januar kam es zu sozialen Unruhen.

Tunesien – Terror

Verschärft wurde die Lage durch mehrere Terroranschläge. Im März 2015 töteten Angreifer bei einem Überfall auf das Bardo-Museum in Tunis mehr als 20 Touristen. Im Juni starben 38 Urlauber, als ein Islamist im Badeort Sousse auf Gäste feuerte.

Im März dieses Jahres überfielen dann Dutzende mutmaßliche Dschihadisten einen tunesischen Militärstützpunkt – mehr als 50 Extremisten und 13 Angehörige der Sicherheitskräfte wurden getötet. Um den Einfall von Dschihadisten und Waffenschmuggel zu unterbinden, hat Tunesien einen 250 Kilometer langen Sandwall an der Grenze zum Bürgerkriegsland Libyen errichtet.

Experten zufolge zahlen manche Migranten, viele davon Syrer, bis zu 5.000 Dollar (4.400 Euro), um Ägypten per Schiff zu verlassen. Diese Schiffe treffen sich südlich von Italien mit kleineren Booten, die aus Libyen kommen und in Richtung italienische Küste fahren. Dort steigen die Passagiere um. Manche ägyptische Polizisten sollen mit den Schleusern zusammenarbeiten.

Tuesday Reitano von der Globalen Initiative gegen transnationales organisiertes Verbrechen nennt die ägyptische Flüchtlingsroute eine Art „Businessclass-Abfahrtsort“. Während die Reise ab Libyen 1.000 bis 1.500 Dollar koste, zahlten Menschen ab Ägypten 3000 bis 5000 Dollar für „eine völlig andere Kategorie von Reise“, erklärt Reitano.

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