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31.12.2014

11:23 Uhr

Ägypten

„Islamischer als die Islamisten“

Homosexualität ist in Ägypten nicht verboten. Verfolgt wird sie trotzdem – eine Festnahme von Dutzenden Männer hat die Polizei sogar für die Medien inszeniert. Die Stimmung gegenüber Schwulen scheint endgültig gekippt.

Ein Mann lehnt an einer in Regenbogenfarben angestrichenen Säule am Abdel-Moneim-Riad-Platz im Herzen von Kairo: Die Schwulen-Community in Ägypten ist großen Repressalien ausgesetzt. dpa

Ein Mann lehnt an einer in Regenbogenfarben angestrichenen Säule am Abdel-Moneim-Riad-Platz im Herzen von Kairo: Die Schwulen-Community in Ägypten ist großen Repressalien ausgesetzt.

KairoDie Männer stehen da wie Freiwild, nackt bis auf die Unterhosen, aufgereiht und mit hängenden Köpfen. Alte wie junge sind darunter, manche muskulös, andere beleibt. Einige wurden mit Plastikschnüren gefesselt - wer freie Hände hat, nutzt sie, um sein Gesicht darin zu vergraben.

Die Szene gehört zu einer Polizeirazzia in einem Hammam, einem orientalischen Badehaus, im Herzen der ägyptischen Hauptstadt Kairo. Die Polizei hatte einen Tipp bekommen, dass sich in dem Bad Männer zum Gruppensex treffen würden. Vor zwei Wochen stürmte sie den Hammam und nahm insgesamt 26 Männer fest. Am Sonntag stehen diese nun in Kairo vor Gericht. Die Anklage wirft ihnen vor, in dem Badehaus ein „homosexuelles Sex-Netzwerk“ betrieben zu haben.

Ein herbeigerufenes Fernsehteam hatte die Hammam-Razzia gefilmt - und noch am selben Abend die Aufnahmen auf Facebook veröffentlicht, unzensiert. Die Moderatorin versprach, die ganze Wahrheit über „die Höhlen, in denen sich Aids in Ägypten verbreitet“, aufzudecken.

Der Aufstieg und Fall von Mohammed Mursi

4. November

In Kairo beginnt der Strafprozess gegen Mursi. Anhänger haben im Vorfeld zu Protesten aufgerufen.

28. und 29. Oktober

Mursi lehnt eine Woche vor Beginn des Prozesses gegen ihn die Rechtmäßigkeit des Gerichts ab. Einen Tag später platzt ein Prozess gegen die Führungsriege der Muslimbrüder wegen Anstiftung zum Mord. Die Richter erklären sich für befangen.

4. Oktober

Muslimbrüder beginnen dreitägige Proteste gegen Mursis Entmachtung, in Ägypten werden dabei mehr als 50 Menschen getötet.

23. September

Ein Gericht in Kairo erklärt die Muslimbruderschaft und alle Ableger der Organisation für illegal.

19. August

Die Staatsanwaltschaft leitet gegen Mursi Ermittlungen wegen Verantwortung für die Tötung von Demonstranten im Dezember 2012 ein. Später folgt eine Anklage wegen Beleidigung der Justiz.

14. August

Bei der Räumung von Protestlagern mit Tausenden Mursi- Anhängern gibt es nach Regierungsangeben mehr als 600 Tote. Eine Verhaftungswelle hochrangiger Muslimbrüder setzt ein.

8. August

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan fordern Zehntausende Islamisten die Wiedereinsetzung Mursis.

3. August

Die Muslimbrüder bestehen darauf, dass Mursi wieder als Präsident eingesetzt wird.

26. und 27. Juli

Mursi wird des Landesverrats beschuldigt und kommt in Untersuchungshaft.

3. und 4. Juli

Nach den Massenprotesten setzt das Militär Mursi ab und stellt ihn unter Arrest. Der oberste Verfassungsrichter Adli Mansur wird Übergangspräsident. Mursi-Anhänger beginnen einen Dauerprotest.

30. Juni

Eine Unterschriftenkampagne der Initiative „Tamarud“ (Rebellion), mit der Mursi zum Rücktritt gezwungen werden soll, gipfelt in Massenprotesten Hunderttausender.

2. Juni

Das oberste Verfassungsgericht verkündet, dass die von Mursi durchgeboxte Verfassung unter nicht gesetzeskonformen Umständen zustande gekommen ist.

29. November 2012

Im Eilverfahren peitscht das von Islamisten dominierte Verfassungskomitee Mursis Entwurf einer neuen Verfassung durch. In Massenprotesten demonstriert die Opposition gegen eine schleichende Islamisierung.

24. Juni 2012

Die Wahlkommission erklärt den Kandidaten der Muslimbruderschaft, Mohammed Mursi, zum Sieger der Präsidentenwahl. Quelle: dpa

Homosexualität ist in Ägypten nicht offiziell verboten. Doch ein 1961 erlassenes Gesetz gegen „sexuelle Ausschweifungen“ half den Behörden immer wieder, Jagd auf Schwule, Lesben und Transgender zu machen. In den Jahren der Revolution seit 2011 nahmen die Zugriffe ab - doch seit der Ex-Militär Abdel Fattah al-Sisi im Mai zum Präsidenten gewählt wurde, nimmt die Verfolgung der „Ausschweifenden“ wieder zu.

„Das Militärregime will so beweisen, dass es einen konservativen Staat führen kann“, sagt Mohammed. „Es arbeitet mit der Angst der Menschen vor allem vermeintlich Unmoralischen.“

Mohammed ist aus Alexandria, 30 Jahre alt und schwul. „Nenn' mich Mohammed A.“, sagt er, um seine tatsächliche Identität zu schützen. Die Gesellschaft sei verletzlich geworden. Er habe miterlebt, wie Freunde von ihm zur Revolution 2011 in Kairo die Regenbogenflagge schwenkten, das internationale Symbol der Lesben- und Schwulen-Community. Heute hingegen seien sie wieder „unsichtbar“ geworden, um nicht in Polizeihände zu geraten.

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