Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.02.2011

14:12 Uhr

Ägypten-Krise

„Einen Gottesstaat am Nil wird es nicht geben“

VonHannes Vogel

ExklusivKrieg mit Israel, islamistischer Terror, demokratischer Flächenbrand im Nahen Osten? Angesichts der Massendemonstrationen in Kairo erklärt Stephan Roll, Ägypten-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik, welche Folgen ein Sturz von Präsident Mubarak wirklich hätte.

Stephan Roll: "Das Rad kann nicht mehr zurückgedreht werden". Pressebild

Stephan Roll: "Das Rad kann nicht mehr zurückgedreht werden".

Handelsblatt: Zehntausende Menschen sind in Kairo auf der Straße, das Militär will nicht auf die Demonstranten schießen. Ist das Mubaraks Ende?

Stephan Roll: Es ist definitiv der Anfang vom Ende. Mubaraks Regierungsumbildung ist reine Kosmetik und wird die Bevölkerung nicht beruhigen. Ganz im Gegenteil: Durch das Vorgehen der Sicherheitskräfte ist die Wut noch gewachsen – das hat noch mehr Menschen mobilisiert. Die Altherrenclique um Mubarak wird sich nicht mehr lange halten.

Handelsblatt: Mubarak kettet sein Schicksal an das Militär und macht Geheimdienstchef Suleiman zum Vizepräsidenten. Ketten sich die Generäle auch an ihn?

Roll: Die Clique, die jetzt die politischen Ämter besetzt, steht offenbar sehr loyal zueinander. Ich hätte einem Mann wie Omar Suleiman mehr politischen Realitätssinn zugetraut. Das Problem ist: Je länger die Generäle an der Macht bleiben, desto mehr werden sie von der Bevölkerung als Teil von Mubaraks System gesehen und desto schwerer können Sie sich von ihm lösen.

Handelsblatt: Wollen sie sich denn von der Macht lösen? Suleiman könnte die Proteste nutzen, um den Pharao vom Thron zu stoßen – und dann selbst darauf sitzen bleiben.

Roll: Das ist nicht realistisch. Die Bevölkerung will politische Freiheiten - das könnte auch ein neuer Diktator nicht mehr ignorieren. Das Rad kann nicht mehr zurückgedreht werden. Auch nicht durch Generäle wie Omar Suleiman. Die Ägypter fordern nicht das Ende der Person Mubarak, sondern das Ende des Systems Mubarak. Auch unter Suleiman würden die Proteste ungebremst weitergehen.

Handelsblatt: Wer regiert dann also nach Mubarak?

Roll: Für die Hauptentscheider an der Macht gibt es keine Exit-Option. Das ist das dringendste Problem - hoffentlich haben das auch westliche Diplomaten begriffen. Das gilt für Mubarak und seine Familie, aber auch die Generäle, die ihm in seinen letzten Tagen die Treue gehalten haben. Man muss diesen Leuten ein Angebot machen, aus dem Konflikt rauszukommen, vielleicht indem sie das Land verlassen. Denn wenn sie in Ägypten bleiben, finden sie sich früher oder später vor Gericht wieder – deswegen werden sie sich mit aller Macht an ihren Stuhl klammern.

Handelsblatt: Trotzdem kursiert im Westen das Horrorszenario einer islamistischen Regierung in Kairo. Übernehmen jetzt die Muslimbrüder die Macht?

Roll: Ich halte das nicht für realistisch. Die Muslimbrüder sind zweifellos eine sehr starke, gut organisierte Oppositionsgruppe in Ägypten. Aber bei freien Wahlen würden sie nicht die absolute Mehrheit bekommen. In den letzten Jahren haben sie sogar an Zulauf verloren. Das sieht man auch bei den Protesten – die eben nicht die Muslimbrüder organisiert haben.

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Jean Baier

01.02.2011, 16:45 Uhr

die islamisten brauchen keine absolute Mehrheit, um an die Macht zu kommen. Das zeigt sich im Libanon. insofern gehören die idealistischen Prognosen von Herrn Roll zum typischen Verharmlosungs-Mainstream linker Phantasten.

apophis

01.02.2011, 16:54 Uhr

Natürlich wird das gefährlich für israel. Die Vernunft spielt bei Revolutionen ,jedenfalls kurzzeitig, keine Rolle.

tomtomtoy

01.02.2011, 17:02 Uhr

Eine neue Regierung in Ägypten würde mit Sicherheit die Unterstützung der USA finden, egal wie sie sich zusammensetzt.
------------------------------------------------------
Und genau diesen Satz zweifel wir ALLE an !!!Weder die Amerikaner noch die Europäer würden mit einem islamisch geprägtes Ägypten "warm werden ". im Gegenteil war es doch auch Ägypten die am höchsten Jüdischen Feiertag israel angegriffen haben ,und die israel Feindlichkeit ist auch in Ägypten nicht zu übersehen .
Die Wirtschaftlichen folgen sind uns längst noch nicht bewusst !!!
Ein Ägypten das den Koran als GG erklärt ist auf keinem Fall im interesse der Gemeinschaft !!!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×