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09.07.2013

13:30 Uhr

Ägypten

„Mehr Wut in den Herzen der Menschen“

Stehen die Muslimbrüder vor dem Aus? Ihre Führung ist durch zahlreiche Festnahmen geschwächt, die Moral nach der schwersten Niederlage in ihrer Geschichte auf dem Tiefpunkt. Die Zukunft der Gruppierung ist ungewiss.

Entsetzt sind die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi nach der Bluttat Anfang dieser Woche. ap

Entsetzt sind die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi nach der Bluttat Anfang dieser Woche.

KairoWieder steht die Muslimbruderschaft dem Gegner gegenüber, der die Bewegung schon seit ihrer Gründung bekämpft. Und wieder kann die Muslimbruderschaft dem Militär, das sie um die Macht in Ägypten gebracht hat, wenig entgegensetzen. Nun harren Männer, die vor einer Woche noch Ministerien führten, nahe der Rabaa-Adawija-Moschee im Nordosten Kairos aus. Hier suchen hochrangige Anhänger der Muslimbruderschaft Zuflucht vor der sengenden Sonne und in manchen Fällen auch vor der Polizei. Es scheint, alles, was sie jetzt noch tun können, ist um ihre 51 Toten zu trauern, die am Montag im Kugelhagel der Armee umkamen.

Die Gewalttat könnte den Muslimbrüdern in dieser unsicheren Lage helfen, ihre Anhänger um sich zu scharen. Doch die 85 Jahre alte Gemeinschaft steht vor großen Herausforderungen: Wie soll sie mit der inneren Zerrissenheit und Abspaltungen von der Bewegung umgehen, die ein Resultat ihres Scheiterns sein dürften? Soll sie sich wieder zur Wahl stellen? Und was soll mit den politischen Führern geschehen, die sie in diese verzweifelte Lage überhaupt erst hineinmanövriert haben? Der Umgang der Muslimbruderschaft mit diesen Fragen wird entscheidenden Einfluss auf das Schicksal der größten arabischen Nation haben. Längst steht die Wirtschaft Ägyptens am Rande des Abgrunds. Die ausländischen Verbündeten fürchten, das Land könne vollends ins Chaos abgleiten.

Ägyptens Islamisten in mehrere Parteien gespalten

Die Muslimbruderschaft

Die Muslimbruderschaft (Ichwan Muslimin) wurde 1928 von dem Volksschullehrer Hassan al-Banna gegründet. Ursprünglich wollte sie mit einem gewaltsamen Umsturz den islamischen Staat errichten. Unter den Millitärregimen nach 1952 wurde sie oft massiv unterdrückt, ihr Vordenker Sajjid Kutb 1966 gehenkt. Heute will die Bruderschaft durch demokratische Wahlen an die Macht gelangen, um Staat und Gesellschaft zu islamisieren. Ihr politischer Arm ist die Partei Freiheit und Gerechtigkeit, die 2011/12 die erste freie Parlamentswahl nach dem Sturz des Militärherrschers Husni Mubarak im Februar 2011 gewann.

Die Nur-Partei

Die Nur-Partei (Hisb al-Nur/Partei des Lichts) wurde nach dem Umsturz 2011 gegründet. Sie ging aus salafistischen Gruppierungen hervor, die vom Mubarak-Regime diskret gefördert wurden, um ein Gegengewicht zur Muslimbruderschaft zu bilden. Die Salafisten sind noch konservativer, lehnen aber gewaltsame Methoden ab. Die von der Nur-Partei angeführte Wahlallianz Islamischer Block wurde bei den ersten Wahlen zweitstärkste Kraft. Mit den Muslimbrüdern monopolisierte Al-Nur die Volksvertretung und die Ausarbeitung der neuen, islamisch geprägten Verfassung. Bei den Massenprotesten gegen Mursi wechselte sie die Seite und schloss sich den Gegnern des Präsidenten an. Die Nur-Partei soll von Saudi-Arabien finanziert werden.

Die Partei für Wiederaufbau und Entwicklung

Die Partei für Wiederaufbau und Entwicklung ist die politische Formation der ehemaligen Angehörigen der Terrororganisation Gamaa Islamija (Islamische Gemeinschaft), die unter anderen 1997 ein Massaker an Touristen in der Königsstadt Luxor mit 60 Toten verübt hatte. Die Gamaa ging aus den radikalen Elementen der Muslimbruderschaft hervor, als diese der Gewalt abschwor. Nach der Zerschlagung schlossen sich einige Gamaa-Kader der Al-Kaida von Osama bin Laden an. Die heutige Gamaa-Nachfolgepartei besteht hauptsächlich aus Ex-Terroristen, die ihre Gefängnisstrafen in Ägypten verbüßt haben oder nach dem Umsturz 2011 freigelassen wurden.

Gehad al-Haddad ist der Sprecher der Muslimbruderschaft, auch er hat sich unter die Männer an der Rabaa-Adawija-Moschee gemischt. Auf die Frage, was nach dem Tod der 51 kommt, hat er eine klare Antwort. „Mehr Wut“, sagte Haddad. „Mehr Wut in den Herzen der Menschen, mehr Leid“. Mohammed Wahab gehört zu der Sicherheitstruppe, die die Bruderschaft für ihr Straßencamp aufgestellt hat. Einige der anderen Wächter haben sich mit Schlagstöcken bewaffnet. Wahab ist unbewaffnet. Aber er sei bereit für einen Angriff des Militärs, erklärt der 32-Jährige: „Wir rechnen damit und warten darauf – wenn sie uns töten wollen, sind wir bereit zu sterben“, sagt Wahab. „Aber wir werden niemals aufhören, friedlich zu sein – selbst, wenn sie auf uns schießen, selbst, wenn wir sterben.“

Auch außerhalb der Muslimbruderschaft bezweifeln viele Experten, dass die Bewegung sich offen von ihrer Jahrzehnte alten Strategie der Gewaltlosigkeit abwenden würde. Das Vorgehen des Militärs gegen den gewählten Präsidenten Mohammed Mursi erhöht allerdings das Risiko, dass einige Islamisten doch ihr Heil in der Gewalt suchen und die Macht mit Bomben statt über die Wahlurne zurückerobern wollen.

Doch Disziplin ist seit langem ein prägender Charakterzug der alten Bewegung. Auch wenn die Führung der Muslimbrüder durch zahlreiche Festnahmen geschwächt und die Moral nach der schwersten Niederlage in ihrer Geschichte auf dem Tiefpunkt ist, rufen sie ihre Anhänger zum passiven Widerstand bis zum Tod auf. Mursis Sturz dürfte die alte Debatte über die langfristige Strategie der Muslimbruderschaft allerdings wieder aufflammen lassen. Schon in der Vergangenheit war die Bewegung tief gespalten in der Frage, ob sie sich um Regierungsämter bemühen soll.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

09.07.2013, 14:39 Uhr

NOTWEHR !!

Die Muslimbrüder haben außer der Religion NICHTS zu bieten!
Leider funktioniert Religion aber nur mit vollem Magen und wenn in dem nichts drin ist, hat man mit dem Koran, Bibel, etc. als Ersatznahrung so sein Problem!
Jetzt, nachdem die Muslimbrüder ihre Unfähigkeit zu einer überlebensfähigen Politik für einen Staat sehr offensichtlich bewiesen haben, jetzt klammert man sich an das Ergebnis einer demokratischen Wahl, die auf ganz anderer politischer Basis abgehalten und entschieden wurde. Hätten die Muslimbrüder sich um das ganz normnale -und notwendige- politische Tagesgeschäft gekümmert, hätte es mit ihnen etwas geben können. Aber sie haben, und das ist nun sehr offensichtlich, außer dem Koran -der, der keinen Magen füllen - sonst nichts zu bieten!
Das Militär war also genötigt diesen unfähigen Glaubensrittern schnellstmöglich das Handwerk zu legen, damit Ägypten nicht ganz in den Abgrund stürzt.

elly

09.07.2013, 15:50 Uhr

Die ursprüngliche Demokratiebewegung ging von den jungen Menschen aus, die sich lange und mutig den Mubarakschergen entgegengesetzt haben. Erst als die Muslimbrüder merkten, dass da eine wirkliche Bewegung im Gange ist, sprangen sie auf den Zug auf! Bis dahin hielten sie sich still.

Die Wahl war ein Ergebnis dessen, dass einfach keine strukturierten Parteien in diesem Land vorhanden waren und sind! Na ja und viele glaubten doch, dass es die Muslimgruppe schon gut macht, alles besser als Mubarak!

Jetzt ist es wie erwartet, die Mehrheit hat begriffen, dass das in kein weltliches Rechtssystem mündet. Vor allem Frauen haben den grössten Nachteil bei diesen Fanatikern.

Klar dürfen die Leute beleidigt und verärgert sein! Nur, Hetze, Gewaltausbrüche und Hasstiraden zeigen das wahre Gesicht der sogenannten Muslimbrüder.
Das will niemand der demokratisch und in einem Rechtsstaat leben will!

Wenn sie sich jetzt zügeln und an einer Neugestaltung mitwirken, dann würden sie wenigstens jetzt beweisen, dass es ihnen wirklich um das Land und die Menschen geht!

Ansonsten ist das alles Glaubenskampf und den will kaum ein Mensch auf diesem Planeten, auch nicht in Ägypten!

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