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17.08.2013

04:34 Uhr

Ägypten

Muslimbrüder rufen zu täglichen Protesten auf

Eine Welle der Gewalt ist auch am Freitag durch Ägypten geschwappt. Die Muslimbruder wollen nun eine Woche lang auf die Straße gehen. Die Politiker des Westens sind machtlos – deutsche Konzerne stellen ihre Arbeit ein.

Erneut viele Opfer nach Protesten in Ägypten

Video: Erneut viele Opfer nach Protesten in Ägypten

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KairoDer von Islamisten ausgerufene „Freitag der Wut“ hat in Ägypten eine neue Eskalation der Gewalt heraufbeschworen. Mindestens 83 Menschen starben nach Angaben aus Sicherheitskreisen bei landesweiten Straßenkämpfen zwischen Demonstranten und der Polizei. Etwa 300 weitere wurden verletzt.

Die Muslimbruderschaft rief am Freitag außerdem zu weiteren Protesten gegen die Regierung und das Militär auf. Die Gruppe forderte die Anhänger des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi auf, täglich zu demonstrieren. Damit könnten die Unruhen noch viele Tage andauern und das Land tiefer ins Chaos stürzen.

Der Westen zeigt sich schockiert vom blutig ausgetragenen Konflikt zwischen den entmachteten Islamisten und den neuen Machthabern. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Beziehungen zu dem Land auf den Prüfstand stellen. Sie forderte nach einem Telefonat mit dem französischen Präsidenten François Hollande ein Ende des Blutvergießens.

Wegen der Unruhen verschärfte das Auswärtige Amt seine Reisehinweise für das Land. Neu ist, dass nun auch von Reisen in die Urlaubsgebiete am Roten Meer um Hurghada und Scharm el Scheich abgeraten wird. Vor Reisen etwa nach Kairo oder ins Nildelta wurde bereits zuvor „dringend abgeraten“. Die meisten deutschen Veranstalter sagten bis Mitte September alle Reisen in das Land ab. Auch viele andere EU-Länder reagierten mit Reisewarnungen.

Fragen und Antworten zur Reise nach Ägypten

Was sagt das Auswärtige Amt?

Das Auswärtige Amt in Berlin hat seinen Sicherheitshinweis für Ägypten entschärft. Es rät seit Ende September nicht mehr grundsätzlich von Reisen dorthin ab. Touristen sollten aber im ganzen Land – ausdrücklich auch in den Badeorten am Roten Meer – besonders vorsichtig sein, rät das Ministerium.

Von Reisen nach Kairo, in die Touristenzentren in Oberägypten (Luxor, Assuan, Nil-Kreuzfahrten) und in das Nildelta wird abgeraten. Auch in die anderen Gebiete wie die Touristen-Hochburgen am Roten Meer sollten Deutsche derzeit aber nicht fahren. Demonstrationen und Menschenansammlungen, insbesondere vor religiösen Stätten sollten unbedingt gemieden werden.

Das Auswärtige Amt rät außerdem von Reisen in entlegene Gebiete der Sahara eindringlich ab. Dies gilt insbesondere für die Grenzregionen zu Libyen und zum Sudan.

Kann ich meine Reise jetzt kostenlos stornieren?

Da unterscheiden sich die Meinungen. Zahlreiche Reiseveranstalter akzeptieren kostenlose Stornierungen nur bei einer offiziellen Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, wie sie für den Nordsinai und das Grenzgebiet zu Israel gilt. Der Reiserechtler Paul Degott sagt aber, eine Kündigung sei immer in einer Situation höherer Gewalt möglich, wenn diese die Reise konkret betreffe und so zum Beispiel „der planmäßige Erholungsurlaub nicht mehr möglich ist“. Dies sei in Ägypten mittlerweile der Fall. Die Anbieter müssten bei Stornierung also den gesamten Reisepreis zurückzahlen. Bei vorzeitiger Abreise müsse vom Verbraucher nur der erbrachte Teil der Reise und die Rückreise bezahlt werden.

Wie reagieren die Anbieter in der aktuellen Situation?

Zahlreiche Anbieter haben ihre Reisen für die kommenden Wochen komplett abgesagt. Andere bieten ihren Kunden kostenlose Umbuchungen, wollen aber keine Stornierungen akzeptieren. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen weist darauf hin, dass Verbraucher eine Umbuchung durch ihren Reiseveranstalter nicht akzeptieren müssen.

Was sollten Touristen tun, die schon vor Ort sind?

Das Auswärtige Amt hält die Lage in den Touristenorten am Roten Meer noch für „ruhig“. Nach Angaben von TUI und Thomas Cook können Urlauber, die bereits in Ägypten sind, ihre Reise fortsetzen. Sie sollten sich lediglich an die Vorgaben der örtlichen Reiseleitungen halten und wie gebucht zurückfliegen. In Hurghada ist das Auswärtige Amt bereits durch einen Honorarkonsul vertreten, auch in andere Reiseorte soll Botschaftspersonal entsandt werden, das für Fragen zur Verfügung steht.

Hilft mir eine Reiserücktritt-Versicherung?

Selbst wer eine Reiserücktritt-Versicherung abgeschlossen hat, ist bei Streit mit dem Reiseveranstalter nicht auf der sicheren Seite. Die Police schließt Ereignisse höherer Gewalt wie Anschläge oder Naturkatastrophen regelmäßig aus. Sie deckt nur persönliche Risiken ab, etwa eine schwere Krankheit oder der Tod eines Angehörigen vor Reiseantritt. Sollte der Anbieter eine kostenlose Stornierung verweigern und wollen Verbraucher dagegen vorgehen, wären sie also auf eine Rechtsschutz-Versicherung angewiesen.

Zu den Protesten nach den Freitagsgebeten hatten die islamistische Muslimbruderschaft und verschiedene radikale Islamisten-Parteien aufgerufen. Zehntausende Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi, der aus der Muslimbruderschaft stammt, gingen auf die Straße und schrien ihre Wut über das Blutvergießen in ihren Protestlagern heraus. Trotz der Eskalation riefen die Muslimbrüder zu weiteren Demonstrationen auf. Für eine Woche solle es täglich landesweit Proteste geben, bis der gestürzte Mursi wieder eingesetzt werde, erklärten die Islamisten am Freitagabend.

Die ägyptischen Sicherheitskräfte haben am Freitagabend eine Moschee mit Anhängern von Mursi eingekesselt. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, das Feuer eröffnet zu haben, wie die Sicherheitskräfte und die Islamisten mitteilten. Belagert wurde die Moschee Al-Fath im Kairoer Bezirk Ramsis. Dort haben die Islamisten eine notdürftige Leichenhalle eingerichtet, mindestens 20 getötete Menschen wurden dort aufgebahrt.

Der seit Wochen schwelende Machtkampf zwischen Islamisten und Mursi-Gegnern war am Mittwoch eskaliert, als Sicherheitskräfte zwei zentrale Camps der Muslimbrüder in Kairo gewaltsam geräumt hatten. Das Vorgehen der Polizei und anschließende Angriffe von Islamisten forderten bislang etwa 600 Todesopfer. Die Islamisten pochen auf die Wiedereinsetzung Mursis, der seit seiner Absetzung durch die Armee am 3. Juli an einem geheimen Ort festgehalten wird.

Die meisten Opfer gab es am Freitag am Rande der zentralen Kundgebung am Ramses-Platz in der Innenstadt von Kairo. Dort hatten sich etwa 20.000 Islamisten und deren Anhänger versammelt. Der Muslimbruderschaft zufolge erschoss die Polizei hier 45 Demonstranten. Beamte des Innenministeriums erklärten hingegen, Dutzende Demonstranten hätten die nahe gelegene Ezbekija-Polizeistation attackiert. Daraufhin sei ein Feuergefecht entbrannt, bei dem mehrere unbeteiligte Zivilisten getötet worden seien. Am Abend nahm die Polizei nach eigenen Angaben Extremisten fest, die in ihren Autos Waffen zum Ramses-Platz bringen wollten.

Experten befürchten, dass die Lage weiter eskalieren könnte. Denn die Polizei hat Order, mit scharfer Munition auf Plünderer und Saboteure zu schießen. In mehreren Landesteilen gilt der Notstand. Auch die Verhaftungswelle von hochrangigen Mitgliedern der Muslimbruderschaft geht weiter. Dem Nachrichtenportal youm7 zufolge wurden vor Beginn der Proteste am Freitag vier führende Muslimbrüder festgesetzt.

Kommentare (23)

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Lawrence

16.08.2013, 20:45 Uhr

Aber: ersteinmal beten bevor es ans Menschenabschlachten geht.

Und natürlich haben "die" "Islamisten" ersteinmal ihren "Tag des Blutes" "gefeiert".

Ich weiß nicht was Islamisten stolz machen kann darauf andere Menschen zu töten oder dem Tod anheimzugeben.

Vermutlich brauchen Islamisten das Blut ihrer Glaubensbrüderles, um sich ernstgenommen emfinden zu müssen.

Solange Islamisten sich selbst und andere Blutbädern anheim geben wird es mit Islamisten überhaupt über gleich garnichts zu reden zu geben!

Lawrence

16.08.2013, 21:06 Uhr

...anderenfalls könnte man annehmen, die internationale Waffenindustrie macht Islamisten zu ihrem willfährigen Verfügungspotential.

d.gladen

16.08.2013, 21:09 Uhr

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