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02.02.2012

16:39 Uhr

Ägypten

Polizei wird für Fußballkatastrophe verantwortlich gemacht

VonMartin Gehlen

Am Tag nach den Fußballtumulten in Ägypten herrscht Entsetzen im Land. Mindestens 74 Tote hat die Katastrophe gefordert. Immer klarer wird, dass die Polizei bei den Krawallen versagte - und Politik eine Rolle spielt.

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KarioDie schweren Ausschreitungen nach einem Fußballspiel in Ägypten nehmen immer mehr politische Dimensionen an. Einen Tag nach den blutigen Krawallen warfen Politiker den Sicherheitskräften am Donnerstag Untätigkeit und Versagen vor. Polizisten und Soldaten hätten sich am Tod von mindestens 74 Menschen mitschuldig gemacht, sagte der Abgeordnete der Muslimbruderschaft, Essam el Erian, am Donnerstag. „Diese
Tragödie ist ein Ergebnis vorsätzlicher Zurückhaltung von Soldaten und Polizisten“, sagte el Erian.

Am Donnerstag versammelten sich aufgebrachte Fußballfans auf dem Sphinx-Platz in Kairo und skandierten Parolen gegen den regierenden Militärrat. Für später am Tag war ein Protestmarsch zum Innenministerium geplant. Die Opposition legte unterdessen nahe, der Militärrat habe die schweren Ausschreitungen geduldet, um Kritiker des Ausnahmezustands ruhigzustellen. Die Notstandsgesetze räumen den Sicherheitskräften weitreichende Befugnisse ein, sollen jedoch bald aufgehoben werden.

Ministerpräsident Kamal al-Gansuri gab während einer Krisensitzung des Parlaments bekannt, dass er den Gouverneur der Stadt Port Said abgelöst und den ägyptischen Fußballverband aufgelöst habe.

Die Menschen auf der Straße und in den Teehäusern standen am Donnerstag unter Schock. Den ganzen Tag liefen im Fernsehen die Bilder aus der Hölle im Stadion von Port Said. Tote liegen auf dem Rasen, Massen prügeln besinnungslos aufeinander ein, Spieler rennen in Todesangst vom Platz, verbarrikadierten sich in den Kabinen und flehen über Handy um ihr Leben. Feuerwerkskörper setzen Zuschauerränge in Brand. Fans werden von den Tribünen in die Tiefe gestoßen, andere von der panisch fliehenden Menge zu Tode getrampelt. Mindestens 74 Tote und über 1000 Verletzte forderten die schlimmsten Fußball-Krawalle in der Geschichte Ägyptens – und sind gleichzeitig die bisher größte Katastrophe von Anarchie und Gesetzlosigkeit seit dem Sturz von Hosni Mubarak vor einem Jahr.

Wer für das Massaker zwischen den Fans der Heimmannschaft Masry und den Unterstützern von Meister Ahly aus Kairo verantwortlich ist, darüber gab es den ganzen Tag über hitzige Debatten. Die einen machten die gewalttätigen Ultra-Fanclubs beider Seiten verantwortlich. Die anderen sehen darin das Werk von Provokateuren des alten Regimes. „Der wahre Grund für diese Eskalation ist die bewusste Abwesenheit von Polizei und Militär“, erklärte el-Erian. Der Zusammenbruch der inneren Sicherheit solle absichtlich Chaos sähen und das Land zerstören, um „die Revolution zu unterminieren und die friedliche Übergabe der Macht an die zivilen Gewählten zu verhindern“.

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