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05.10.2013

17:37 Uhr

Ägypten

Überlebenskampf unter Palmen

VonMathias Brüggmann

Ägypten kommt nicht zur Ruhe: Auch an diesem Wochenende gibt es wieder blutige Ausschreitungen. Dabei wünschen sich die Einheimischen sehnlichst, dass endlich eine Einnahmequelle wieder sprudelt: der Tourismus.

Tourist im Ägyptischen Museum in Kairo: So ungestört wie jetzt können Touristen nur selten die Sehenswürdigkeiten begutachten. dpa

Tourist im Ägyptischen Museum in Kairo: So ungestört wie jetzt können Touristen nur selten die Sehenswürdigkeiten begutachten.

Luxor„Nur einen Euro.“ Mit kräftiger Stimme preist Magdi seine Dienste an. Vor seiner mit bunten Kupfernägeln verzierten schwarzen Kalesche wirbt der 20-Jährige im fußlangen Kaftan, der farblich eine Mischung aus beige und Straßenstaub darstellt, um Mitfahrt. „Ich kann sonst mein Pferd nicht mehr füttern“, will Magdi doch noch zu einer Kutschfahrt überreden. Und tatsächlich wellen sich die Rippen des Braunen bedenklich unter der Haut. „Ramses“ nennt Magdi sein Pferd scherzhaft, wie die berühmten Pharao, der auf der gegenüberliegenden Nil-Seite im „Tal der Könige“ seine letzten Ruhestätte hat – imposant in über hundert Meter langen, prachtvoll mit Hieroglyphen verzierten, unterirdischen Stollen.

Tahrirplatz: Ägyptens Islamisten rufen zu neuen Protesten auf

Tahrirplatz

Ägyptens Islamisten rufen zu neuen Protesten auf

Nach den jüngsten Unruhen machen Ägyptens Muslimbrüder mobil für eine neue Großdemonstration. Auf dem Tahrirplatz in Kairo sollen am Sonntag eine Million Islamisten protestieren - erneute Krawalle drohen.

Doch zum Scherzen ist hier in Luxor niemand zumute. Wo sonst ein Taubenschlag aus Menschen beim Einschiffen in die 282 Nil-Flussfahrtschiffe zu beobachten ist, liegen alle bis auf zwei Kähne vertäut am Pier. Flaute – aber nicht beim Wind, sondern bei den Touristen.

Monatelang hatten Deutschland und andere Staaten nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi Anfang Juli und tödlichen Straßenschlachten zwischen Armee und Mursis Muslimbrüdern Reisewarnungen verhängt, also quasi ein Reiseverbot.

Fragen und Antworten zur Reise nach Ägypten

Was sagt das Auswärtige Amt?

Das Auswärtige Amt in Berlin hat seinen Sicherheitshinweis für Ägypten entschärft. Es rät seit Ende September nicht mehr grundsätzlich von Reisen dorthin ab. Touristen sollten aber im ganzen Land – ausdrücklich auch in den Badeorten am Roten Meer – besonders vorsichtig sein, rät das Ministerium.

Von Reisen nach Kairo, in die Touristenzentren in Oberägypten (Luxor, Assuan, Nil-Kreuzfahrten) und in das Nildelta wird abgeraten. Auch in die anderen Gebiete wie die Touristen-Hochburgen am Roten Meer sollten Deutsche derzeit aber nicht fahren. Demonstrationen und Menschenansammlungen, insbesondere vor religiösen Stätten sollten unbedingt gemieden werden.

Das Auswärtige Amt rät außerdem von Reisen in entlegene Gebiete der Sahara eindringlich ab. Dies gilt insbesondere für die Grenzregionen zu Libyen und zum Sudan.

Kann ich meine Reise jetzt kostenlos stornieren?

Da unterscheiden sich die Meinungen. Zahlreiche Reiseveranstalter akzeptieren kostenlose Stornierungen nur bei einer offiziellen Reisewarnung des Auswärtigen Amtes, wie sie für den Nordsinai und das Grenzgebiet zu Israel gilt. Der Reiserechtler Paul Degott sagt aber, eine Kündigung sei immer in einer Situation höherer Gewalt möglich, wenn diese die Reise konkret betreffe und so zum Beispiel „der planmäßige Erholungsurlaub nicht mehr möglich ist“. Dies sei in Ägypten mittlerweile der Fall. Die Anbieter müssten bei Stornierung also den gesamten Reisepreis zurückzahlen. Bei vorzeitiger Abreise müsse vom Verbraucher nur der erbrachte Teil der Reise und die Rückreise bezahlt werden.

Wie reagieren die Anbieter in der aktuellen Situation?

Zahlreiche Anbieter haben ihre Reisen für die kommenden Wochen komplett abgesagt. Andere bieten ihren Kunden kostenlose Umbuchungen, wollen aber keine Stornierungen akzeptieren. Die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen weist darauf hin, dass Verbraucher eine Umbuchung durch ihren Reiseveranstalter nicht akzeptieren müssen.

Was sollten Touristen tun, die schon vor Ort sind?

Das Auswärtige Amt hält die Lage in den Touristenorten am Roten Meer noch für „ruhig“. Nach Angaben von TUI und Thomas Cook können Urlauber, die bereits in Ägypten sind, ihre Reise fortsetzen. Sie sollten sich lediglich an die Vorgaben der örtlichen Reiseleitungen halten und wie gebucht zurückfliegen. In Hurghada ist das Auswärtige Amt bereits durch einen Honorarkonsul vertreten, auch in andere Reiseorte soll Botschaftspersonal entsandt werden, das für Fragen zur Verfügung steht.

Hilft mir eine Reiserücktritt-Versicherung?

Selbst wer eine Reiserücktritt-Versicherung abgeschlossen hat, ist bei Streit mit dem Reiseveranstalter nicht auf der sicheren Seite. Die Police schließt Ereignisse höherer Gewalt wie Anschläge oder Naturkatastrophen regelmäßig aus. Sie deckt nur persönliche Risiken ab, etwa eine schwere Krankheit oder der Tod eines Angehörigen vor Reiseantritt. Sollte der Anbieter eine kostenlose Stornierung verweigern und wollen Verbraucher dagegen vorgehen, wären sie also auf eine Rechtsschutz-Versicherung angewiesen.

Doch damit ist seit Beginn dieser Woche Schluss: Reiseveranstalter wie Öger Tours, Bucher und Thomas Cook nehmen wieder Reisen nach Ägypten auf. Ebenso kleinere Veranstalter wie FTI oder Phoenix Reisen. Und während Airlines wie Sunexpress weiter Ägypten anfliegen, nimmt der bisher zurückhaltende Branchenriese TUI nach eigenen Angaben ab sofort wieder Ägypten-Buchungen an. Die eigene Airline TUIfly fliege „ab Mitte Oktober wieder Ägypten selbst an“, sagte eine Firmensprecherin dem Handelsblatt. In den vergangenen Wochen habe sich die Lage entsprechend wieder stabilisiert.

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