Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.08.2013

16:37 Uhr

Ägypten

USA und Frankreich fordern Neuwahlen

Die Gewalteskalation in Ägypten hat international Bestürzung ausgelöst. Außenminister Westerwelle bestellte den ägyptischen Botschafter ein, die USA und Frankreich drängen auf Neuwahlen. Der Papst betet für Frieden.

Zahlreiche Tote

Ägyptens Regierung rechtfertigt Gewalt

Zahlreiche Tote: Ägyptens Regierung rechtfertigt Gewalt

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

BerlinEinen Tag nach den blutigen Unruhen in Ägypten mit mindestens 525 Toten haben die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi neue Proteste angekündigt. Für die nächsten Tage riefen die Muslimbrüder, zu denen auch Mursi gehört, zu Großdemonstrationen auf. Am Donnerstag stürmten wütende Islamisten zwei Gebäude der Regionalverwaltung in Giseh und setzten sie in Brand.

Die Häuser mit zwei und vier Stockwerken an der Straße zu den Pyramiden nahe des Nils standen nachmittags in Flammen. Fernsehbilder zeigten, wie die Feuerwehr Angestellte in Sicherheit brachte. In der ägyptischen Hauptstadt selbst blieb es nach den blutigen Zusammenstößen am Vortag jedoch zunächst ruhig. Viele Bürger blieben offenbar aus Angst zu Hause. Banken und die Börse waren geschlossen.

Am Mittwoch waren bei Zusammenstößen zwischen der Polizei und Mursi-Anhängern jüngsten Angaben des Gesundheitsministeriums zufolge mindestens 525 Menschen getötet worden, 202 davon bei der Räumung des Protestlagers im Stadtteil Nasr City. Zudem wurden mehr als 3717 Menschen verletzt, wie ein Ministeriumssprecher sagte.

US-Präsident Barack Obama wollte am Donnerstag an seinem Urlaubsort auf der Insel Martha's Vineyard im US-Staat Massachusetts eine Erklärung zur Eskalation der Gewalt in Ägypten abgeben. Das Chaos in Ägypten wird in aller Welt mit Sorge gesehen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan forderte eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates. Er verurteilte die Räumungsaktion der Polizei als Massaker.

Ägypten als Machtfaktor im Nahen Osten

Bevölkerung

Mit rund 85 Millionen Einwohnern ist der Staat das bevölkerungsreichste arabische Land. Niltal und Nildelta zählen mit mehr als 1100 Menschen pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt.

Wirtschaftskraft

Bei der Wirtschaftsleistung gab es 2012 im Vergleich zum Vorjahr einen prognostizierten Zuwachs von zwei, für 2013 von drei Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte sich 2013 auf geschätzt knapp 276 Milliarden Dollar summieren.

Suezkanal

Kairo kontrolliert mit dem 1956 verstaatlichten Kanal eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Besondere Bedeutung haben die vielen Tanker, die Öl vom Golf nach Europa transportieren. Die Kanalgebühren sind eine tragende Säule des ägyptischen Staatshaushalts.

Tourismus

Die Branche ist einer der wichtigsten Devisenbringer des Landes. Nach einem Einbruch im Revolutionsjahr 2011 mit 9,8 Millionen Touristen (2010: 14,7 Millionen) kamen 2012 bis November 9,5 Millionen. Die Zahl der deutschen Urlauber stieg in den ersten neun Monaten 2012 im Vergleich zu 2011 um gut 29 Prozent auf rund 830 000.

Nahostfrieden

Für die EU und die USA ist Ägypten seit langem ein verlässlicher Vermittlungs- und Verhandlungspartner. Auf die palästinensische Seite wirkte Kairo oft mäßigend ein. Ägypten war das erste arabische Land, das Israel anerkannte. Die Staaten schlossen 1979 einen Friedensvertrag.

Dschihadisten

Präsident Husni Mubarak verfolgte einen harten Kurs gegen Islamisten und präsentierte Ägypten als „Bollwerk gegen Dschihadisten“. Unter seinem Nachfolger Mohammed Mursi konnten militante Islamisten in einigen Bezirken östlich der Stadt Al-Arisch mehr oder weniger unbehelligt von der Staatsmacht schalten und walten. Aus Sicht der Armee waren die Operationen gegen Extremisten mit Nähe zum Terrornetzwerk Al-Kaida in dem Gebiet in dieser Zeit halbherzig.

Der ägyptische Botschafter in Deutschland ist am Donnerstag ins Auswärtige Amt einbestellt worden. Eine Sprecherin des Außenministeriums sagte, auf Veranlassung von Minister Guido Westerwelle (FDP) sei Mohamed Abdelhamid Ibrahim Higazy die Haltung der Bundesregierung zu den Geschehnissen in Ägypten „in aller Deutlichkeit“ dargelegt worden. Westerwelle hatte am Mittwoch ein sofortiges Ende der Gewalt und einen umfassenden politischen Dialog gefordert. Im Auswärtigen Amt trat der Krisenstab zusammen.

Auch die Europäische Union verurteilte die Gewalt aufs Schärfste. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat wegen der Zuspitzung der Lage in Ägypten eine Sitzung des Weltsicherheitsrates gefordert. Den ägyptischen Sicherheitskräften warf er am Donnerstag erneut vor, beim gewaltsamen Vorgehen gegen Protestlager der Muslimbrüder in Kairo Massaker begangen zu haben.

„Wenn der Westen nun keine entschiedenen Schritte unternimmt, wird die Demokratie weltweit in Frage gestellt“, zitierte die türkische Nachrichtenagentur Anadolu den islamisch-konservativen Politiker. Wer schweige und gleichgültig bleibe, mache sich mitschuldig, sagte er.

Auch in Frankreich wurde der ägyptische Botschafter einbestellt. Präsident François Hollande erklärte, es müsse alles getan werden, „um einen Bürgerkrieg“ zu vermeiden. Auch er drang darauf, so bald wie möglich Neuwahlen abzuhalten.

Kommentare (4)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

15.08.2013, 13:48 Uhr

An dem Debakel trifft die US-Regierung die Schuld. Der ganze "arabische Frühling" war geplant, lief aber aus dem Ruder. Hier ein Artikel von Engdahl, wo es vordergründig um die Beziehungen USA-Rußland/Putin geht, hintergründig aber um den Arabischen Raum und die Langzeitpläne der USA (die Diskussion der Gasfelder des östlichen Mittelmeers wird hierbei außen vor gelassen):

http://info.kopp-verlag.de/hintergruende/geostrategie/f-william-engdahl/was-sich-wirklich-hinter-obamas-staatsmaennischer-haltung-gegenueber-russland-verbirgt.html

Um "Demokratie" und dergleichen geht es natürlich nicht. Das ist immer nur das Märchen fürs Volk. Um Demokratie (was das Volk wirklich will) geht es auch in unserer "repräsentativen" Mediokratur nicht, falls das jemand noch nicht gemerkt hat - auch wenn man seine Stimme an eine der vorselektierten Blockparteien und deren Polit-Darsteller "abgeben" darf.

Gast

15.08.2013, 15:12 Uhr

Nö. Schuld ist Facebook. Dadurch konnten sich die ganzen LEute erst zusammenrotten und organisieren.
ICh glaube die USA beissen sich in den Hintern, dass die in den IRak gegangen sind. nur 4 Jahre und die ganze Sache hätte sich auch von selbst erlädigt.

Tabu

16.08.2013, 13:09 Uhr

USA und Frankreich fordern Neuwahlen
-----------
Und schwups sind damit die Muslimbrüder verschwunden?

Der aufgeklärte Teil,will sich nicht mehr gängeln
lassen.
Ich habe was dagegen,wenn Mädchen die dort zur Welt
kommen,sich dem islamischen Diktat beugen müssen.
Wer selbst eine Tochter hat,wird meine Einstellung teilen.
Man kann diese Brüder nicht mehr machen lassen,mit
Frauen und Kinder,wie sie es vorgeben.
Also sollte man sich dort einmischen,wo Aufklärung
mehr als Not tut...Im Namen der Kinder.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×