Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

09.06.2014

13:07 Uhr

Ägyptens neuer Präsident

Al-Sisi duldet keinen Widerspruch

Es wird ernst für Abdel Fattah al-Sisi: Der neue Präsident muss sich beweisen und Ägypten aus der Krise führen. Schon jetzt ist klar: Der Ex-Militärchef wird mit eiserner Hand regieren – und keinen Widerspruch dulden.

Für Abdel Fattah al-Sisi beginnen nun die Schicksalsjahre. Er muss Ägypten aus der Krise führen – keine einfache Aufgabe. Reuters

Für Abdel Fattah al-Sisi beginnen nun die Schicksalsjahre. Er muss Ägypten aus der Krise führen – keine einfache Aufgabe.

KairoÜber den neuen ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi gab es viele Gerüchte. Seine Frau trage Gesichtsschleier, munkelte man. Außerdem sei er in der Armee der Mann der Muslimbruderschaft. Der 59-jährige Sisi ist tatsächlich sehr fromm und trägt ein Gebetsmal, eine „Sabiba“, auf der Stirn. Den Muslimbrüdern aber steht er keineswegs nahe, wie spätestens am 3. Juli 2013 klar wurde: An jenem Mittwoch jagte der damalige Oberbefehlshaber der Armee den islamistischen Staatschef Mohammed Mursi aus dem Amt.

Nun ist al-Sisi mit riesiger Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden und hat den Amtseid abgelegt. Er wird wohl ein Staatschef sein, den man vor allem auf Plakaten und Fernsehbildschirmen sehen wird - nicht aber im persönlichen Kontakt mit den Menschen. Denn die Öffentlichkeit mied er bereits im Wahlkampf. Es seien zwei Mordanschläge auf ihn vereitelt worden, sagte er dazu in einem Fernsehinterview.

Klar ist auch: Er wird das Land mit harter Hand regieren und keinen Widerspruch dulden. Seit dem Sturz Mursis wurden Hunderte Muslimbrüder getötet, verhaftet und die Bewegung verboten. Der „Krieg gegen Terror“ - wie er es nennt - hat für den neuen Präsidenten oberste Priorität.

Ägypten als Machtfaktor im Nahen Osten

Bevölkerung

Mit rund 85 Millionen Einwohnern ist der Staat das bevölkerungsreichste arabische Land. Niltal und Nildelta zählen mit mehr als 1100 Menschen pro Quadratkilometer zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt.

Wirtschaftskraft

Bei der Wirtschaftsleistung gab es 2012 im Vergleich zum Vorjahr einen prognostizierten Zuwachs von zwei, für 2013 von drei Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte sich 2013 auf geschätzt knapp 276 Milliarden Dollar summieren.

Suezkanal

Kairo kontrolliert mit dem 1956 verstaatlichten Kanal eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Besondere Bedeutung haben die vielen Tanker, die Öl vom Golf nach Europa transportieren. Die Kanalgebühren sind eine tragende Säule des ägyptischen Staatshaushalts.

Tourismus

Die Branche ist einer der wichtigsten Devisenbringer des Landes. Nach einem Einbruch im Revolutionsjahr 2011 mit 9,8 Millionen Touristen (2010: 14,7 Millionen) kamen 2012 bis November 9,5 Millionen. Die Zahl der deutschen Urlauber stieg in den ersten neun Monaten 2012 im Vergleich zu 2011 um gut 29 Prozent auf rund 830 000.

Nahostfrieden

Für die EU und die USA ist Ägypten seit langem ein verlässlicher Vermittlungs- und Verhandlungspartner. Auf die palästinensische Seite wirkte Kairo oft mäßigend ein. Ägypten war das erste arabische Land, das Israel anerkannte. Die Staaten schlossen 1979 einen Friedensvertrag.

Dschihadisten

Präsident Husni Mubarak verfolgte einen harten Kurs gegen Islamisten und präsentierte Ägypten als „Bollwerk gegen Dschihadisten“. Unter seinem Nachfolger Mohammed Mursi konnten militante Islamisten in einigen Bezirken östlich der Stadt Al-Arisch mehr oder weniger unbehelligt von der Staatsmacht schalten und walten. Aus Sicht der Armee waren die Operationen gegen Extremisten mit Nähe zum Terrornetzwerk Al-Kaida in dem Gebiet in dieser Zeit halbherzig.

Al-Sisi wurde am 19. November 1954 in Kairo geboren. Seine Familie stellte Kunsthandwerk her und verkaufte es an Touristen. Nach der Schulzeit besuchte er die Militärakademie und kam dann zur Infanterie. Zu Fortbildungen ging er nach Großbritannien und in die USA. Zwei Jahre war er Militärattaché in Saudi-Arabien. Noch unter Langzeitpräsident Husni Mubarak wurde er Kommandeur der Streitkräfte Nord mit Sitz in Alexandria.

Nach dem Sturz Mubaraks im Arabischen Frühling 2011 rückte er an die Spitze des Militärgeheimdienstes. Er gehörte dem Obersten Militärrat (SCAF) an, der vorübergehend die Macht übernahm. In dieser Zeit fiel er ein einziges Mal auf: Als Wochen nach dem Umsturz Demonstrantinnen nach ihrer Festnahme sogenannten Jungfrauentests unterzogen wurden, rechtfertigte al-Sisi dies. Schließlich hätten die Frauen mit jungen Männern auf dem Tahrir-Platz campiert. Damit sie nicht später behaupteten, sie seien von Polizisten vergewaltigt worden, habe man ihre „Jungfräulichkeit“ geprüft, sagte er.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×