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11.03.2016

20:25 Uhr

Ägyptens Präsident al-Sisi

Der Heilsbringer hat sich selbst entzaubert

Nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi vor fast drei Jahren wurde Abdel Fattah al-Sisi als Heilsbringer beschrieben. Inzwischen bläst ihm heftiger Gegenwind entgegen. Auch wirtschaftlich sieht es düster aus.

Der Präsident konnte seinen Messias-Status nicht halten. Reuters

Brennendes Poster von al-Sisi

Der Präsident konnte seinen Messias-Status nicht halten.

Kairo„Ihre Exzellenz, Sie arbeiten nicht!“ – Die Fernsehmoderatorin Assa al-Hemawy schaut in die Kamera, richtet sich aber in Wirklichkeit direkt an den ägyptischen Präsidenten Abdel Fattah al-Sisi. „Nicht ein einziges Problem ist gelöst, seitdem Sie an der Macht sind.“

Hemawy bringt auf den Punkt, was viele Ägypter denken. Der nach dem Sturz von Präsident Mohammed Mursi vor fast drei Jahren immer wieder als Heilsbringer beschriebene Sisi hat sich selbst entzaubert. In den Medien bläst ihm inzwischen heftiger Gegenwind entgegen – auch wenn Hemawy wegen ihrer Äußerung eine interne Untersuchung des Staatsfernsehens über sich ergehen lassen muss. Zudem schlagen immer mehr bisherige Verbündete des Ex-Armeechefs kritische Töne an.

Daten und Fakten zu Ägypten

Die Bevölkerung

Ägypten ist das bevölkerungsreichste arabische Land. Der etwa eine Million Quadratkilometer große Staat im Norden Afrikas besteht überwiegend aus Wüste. Ein Großteil der etwa 88 Millionen Einwohner lebt entlang des Nils sowie im Nildelta, die zu den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt zählen.

Die Religion

90 Prozent sind Muslime, der Islam ist Staatsreligion.

Der Suezkanal

Kairo kontrolliert mit dem 1956 verstaatlichten Suezkanal eine der meistbefahrenen Wasserstraßen der Welt. Die Kanalgebühren sind eine tragende Säule des ägyptischen Budgets.

Der Tourismus

Der Tourismus, ein weiterer wichtiger Devisenbringer, hat seit der Revolution 2011 stark gelitten.

Die Wirtschaft des nordafrikanischen Landes steckt tief in der Krise, der Islamisten-Aufstand auf der Sinai-Halbinsel eskaliert immer weiter und die Brutalität der bislang unreformierten Polizeitruppen lösen Proteste aus.

„Unser Staat sperrt Menschen für ihre Gedanken und ihre Bücher ein“, schrieb der bekannte Chefredakteur Ibrahim Eissa vergangenen Monat in einem Leitartikel. Kurz zuvor war ein junger Schriftsteller wegen einer Sex-Szene in seinem Buch inhaftiert worden. Damit vollzieht Eissa eine Kehrtwende vom glühenden Bewunderer zum erbitterten Kritiker des einstigen Armee-Chefs, dessen Aufstieg der Journalist seinerzeit als „Tag der Freude, Tag des Sieges, Tag der Würde und Tag des Stolzes“ bezeichnete.

Der prominente politische Aktivist und frühere Sisi-Anhänger Abu al-Ghar beschrieb den Staatschef jüngst als Präsident über eine kollabierte Wirtschaft und eine Polizei, die „schlägt und foltert“.

Die Bevölkerung verehrte den General mit dunkler Sonnenbrille, der nach Massenprotesten den Putsch gegen den in Ungnade gefallen Muslimbruder Mursi betrieb und etwa ein Jahr später zu dessen Nachfolger gewählt wurde. Er kündigte an, endlich für Stabilität in einem Land zu sorgen, das im Chaos zu versinken drohte. Konditoreien kamen kaum damit nach, Kuchen mit dem Konterfei Sisis zu backen. „Sisi wurde von einer Woge der Popularität an die Macht getragen“, sagt H.A. Hellyer vom Atlantic Council in Washington. „Das sollte aber nicht lange anhalten. Er kann den Messias-Status nicht halten.“

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