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08.12.2016

20:45 Uhr

Ärzte schlagen Alarm

Paris ächzt unter einer Smog-Kuppel

VonThomas Hanke

Die Pariser schnappen nach Luft, während ihre Verantwortlichen sich im Polit-Kindergarten streiten. Seit einer Woche hält über der Hauptstadtregion eine Kuppel aus warmer Luft die Schadstoffe am Boden fest.

Seit zehn Jahren war die Luftverschmutzung in Paris nicht mehr so hoch wie derzeit. AFP; Files; Francois Guillot

Smog in Paris

Seit zehn Jahren war die Luftverschmutzung in Paris nicht mehr so hoch wie derzeit.

ParisDen Ärzten im Großraum Paris reißt der Geduldsfaden angesichts des wirkungslosen Palavers der Politiker in der Smog-Krise. „Wir brauchen jetzt endlich mutiges Handeln“, sagte Gilles Dixsaut, der den Verband der Fachärzte für Atemwegserkrankungen leitet, am Donnerstag in Paris. Kollegen von ihm drohten gar mit einer Klage gegen die verantwortlichen Politiker „wegen unterlassener Hilfeleistung“.

Seit einer Woche hält eine Kuppel aus warmer Luft über der Hauptstadtregion die Schadstoffe am Boden fest. Gleichzeitig führen die verantwortlichen Politiker von Paris und der umgebenden Region Ile de France einen unbeschwerten Kleinkrieg.

Bürgermeisterin Anne Hidalgo von den Sozialisten rühmt ihren Kampf gegen den Diesel und vertritt das geltende partielle Fahrverbot, während die konservative Präsidentin der Region, Valérie Pécresse, freie Fahrt fordert. Begründung: Der Regionalverkehr – für den sie zuständig ist – funktioniere derzeit nicht richtig!

Seit der vergangenen Woche liegen vor allem die Partikelwerte sehr hoch. Auch die Stickoxid-Belastung ist heftig. Die zuständige Messbehörde Airparif gab am Donnerstag einen Durchschnittswert von 90 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft an für Partikel, die kleiner sind als zehn Mikron. Diese vor allem aus Dieselmotoren stammenden Teilchen sammeln sich in den Atemwegen an. Es kratzt und brennt in den Bronchien, die Augen tränen, Kopfschmerzen und Mattigkeit stellen sich ein. Partikel lösen akute Erkrankungen bis hin zu Lungenentzündungen aus. Langfristig sind sie wesentlich gefährlicher. Vor allem die kleinsten Partikel unter 2,5 Mikron gelangen in die Blutbahn, von dort in alle Organe und können Krebs auslösen.

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Die Luft in Europa ist besser geworden, doch noch immer sterben jedes Jahr 467.000 Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung. Mitverantwortlich: der Autoverkehr. Und die Landwirtschaft.

Seit zehn Jahren war die Luftverschmutzung nicht mehr so hoch wie derzeit. Die Stadt Paris wollte schon vergangene Woche mit einem Fahrverbot reagieren. Denn bis zu 60 Prozent der Partikel stammen aus dem Straßenverkehr. Doch wie schon öfter in der Vergangenheit bremste der Präfekt, der Vertreter der Regierung, nicht den Verkehr, sondern den Umweltschutz. Deshalb trat das teilweise Fahrverbot erst am Dienstag in Kraft, derzeit ist es bis einschließlich Freitag verlängert. Die Inversionswetterlage, die zu der unbeweglichen Haube aus verpesteter Luft führt, dürfte allerdings noch länger anhalten.

Inzwischen sind auch andere Städte wie Lyon und Villeurbanne betroffen, die ebenfalls tageweise nur Autos mit gerader oder ungerader Nummer fahren lassen. Der öffentliche Nahverkehr ist gratis. Doch der Effekt der Verkehrsbeschränkung ist minimal: Wie Airparif, in Paris für die Messung der Luftqualität zuständige Behörde, mitteilt, halten sich nur zehn bis 20 Prozent der Fahrzeughalter an das Fahrverbot.

Die einfache Beobachtung am Straßenrand reicht, um das zu bestätigen. Donnerstag war ein „gerader“ Kalendertag, eigentlich durften nur Autos mit gerader Nummer fahren. Doch ungerührt preschen auch die dicksten SUV mit ungerader Nummer über die Pariser Boulevards. Polizisten stehen daneben und schauen untätig zu. Sollten sie wider Erwarten dennoch jemanden anhalten, ist die Buße schnell verschmerzt: Schlimmstenfalls 35 Euro muss zahlen, wer trotz Fahrverbot Gas gibt.

Ohnehin existieren zahlreiche Ausnahmen: Für alle Autos, die „mit öffentlichem Auftrag“ unterwegs sind, sämtliche Lieferwagen, Taxis, Lastwagen, die Lebensmittel transportieren, Baustellenfahrzeuge, Busse, Autos von Händlern in der Stadt, Diplomaten und Ausländern. Sogar Journalisten sind ausgenommen.

Die Bürger von Paris und der Ile de France zahlen einen hohen Preis für die Untätigkeit ihrer Politiker. Während in anderen europäischen Ländern mittels der Feinstaub-Plakette schon vor Jahren die schlimmsten Stinker zumindest aus den Innenstädten verbannt wurden, hat Frankreich sich damit Zeit gelassen. Erst im nächsten Jahr tritt in Paris eine Plaketten-Pflicht für Autos in Kraft, die es erleichtert, Fahrverbote durchzusetzen: Wenn die Behörden es denn wirklich wollen.

Kommentare (2)

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Frau Annette Bollmohr

09.12.2016, 09:38 Uhr

„Die Pariser schnappen nach Luft, während ihre Verantwortlichen sich im Polit-Kindergarten streiten. - Kollegen von ihm drohten gar mit einer Klage gegen die verantwortlichen Politiker „wegen unterlassener Hilfeleistung“.“

Nochmal: Wir brauchen diese „Verantwortlichen“ (gemeinhin „Politiker“ genannt) heute nicht mehr. Solche vom Schlage Putins, Assads, Trumps, Kim jong-uns, Mugabe und wie sie alle heißen schon mal gar nicht. Aber den Rest auch nicht.

Mal ganz abgesehen davon, dass sie das heute sowieso schon tun: Die Verantwortung für ihre Angelegenheiten übernehmen können die Bürger heute selber. Sogar die institutionelle Infrastruktur dazu ist heute oft schon weitgehend vorhanden.

Seien wir doch ehrlich: Überall da, wo es einigermaßen „läuft“ ist dieser Umstand nicht etwa an den Politikern zu verdanken, sondern er liegt eher einem stabilen Ordnungsrahmen, der deren bürokratischen Macht- und „Sicherheits“-apparaten zuverlässig Grenzen aufzeigt und so den Bürgern immerhin soviele Freiheiten lässt, dass die unendliche Vielfalt an unterschiedlichen Kompetenzen unter der Bevölkerung im Sinne der Allgemeinheit ohne überflüssige Obstruktionen zum Tragen kommen kann.

Streiten und zoffen könnten wir uns in einem digital gesteuerten Demokratiesystem nämlich auch ohne Ende (auf verbaler Ebene, versteht sich).

Der entscheidende Unterschied zum jetzigen museale System einer „parlamentarischen“ Demokratie - das nicht nur wegen eines unentwirrbaren Dickichts verschiedenster (selbstgeschaffener) Sachzwänge, in dem sich die „Politik“ längst bis zur absoluten Handlungsunfähigkeit verirrt hat, sondern insbesondere auch wegen des ausufernden Lobbyismus verschiedenster „Interessengruppen“ nebst der dadurch induzierten Intransparenz zur Farce verkommen ist läge lediglich darin, dass am Ende tatsächlich jede Menge echter Mehrwert für jedermann dabei herauskäme.

Herr Josef Schmidt

09.12.2016, 10:22 Uhr

Die bürgerliche Freiheit hat zu diesen Zustände geführt. Alle fahren Diesel weil sie sich die wenigen Cent Mehrkosten für richtigen Sprit nicht leisten können und verpesten damit die Innenstädte.

Der Diesel gehört in den Innenstädte verboten und zwar per Gesetz oder Fahrverbot weil durch ihre eigene Dummheit die Bürger sich sonst selbst töten.

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