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10.12.2015

13:28 Uhr

Afghanistan

Mehr als 60 Tote bei Taliban-Angriff auf Flughafen

Der afghanische Präsident Ghani drängt auf Friedensgespräche – aber die Taliban setzen weiter auf Gewalt. Erst greifen die Islamisten den zweitgrößten Flughafen des Landes an. Dann überrennen sie einen Distrikt.

Der Kandahar International Airport ist der zweitgrößte Flughafen in Afghanistan. ap

Wichtiges Ziel

Der Kandahar International Airport ist der zweitgrößte Flughafen in Afghanistan.

KabulBei dem Überfall der radikal-islamischen Taliban auf den zweitgrößten Flughafen Afghanistans in Kandahar sind nach offiziellen Angaben 61 Menschen getötet worden, darunter alle elf Angreifer. Weitere 35 Menschen seien verletzt worden, teilte das Verteidigungsministerium am Donnerstag mit. Der Angriff dauerte mehr als 27 Stunden. Ein letzter Taliban kämpfte bis in den späteren Mittwochabend hinein (Ortszeit) gegen Sicherheitskräfte.

„Unter den Todesopfern waren 38 Zivilisten, zehn Soldaten und zwei Polizisten“, sagte Ministeriumssprecher Daulat Wasiri am Morgen der Deutschen Presse-Agentur. Auf dem Flughafen stationierte Soldaten berichteten, auch Frauen und Kinder seien ums Leben gekommen. Die Kämpfe ereigneten sich vor allem in einem Wohnareal für Angehörige der afghanischen Streitkräfte. Der Flughafen gilt als gut gesichert. Wie die Angreifer eindrangen, soll nun laut Flughafenkommandeur eine Untersuchungskommission klären.

Afghanistan: Streitkräfte schlagen Talibanangriff auf Flughafen zurück

Afghanistan

Streitkräfte schlagen Talibanangriff auf Flughafen zurück

Die Taliban haben den militärischen Teil des Flughafens in der afghanischen Stadt Kandahar angegriffen. Zuvor hatte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen den afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani getroffen.

Ausländische Truppen waren von der Attacke nicht betroffen. Am Flughafen sind etwa 2000 internationale Soldaten stationiert, etwa aus Rumänien, Belgien und Georgien. Außerdem leben dort etwa 5000 Vertragskräfte.

Weitere Kämpfe drohten am Donnerstag in der südafghanischen Provinz Helmand. Dort hatten Taliban am Mittwoch den Distrikt Khanischin unter ihre Kontrolle gebracht. Spezialkräfte sollen ihn zurückerobern, wie ein Polizeisprecher sagte. Helmand und Kandahar sind Hochburgen der Extremisten und heftig umkämpft.

Präsident Aschraf Ghani drängte am Mittwoch bei einer Afghanistan-Konferenz in Pakistan „alle Taliban, mit der afghanischen Regierung Friedensgespräche aufzunehmen“. Er traf sich auch mit Vertretern der USA, Chinas und Pakistans, um zu diskutieren, wie die Extremisten an den Verhandlungstisch gebracht werden können.

Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten

Die große Mehrheit...

... nämlich etwa 80 bis 90 Prozent der Muslime weltweit sind Sunniten, nur in wenigen Ländern stellen Schiiten die Mehrheit. Dazu zählen der Iran, der Irak und Bahrain. Der Konflikt im Jemen droht sich zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Sunniten und Schiiten und damit zwischen deren Schutzmächten Saudi-Arabien und dem Iran zu entwickeln. Die Auseinandersetzung lenkt das Augenmerk auf diese beide größten Glaubensrichtungen des Islam.

Eine Frage des Propheten...

... ist die Entstehung der beiden Glaubensrichtungen Sunniten und Schiiten. Die muslimische Gemeinschaft spaltete sich im Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed im siebten Jahrhundert. Die Mehrheit der Muslime wollte damals einen geeigneten Kandidaten frei bestimmen. Die Minderheit dagegen verlangte, dass der Nachfolger aus Mohammeds Familie stammen müsse, und legte sich auf seinen Vetter Ali fest. Die Anhänger dieser Minderheit wurden "Schiat Ali", Partei Alis, genannt, woraus sich die Bezeichnung Schiiten entwickelte. Der Begriff Sunniten leitet sich von der Sunna ab, den Überlieferungen des Propheten.

Konfliktlinien...

... ergeben sich entsprechend. Die Sunniten lehnen die Heiligenverehrung und den Märtyrerkult der Schiiten strikt ab. Die Schiiten wiederum fühlen sich oft als Opfer der Sunniten. Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der beiden Konfessionen gibt es nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in Ländern wie Pakistan.

Als Schutzmacht...

... der Sunniten sieht sich das Königreich Saudi-Arabien. Der Iran betrachtet sich als Interessenvertreter der Schiiten. Beide Staaten konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Kenner der Region gehen davon aus, dass der Iran durch die aktuellen Umwälzungen und die Aussichten auf eine Einigung im Atomstreit nach jahrzehntelanger Isolation an Stärke gewinnen dürfte. Die mit den USA verbündeten saudischen Ölscheichs dagegen dürften an Einfluss verlieren.

Im Jemen...

... ist der Islam ist Staatsreligion. Im Süden leben vor allem sunnitische Schafeiten, im Norden schiitische Zaiditen und eine ismailitische Minderheit. Viele Sunniten im Jemen befürchten, dass die Huthi-Rebellen die Revolution von 1962 rückgängig machen und das saiditische Imamat wiederaufbauen wollen, das das jemenitische Hochland 1000 Jahre lang beherrschte.

Die Huthis hatten sich ursprünglich zusammengefunden, um die Interessen der Zaiditen zu verteidigen. Ihre Anhänger fühlten sich unter der jahrzehntelangen Herrschaft des ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh bedroht, obwohl dieser selbst den Zaiditen angehört.

Auf die Wiederkehr...

... des im neunten Jahrhundert in Samarra verschwundenen zwölften Imans, der als „Mahdi“ (Erlöser) die Welt retten soll, wartet die große Mehrheit der Schiiten. Sie werden daher Zwölfer-Schiiten genannt. Ajatollah Ruhollah Chomeini machte die Glaubensrichtung 1979 zur Grundlage der Islamischen Republik Iran. Zwölfer-Schiiten leben heute vor allem im Iran, im Irak und im Libanon.

Weitere Strömungen des Schiismus...

... sind die Ismailiten, die Drusen, die Alawiten. Die Ismailiten werden auch als Siebener-Schiiten bezeichnet. Das Oberhaupt einer Ismailiten-Gruppierung ist der Aga Khan, der mit seiner gleichnamigen Stiftung Entwicklungshilfe-Projekte vor allem in Asien und Afrika fördert. Von den Ismailiten leiten die Drusen ihre Geheimreligion ab. Sie leben vor allem im Libanon. Die Alawiten, zu denen der syrische Staatschef Bashar al-Assad zählt, werden ebenfalls dem vielfältigen Spektrum des schiitischen Islam zugerechnet. Auch der alawitische Glaube gilt als Geheimreligion, über die nicht viel bekannt ist. Zudem werden die Alewiten zu den Schiiten gezählt. Die meisten Anhänger dieser Glaubensgemeinschaft leben in der Türkei, wo die Mehrheit der Muslime allerdings sunnitisch ist.

Konservative Strömungen...

... gibt es vor allem bei den Sunniten. Anhänger des Salafismus etwa streben die Rückkehr zu einem fundamentalistisch interpretierten Ur-Islam an. Ihr Name leitet sich von den arabischen Worten für „die rechtschaffenen Altvorderen“ ab. Ziel der Salafisten ist die Errichtung eines Gottesstaates. Die Bewegung gilt als Durchlauferhitzer für die Radikalisierung von Attentätern.

In Deutschland...

... und vielen anderen Ländern ist der Salafismus die am schnellsten wachsende islamistische Bewegung. Auch die Mitglieder der sogenannten Sauerland-Gruppe, die Anschläge in Deutschland vorbereitet hatten und 2007 verhaftet wurden, gehörten zu den Salafisten. Der Wahhabismus ist die wichtigste ideologische Strömung im Salafismus. Er geht auf den Gelehrten Muhammad Ibn Abdalwahhab zurück und ist Staatsreligion in Saudi-Arabien. Das Königreich fördert mit Spenden die Ausbreitung der konservativen Lehre weltweit.

Islamistenorganisationen...

... sind häufig im sunnitischen Islam zu finden. Die 1928 von Hassan al-Banna in Ägypten gegründete Muslimbruderschaft gilt als älteste sunnitische Islamistenbewegung. Sie ist in unterschiedlicher Ausprägung in vielen Ländern vertreten. Aus der Muslimbruderschaft ging unter anderem die palästinensische Hamas hervor.

Bekannter...

... ist die Mitte der 80er-Jahre gegründete Extremistenorganisation al-Qaida (Die Basis), die unter ihrem inzwischen getöteten Anführer Osama bin Laden für die Anschläge vom 11. September 2001 verantwortlich ist. Ihr syrischer Ableger heißt Dschabhat al-Nusra (Nusra-Front). Im Jemen hat al-Qaida auf der arabischen Halbinsel (AKAP), die als aggressivster Arm der Organisation gilt, ihren Sitz. Die radikale Gruppe bekannte sich zuletzt zu dem Anschlag auf die französische Satire-Zeitung „Charlie Hebdo“ und betrachtet alle Schiiten als ihre Feinde.

Die Miliz Islamischer Staat...

... ist besonders im Irak und Syrien aktiv und sorgt dort seit über einem Jahr für Terror. Sie wurde 2003 unter dem Namen al-Qaida im Irak von dem Jordanier Abu Mussab al-Sarkaui gegründet und wird inzwischen von Abu Bakr al-Baghdadi geführt. Er liegt mit der ursprünglichen al-Qaida die von Aiman al-Sawahiri von Pakistan aus gesteuert wird, im Clinch. Der IS gilt als derzeit radikalste Islamistengruppe.

Die bekannteste schiitische Extremisten-Organisation...

.. ist die libanesische Hisbollah. Sie wurde 1982 gegründet. Unterstützung erhält die Schiiten-Organisation vom Iran und Syrien. Einheiten der Hisbollah kämpfen in Syrien auf Seiten von Assads Truppen.

Die neue Gewalt könnte auf Gerüchte zurückgehen, wonach Taliban-Anführer Mullah Achtar Mansur bei einer Taliban-internen Schießerei vor einer Woche schwer verletzt worden sein soll. Die Taliban dementierten das. Sicherheitsberater hatten Anschläge der Extremisten befürchtet, die beweisen sollten, dass sie nicht geschwächt sind.

Von

dpa

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