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27.12.2015

12:39 Uhr

Akw-Pannen in Belgien

„Besser außer Betrieb nehmen“

Erst ein Brand in der Anlage Tihange, nun ein Leck an einer Heißwasserleitung. Erneut musste in Belgien ein Reaktor vom Netz genommen werden – was deutschen Regierungspolitiker zusehends beunruhigt.

Die umstrittene Anlage Doel 3 musste am ersten Weihnachtstag erneut vom Netz genommen werden. dpa

Atomkraftwerk

Die umstrittene Anlage Doel 3 musste am ersten Weihnachtstag erneut vom Netz genommen werden.

Antwerpen/LüttichDie belgischen Atomreaktoren sorgen weiter für Ärger. Nur vier Tage nach dem Wiederhochfahren musste die umstrittene Anlage Doel 3 am ersten Weihnachtstag erneut vom Netz genommen werden. Kurz zuvor war an einer Heißwasserleitung im konventionellen Teil des Kraftwerks ein Leck entdeckt worden. Für die Sicherheit der Anlage und die Umwelt stelle der Defekt keinerlei Gefahr dar, sagte eine Sprecherin des Betreibers Electrabel.

Der rund 150 Kilometer von der deutschen Grenze entfernte Druckwasserreaktor bei Antwerpen musste ihren Angaben zufolge nicht einmal heruntergefahren werden. Er sollte nach der Reparatur des Lecks wieder ans Netz gehen. Doel 3 war zuletzt wegen Sicherheitsbedenken mehr als eineinhalb Jahre abgeschaltet gewesen, nachdem Haarrisse am Reaktorbehälter entdeckt waren worden.

Aus der Bundesregierung kam trotz der Beruhigungsversuche Kritik an der belgischen Atompolitik. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) bezeichnete die Sorgen deutscher Bürger als berechtigt. „Das ist ja Flickschusterei, was die da betreiben“, sagte sie in der WDR-Nachrichtensendung „Die Aktuelle Stunde“. Die Zahl der Zwischenfälle in belgischen Reaktoren stehe dafür, dass man sage: „Na ja, langsam aber sicher sind die Dinger wohl besser außer Betrieb zu nehmen.“

Ärger um das Atomkraftwerk Doel 3

Was ist beim jüngsten Zwischenfall passiert?

In dem bei Antwerpen gelegenen Atomkraftwerk Doel 3 trat aus einem Leck in einer Leitung eine geringe Menge heißes Wasser aus. Um den Schaden reparieren zu können, musste die Anlage in der Nacht zum 1. Weihnachtstag vom Netz genommen worden.

Bestand Gefahr für die Sicherheit des Reaktors und die Umwelt?

Die Betreiberfirma Electrabel beantwortet die Frage mit einem klaren Nein. Das Leck trat demnach im konventionellen, nicht-nuklearen Teil der Anlage auf. Dort wird mit dem heißen Dampf, der im Reaktor erzeugt wird, eine Turbine angetrieben, die wiederum den Generator antreibt, der die Bewegungsenergie in Strom umwandelt. Der vom Leck betroffene Wasserkreislauf enthält nach Angaben von Electrabel keine radioaktiven Stoffe.

Wie gefährlich sind Belgiens Atomkraftwerke?

Wenn das so wäre, müssten wohl auch die acht noch betriebenen deutschen Atomkraftwerke sofort abgeschaltet werden. Das Leck in Doel wird auf der internationalen Bewertungsskala (Ines) für meldepflichtige Ereignisse vermutlich in Stufe 0 eingeordnet. In ihr finden sich Ereignisse, die keine oder nur eine sehr geringe sicherheitstechnische Bedeutung haben. In deutschen Kernkraftwerken wurden in diesem Jahr allein bis November 51 meldepflichtige Ereignisse der Stufe 0 registriert - darunter auch Leitungslecks.

Sind Belgiens AKW besonders alt?

Die ältesten belgischen Reaktorblöcke in Doel (1/2) und Tihange (1) gingen tatsächlich bereits 1975 ans Netz. In Europa sind aber zum Beispiel in den Niederlanden, in der Schweiz und in Schweden noch deutlich ältere Atomkraftwerke in Betrieb. Die schweizerische Anlage Beznau-2 ging beispielsweise bereits 1971 an Netz. Sie liegt nicht einmal 20 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt und ist damit deutlich näher an der Bundesrepublik gelegen als Tihange (70 Kilometer) und Doel (150 Kilometer).

Was macht Belgiens Atomausstieg?

Ursprünglich war das der Plan. Aus wirtschaftlichen Gründen gab die belgische Regierung allerdings bereits 2012 grünes Licht für den Weiterbetrieb von Tihange 1 bis 2015. In diesem Jahr wurde dann auch offiziell die Laufzeit von Doel 1 und Doel 2 um zehn Jahre verlängert.

Was kann Deutschland machen?

Sie kann ihre Besorgnis äußern - mehr nicht. Hendricks sagt ganz klar: „Es liegt nicht in der Gewalt der Bundesregierung, Atomkraftwerke in anderen Ländern abschalten zu lassen. So wie Deutschland sich nicht vorschreiben lässt, Atomkraftwerke zu betreiben, so können wir anderen nicht vorschreiben, wie sie ihren Energiebedarf decken.“ Das liege in der souveränen Entscheidung jedes Landes.

In Deutschland wird der Betrieb der vergleichsweise alten belgischen Kernkraftwerke seit langem nicht nur von Umweltschützern kritisch gesehen. Die nordrhein-westfälische Landesregierung fordert bereits seit Jahren die Stilllegung der grenznahen Anlage Tihange. Bundesumweltministerin Hendricks schrieb am Heiligabend auf ihrer Facebook-Seite: „Wir sind besorgt, ob die erforderliche Reaktorsicherheit dieser Anlagen in vollem Umfang gewährleistet ist.“

Atomkraftwerk in Belgien: „Klappriger Uraltmeiler“ soll vom Netz

Atomkraftwerk in Belgien

„Klappriger Uraltmeiler“ soll vom Netz

Nach einem erneuten Zwischenfall im belgischen Atomkraftwerk Tihange haben Umweltverbände und die Grünen gefordert, den umstrittenen Meiler abzuschalten. Zuvor hatte es im nicht-nuklearen Bereich der Anlage gebrannt.

Nach Angaben von Hendricks wird Deutschland seine Bedenken Anfang Januar auch bei einem Gespräch mit der belgischen Atomaufsicht äußern. Zugleich machte die SPD-Politikerin klar, dass die Bundesregierung keine Möglichkeiten habe, den Weiterbetrieb ausländischer Reaktoren zu verhindern.

Der Grünen-Politiker Oliver Krischer forderte Hendricks am Freitag dennoch auf, „ohne Wenn und Aber auf eine Abschaltung von Tihange und Doel zu dringen“. Der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke sei „russisches Roulette für Millionen Menschen“, kommentierte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende.

Der Grünen-Europaabgeordnete Michael Cramer schlug die Untersuchung von Tihange durch ein europäisches Gremium vor. Einem solchen Vorhaben müsste Belgien allerdings zustimmen, da die Risiko- und Sicherheitsbewertung von Kernkraftwerken in der Zuständigkeit der nationalen Regulierungsbehörden liegt. Bislang gab es in Europa nur freiwillige Belastungstests. Sie waren nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 veranlasst worden.

Energie-Eckpunkte der Parteispitzen von CDU, CSU und SPD

Kohlekraftwerke

Um das Klimaschutzziel zu erreichen, müssen 22 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich eingespart werden - durch eine Kombination verschiedener Maßnahmen. Zwischen 2017 und 2020 sollen Braunkohle-Kraftwerksblöcke mit 2,7 Gigawatt Leistung vom Netz genommen und als Kapazitätsreserve für den Fall von Engpässen aufgebaut werden. Die Konzerne erhalten dafür eine Vergütung. Das soll rund 11 Millionen Tonnen CO2-Minderung bringen. Weitere 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr soll die Braunkohlewirtschaft ab 2018 erbringen - wie, ist noch offen. Die Strafabgabe für alte Kohle-Meiler ist damit vom Tisch.

Kraft-Wärme-Kopplung

Hoch effiziente, mit Gas gefeuerte KWK-Anlagen zur öffentlichen Versorgung sollen befristet gefördert werden, um den Erhalt zu sichern. Für den Ersatz kohlebefeuerter durch gasbefeuerte Anlagen und den Neubau werden 500 Millionen Euro pro Jahr per Umlage bereitgestellt. Die Fördergrenze wird von 750 Millionen auf 1,5 Milliarden Euro pro Kalenderjahr angehoben. So soll der CO2-Ausstoß um 4 Millionen Tonnen reduziert werden. Damit Mehr-Kosten nicht nur von Haushaltskunden und dem Mittelstand getragen werden, wird ein fairer Lastenausgleich angestrebt.

Effizienz

Die verbleibenden 5,5 Millionen Tonnen CO2 sollen ab 2016 durch mehr Energieeffizienz in Gebäuden, Kommunen, der Industrie sowie bei der Bahn AG erbracht werden. Dazu sollen bis 2020 jährlich bis zu 1,16 Milliarden Euro an öffentliche Mitteln fließen.

Netzausbau

Stärker als bisher sollen bestehende Trassen genutzt und neue soweit wie möglich vermieden werden. Bei neuen Gleichstromtrassen haben teure Erdkabel Vorrang vor Freileitungen.

Atommüll

Bei den langfristigen Kosten des Atomausstiegs bleiben die Energiekonzerne in der Pflicht. Grundsatz ist, „dass die Kosten für Stilllegung, Rückbau, Zwischen- und Endlagerung von den Verursachern getragen werden“. Bis Ende September sollen per Stresstest auch die nötigen Rückstellungen für Atom-Altlasten sowie Vermögensposten in den Bilanzen der Konzerne untersucht werden.

Von

dpa

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