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27.03.2006

17:43 Uhr

„Al Kaida hat die Dinge für uns verändert“

Neuer Terror lässt Regierungen härter auftreten

Für einen Bombenanschlag in London konnte man vor noch kurzem die IRA verantwortlich machen, Anschläge in Madrid gingen in der Regel auf das Konto der ETA.

HB DUBLIN. Mit dem Auftreten von Al Kaida sind solche klaren Zuordnungen hinfällig geworden, und das Terrornetzwerk hat die Auflösung von paramilitärischen Gruppen in Europa drastisch beschleunigt. Sie wollten in der Öffentlichkeit „nicht mit dieser neuen Art von Terror in Verbindung gebracht werden“, erklärte Christopher Langton vom Internationalen Institut für Strategische Studien in London (IISS).

Sowohl die Irisch-Republikanische Armee als auch die baskische Untergrundorganisation ETA hätten beispielsweise Waffenstillstände erklärt und man habe mit diesen Gruppen verhandeln können, sagte Langton. Angesichts der blutigen Al-Kaida-Anschläge haben sich beide Organisationen zu ihren bislang umfassendsten Schritten Richtung Frieden entschlossen. Bei Al Kaida dagegen „gibt es niemanden, mit dem man verhandeln könnte“, betonte Langton.

Die Bedrohung durch das internationale Terrornetzwerk habe die Bereitschaft westlicher Regierungen zu repressiven Maßnahmen erhöht, außerdem stünden sie dem Austausch von Geheimdienstinformationen und der Verschärfung von Anti-Terror-Gesetzen aufgeschlossener gegenüber, erklärten Langton und der amerikanische Anti-Terror-Experte Jonathan Stevenson.

Bislang sahen sich Großbritannien und Spanien internationaler Kritik ausgesetzt, wenn sie gegen ETA und IRA vorgingen. Die Anschläge des 11. Septembers in New York und die Entstehung einer neuen Art von Terrorismus „haben die Regierungen härter gemacht“ in ihren Maßnahmen gegen terroristische Gruppen, so Stevenson.

Nachdem Anschläge der ETA zwischen 1968 und 2003 rund 800 Menschen das Leben kosteten, sprach die Gruppe in der vergangenen Woche von einer unbefristeten Waffenruhe. Die IRA, die für 1.775 Todesopfer verantwortlich gemacht wird, begann nur sechs Wochen nach dem 11. September 2001 mit ihrer Entwaffnung. Und nach den Anschlägen auf das Londoner Nahverkehrssystem im vergangenen Juli rief sie ihre Mitglieder offiziell zum Gewaltverzicht auf. Beides hatte die Organisationen über Jahre hinweg kategorisch ausgeschlossen.

„Al Kaida hat die Dinge für uns verändert“, erklärte ein IRA-Veteran der Nachrichtenagentur AP. Nach den Anschlägen auf das World Trade Center sei es für die IRA unmöglich geworden, ihren 1997 erklärten Waffenstillstand zu brechen - anders als nach einer entsprechenden Erklärung 1994, als ein zwei Tonnen schwerer Sprengsatz in London zwei Menschen in den Tod riss. Bis zum September 2001 habe die IRA bei ihren Anschlägen im Londoner Bankenviertel „international ein gewisses Maß an Sympathie erwarten können“, sagte der Gewährsmann, der anonym bleiben wollte, der AP.

Aber: „Ich würde nicht damit rechnen, dass besonders viele irisch-amerikanische Einwohner in New York uns zujubeln, wenn wir so etwas heute machen würden.“

Schon Ende des Kalten Kriegs entscheidend

Die meisten Untergrundorganisationen in Europa entstanden Ende der 60er Jahre, mitten im Kalten Krieg. Auf Unterstützung in der Bevölkerung konnten die kleinen Gruppen nicht hoffen, und sobald der Warschauer Pakt zusammenbrach, lösten sie sich auf oder verloren ihre Zielrichtung. Das Ende des Kalten Krieges habe praktisch alle paramilitärischen Bewegungen Europas untergraben, erklärte Fred Halliday von der London School of Economics.

Schon lange vor Al Kaida hätten mehrere Faktoren die IRA und die ETA zum Rückzug bewogen, so Halliday. So habe beispielsweise die Sinn Fein, der politische Flügel der IRA, 1994 die Chance ergriffen, sich als normale Partei zu etablieren. Die ETA wiederum bemühte sich darum, die Strategie der Sinn Fein - „Waffenstillstand im Gegenzug zu Verhandlungen“ - zu übernehmen.

Der mühsame Weg beider Untergrundorganisationen in Richtung Frieden zeige jedoch, wie lange man auf ähnliche Schritte von Al Kaida oder der radikalislamischen Hamas werde warten müssen, betonte Halliday. „Die IRA und die ETA müssen schon zehn, 20 Jahre vor ihrem Waffenstillstand gemerkt haben, dass ihr Krieg zu nichts führt. Ihre Führer haben so lange gebraucht, um ihre Bewegung auf die Realität umzustellen“, so Halliday. „Wie lange wird es brauchen, bis Al Kaida und die Hamas den gleichen Weg gehen? Das ist deprimierend.“

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