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17.06.2017

12:26 Uhr

Al-Majadin

Die letzte Festung des IS

Die Offensive auf Al-Rakka ist in vollem Gange. Der IS gerät zunehmend in Bedrängnis. Mehrere Kommandeure sollen nun in eine syrische Kleinstadt geflüchtet sein und rüsten sich dort womöglich für ein letztes Gefecht.

Washington Die Macht des IS in Syrien bröckelt. Nach einem strategischen Rückzug der Führungsriege ist ein schnelles Ende des Terrors dennoch unwahrscheinlich. Während kurdische Kämpfer mit Unterstützung der US-Luftwaffe die Schlinge um Al-Rakka enger ziehen, haben die Extremisten ihr Hauptquartier offenbar bereits ins 190 Kilometer südöstlich gelegene Al-Majadin verlegt. Ob auch der selbst ernannte „Kalif“ Abu Bakr al Baghdadi dorthin flüchten konnte, ist allerdings unklar - unbestätigten Berichten zufolge könnte er bei einem russischen Angriff auf Al-Rakka getötet worden sein.

Al-Majadin liegt wie Al-Rakka im Tal des Flusses Euphrat. Von hier ist es jedoch nicht mehr weit bis zur irakischen Grenze. Von den aktuellen Frontlinien ist die Kleinstadt weit entfernt. Und wegen der unmittelbaren Nähe eines großen Wüstengebiets wäre eine Bodenoffensive für die Gegner hier auch sehr schwer zu organisieren. In der Region leben zudem überwiegend Sunniten, die zum Teil mit dem IS sympathisieren. Die Stadt ist für die IS-Führung also ein idealer Stützpunkt, um sich nach den jüngsten Niederlagen neu zu sortieren.

Al-Majadin sei inzwischen das wichtigste Kommandozentrum der sunnitischen Terrormiliz, heißt es aus Kreisen der US-Streitkräfte. Mehrere wichtige Anführer seien in den vergangenen Monaten gemeinsam mit ihren Familien aus Al-Rakka sowie aus Mossul im Irak dorthin gezogen. Syrische Aktivisten vor Ort bestätigen, dass sich viele der Kämpfer dort niedergelassen hätten. Rings um die Stadt, die noch immer Einnahmen aus einem nahen Ölfeld erzielt, verstärken die Extremisten demnach gerade die Anlagen zur Verteidigung.

Die vielen Namen der Extremistenmiliz IS

Isil

Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ und ist vor allem im Englischen noch häufig zu hören. Sie kommt der Übersetzung des arabischen Namens recht nahe. Dort ist vom Islamischen Staat im Irak und „al-Scham“ die Rede, also Großsyrien unter den Omajaden und später den Abbasiden.

Isis

Die Kurzform von „Islamischer Staat im Irak und Syrien“.

Isig

Diese Abkürzung benutzt die Bundesanwaltschaft in ihren Pressemitteilungen. Sie steht für den „Islamischen Staat im Irak und Großsyrien“.

IS

So nennt sich die Organisation selbst seit der Ausrufung ihres Kalifats 2014. Die Abkürzung steht für „Islamischer Staat“. Kritiker lehnen diese Bezeichnung ab, weil sie den Anspruch der Miliz untermauere, einen echten Staat – und noch dazu einen islamischen – geschaffen zu haben. Manche sprechen deshalb vom „sogenannten Islamischen Staat“.

Daesch oder Daisch

Als Alternative ist in den vergangenen Monaten vermehrt die Bezeichnung Daesch oder Daisch in Mode gekommen. Dies ist die arabische Abkürzung für die Bezeichnung „Islamischer Staat im Irak und al-Scham“ (Al Daula al-Islamija fi al-Irak wa al-Scham). In den Ohren von Muttersprachlern klingt sie despektierlich, der IS selbst lehnt sie ab. Das ist ein Grund mehr für Gegner der Extremisten, sie zu verwenden.

Lange war Al-Rakka die De-facto-Hauptstadt des IS. Nun werde Al-Majadin zur „neuen Hauptstadt“, sagt Mohammed Chider, Leiter der Sound and Picture Organization, die sich auf die Dokumentation der Gräueltaten der Extremisten in der Region spezialisiert hat. „Es wird die letzte Festung der Gruppe sein, und sie werden sie als Hauptstadt etablieren wollen, damit die Kämpfer sie bis in den Tod verteidigen werden.“

Während der Schwerpunkt der internationalen Offensive gegen den IS in Syrien derzeit ganz auf Al-Rakka liegt, müssen die Extremisten auch in Al-Majadin jederzeit mit Angriffen rechnen - vor allem aus der Luft. „Wenn wir sie finden und wissen, wo sie sich aufhalten, werden wir zuschlagen“, sagt Ryan Dillon, ein Sprecher der von den USA angeführten Koalition, in Bagdad. Im Süden Syriens, unweit der Grenze nach Jordanien, bilden die Amerikaner zudem syrische Rebellen aus, die künftig am Boden in Richtung Al-Majadin vorstoßen könnten.

Gleichzeitig könnten auch die syrischen Regierungstruppen in absehbarer Zeit einen Angriff auf Al-Majadin planen. In den vergangenen Monaten haben die Soldaten von Präsident Baschar al-Assad in der Region beträchtliche Geländegewinne erzielt und sind dabei zum ersten Mal seit Jahren auch wieder bis an die irakische Grenze vorgedrungen. Derzeit konzentrieren sie sich auf die vom IS gehaltene Kleinstadt Suchna. Als nächstes könnten sie die seit Beginn des syrischen Bürgerkriegs hart umkämpfte Provinzhauptstadt Dair-as-Saur ins Visier nehmen.

Der unsichtbare „Kalif“: Abu Bakr al-Bagdadi

1971

Al-Bagdadi wird in der irakischen Stadt Samarra geboren. An der Universität Bagdad macht er einen Abschluss in Islamischen Studien. Nach dem Sturz von Langzeitherrscher Saddam Hussein im Jahr 2003 sitzt er eine Zeit lang in einem US-Gefängnis im Irak.

2010

Al-Bagdadi übernimmt die Führung des Al-Kaida-Ablegers im Irak, damals noch unter dem Namen „Islamischer Staat im Irak“. Nach und nach beginnt die Gruppe, sich nach Syrien auszudehnen. Darüber bricht Al-Bagdadi mit dem Terrornetzwerk Al-Kaida, weil er nicht die Forderung der Führung des Terrornetzwerkes akzeptieren will, sich auf den Irak zu beschränken. Mit Ausrufung des Kalifats benennt sich die Terrormiliz in „Islamischer Staat“ um.

2014

Wenige Tage nach Ausrufung des Kalifats Ende Juni 2014 taucht er völlig überraschend in einer Moschee in der nordirakischen Stadt Mossul auf, wo er die Freitagspredigt hält. Danach aber zeigt er sich nicht mehr. Immer wieder gibt es Gerüchte, er sei bei Angriffen verletzt oder sogar getötet worden.

2016

Die US-Regierung erhöht im Dezember 2016 das zur Ergreifung des IS-Chefs ausgelobte Kopfgeld von zehn auf 25 Millionen US-Dollar (22,43 Millionen Euro).

2017

Der Chef der Terrormiliz IS regiert sein zunehmend schrumpfendes „Kalifat“ auf syrischem und irakischem Boden aus dem Verborgenen heraus. Informationen und Details über den 45-Jährigen sind mit Vorsicht zu genießen. Häufig lassen sie sich nicht überprüfen.

Unabhängig davon, wer am Ende einen Angriff auf Al-Majadin startet - die Bevölkerung muss sich wohl auf das Schlimmste gefasst machen. Erschwerend kommt hinzu, dass sich auch Zehntausende Flüchtlinge aus den nahen Kriegsgebieten auf beiden Seiten der Grenze in Al-Majadin aufhalten. In den vergangenen Wochen wurden bereits mehrfach Luftangriffe auf die Stadt geflogen. Ende Mai sollen dabei auch etliche Zivilpersonen ums Leben gekommen sein. Aktivisten machten die von den USA angeführte Koalition für die Opfer verantwortlich. Russland hat nach eigenen Angaben aber ebenfalls bereits Ziele im Umfeld der Stadt angegriffen.

Das US-geführte Militärbündnis hat nach offiziellen Angaben seit Ende April mindestens fünf Angriffe auf Al-Majadin geflogen. Dabei sollen mehrere Anführer der Extremisten getötet und Einrichtungen des IS zur Verbreitung von Propaganda zerstört worden sein. Auch Baraa Kadek, der Gründer des IS-Sprachrohrs Amak, sei gemeinsam mit seiner Tochter ums Leben gekommen, berichtete dessen Bruder.

Nach Informationen der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte wurden bei den Angriffen auf Al-Majadin seit dem 22. Mai neben 20 Extremisten noch 182 weitere Menschen getötet. Bei den Opfern handelte es sich demnach um 28 unbeteiligte Zivilpersonen sowie um 154 Angehörige von IS-Kämpfern, darunter 57 Frauen und 68 Kinder.

Von

ap

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