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30.10.2014

15:37 Uhr

Alarm wegen russischer Kampfflugzeuge

Putin provoziert die Nato

VonStefan Kreitewolf

Ungewöhnlich viele russische Kampfjets überfliegen Europa. Eine ganz normale Übung, sagt der Kreml. Ein Sicherheitsexperte warnt vor einem „gesteigerten Aggressionspotential“. Bundeskanzlerin Merkel bleibt unbesorgt.

Zu Hause in der Defensive, offensiv in der Fremde: Russlands Präsident Wladimir Putin. ap

Zu Hause in der Defensive, offensiv in der Fremde: Russlands Präsident Wladimir Putin.

DüsseldorfDer Konflikt mit der Ukraine und die Zerwürfnisse mit dem Westen setzen den russische Präsident Wladimir Putin zunehmend unter Druck. Das russische Selbstbild der Weltmacht konkurriert mit einem schwachen Rubel, einer hohen Arbeitslosigkeitsquote und einer sinkenden Produktivität. Putin tritt zwar souverän auf, ist aber längst nicht mehr der unangefochtene Führer des größten Landes der Welt.

Mit dem Manöver der russischen Luftwaffe im internationalen Luftraum will der russische Präsident offenbar Stärke demonstrieren. „Nur so sind die letzten Übertritte zu erklären“, sagt der Direktor der Bundesakademie für Sicherheitspolitik, Karl-Heinz Kamp, im Gespräch mit dem Handelsblatt (Online-Ausgabe). Ein Nato-Sprecher betonte zwar, dass der Nato-Luftraum nicht verletzt worden sei. Eine derart hohe Zahl an Einsätzen habe es in den vergangenen Jahren aber nur selten gegeben.

Allein am Mittwoch zählte die Nato mindestens 25 russische Kampfmaschinen im internationalen Luftraum. „Das ist eine Häufung“, sagt der langjährige Forschungsdirektor der Nato, Kamp. Dabei sei der Eintritt fremder Flugzeuge in den Luftraum eines anderen Landes gar nichts Ungewöhnliches. Vielmehr sei dies Kamp zufolge „eine gängige Praxis“, um Unsicherheit und Nervosität hervorzurufen. „Außerdem testet man so die Reaktion der Gegenseite“, erklärt der Sicherheitsexperte.

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

Alles also nur ein harmloses Muskelspiel? Nein, sagt der Experte. Denn der unangemeldete Eintritt in das Hoheitsgebiet eines anderen Landes sei zu Wasser, zu Land und in der Luft ein gefährliches Unterfangen. Erst im Mai mussten schwedische Kampfjets einen russischen Bomber aus heimischem Territorium geleiten. Dabei gerieten die Kampfjets bis auf wenige Flügellängen aneinander. Ein falsches Manöver hätte genügt, um die beiden Maschinen zum Abstürzen zu bringen. Die Folge wären neben menschlichen Opfern zumindest schwerwiegende diplomatische Verwerfungen gewesen – wenn nicht eine internationale Krise.

„Wir beobachten eine Häufung der russischen Kampfjets im Nato-Luftraum“, sagt Kamp. In diesem Jahr seien bislang mehr als drei Mal so viele russische Kampfjets in den Luftraum der Nato geflogen als im Vorjahr. Nach Nato-Angaben wurden in diesem Jahr bereits 100 Mal russische Flugzeuge von Nato-Jets im europäischen Luftraum eskortiert, dreimal so viel wie im vergangenen Jahr.

So soll verhindert werden, dass feindliche Flugzeuge in den Nato-Luftraum eindringen. In der vergangenen Woche war nach Nato-Angaben ein russisches Aufklärungsflugzeug bei Estland in den Luftraum des Bündnisses eingedrungen. Dies sei zwar nicht ungewöhnlich, sagt der Experte. Putin zeige aber dennoch ein „gesteigertes Aggressionspotenzial“.

Kommentare (94)

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Herr Thomas Ungläubig

30.10.2014, 13:14 Uhr

Seit wann gehört der internationale Luftraum der NATO?

Herr Thomas Albers

30.10.2014, 13:23 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

Herr Josef Schmidt

30.10.2014, 13:30 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

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