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04.12.2016

12:20 Uhr

Alexander Van der Bellen im Interview

„Man sagt mir nach, ich denke, bevor ich spreche“

Alexander Van der Bellen will auch im zweiten Anlauf zum Bundespräsidenten in Österreich gewählt werden. Der ehemalige Grünen-Chef in einem Gespräch über Europa, russische Schriftsteller und Donald Trump.

Der Kandidat für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten und ehemalige Parteichef der Grünen will sich für eine pro-europäische Regierung einsetzen. dpa

Alexander Van der Bellen

Der Kandidat für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten und ehemalige Parteichef der Grünen will sich für eine pro-europäische Regierung einsetzen.

WienIn knapp zwei Wochen bekommt Österreich einen neuen Präsidenten. Der ehemalige Grünen-Chef Alexander Van der Bellen (72) könnte als neuntes Staatsoberhaupt nach 1945 in die noble Wiener Hofburg einziehen. 15 Fragen an den Wirtschaftsprofessor.

Frage: Fast zwölf Monate Wahlkampf sind...?
Der wohl längste Wahlkampf in der jüngeren österreichischen Geschichte – und schon fast amerikanische Verhältnisse.

Was schätzen Sie an Ihrem Kontrahenten?
Sein Engagement für Menschen mit Behinderung.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an sich selbst?
Man sagt mir nach, ich denke, bevor ich spreche.

Warum die Wahl in Österreich wichtig ist

1. EU und Ansehen Österreichs in der Welt

Ein Sieg des Rechtspopulisten Norbert Hofer (45) könnte Österreich zu einem Wackel-Kandidaten in der EU machen. Unternehmen fürchten, dass eine extrem europakritische Grundhaltung ihren Geschäften schaden würde. Österreich könnte als Standort an Attraktivität einbüßen. Der Grünen-nahe Alexander Van der Bellen (72) ist ein EU-Anhänger.

2. Zukunft Koalition

Die Koalition von Sozialdemokraten (SPÖ) und Konservativen (ÖVP) hat trotz des propagierten „Neustarts“ unter Kanzler Christian Kern (SPÖ) einen schlechten Ruf in der Bevölkerung. Ein Sieg von Hofer, der sich stärker einmischen will, würde die Parteien unter Zugzwang setzen. Eine vorgezogene Neuwahl würde wahrscheinlicher. Ganz anders bei einer Wahl Van der Bellens, der seine Rolle eher klassisch als Landesvater interpretieren will.

3. Signal für bevorstehende Wahlen

2017 und 2018 wählen vier von insgesamt neun Bundesländern ihre Landtage neu. Die bundesweite Nationalratswahl ist bisher für Herbst 2018 geplant. Angesichts der aktuellen Umfragen hat die FPÖ beste Chancen, ihre Stimmenanteile auszubauen. Bundesweit ist sie laut Meinungsforschern die populärste Partei mit rund 34 Prozent. Die Grünen könnten bei einem Sieg Van der Bellens darauf hoffen, ihre bisherige Kernwählerschaft von bisher rund zwölf Prozent auszuweiten.

4. Politikstil und Signal an Rechte

Ein FPÖ-Politiker im höchsten Staatsamt würde die Rechtspopulisten endgültig hoffähig machen. Die SPÖ-Doktrin gegen jede Zusammenarbeit mit der Partei auf Bundesebene wackelt. Die Konservativen haben weit weniger Berührungsängste. Von 2000 bis 2007 gab es bereits eine schwarz-blaue Koalition. Blau ist die Parteifarbe der FPÖ. Der Ton in der Politik würde sich ändern. Moderate und diplomatische „political correctness“ wird in diesem Fall weniger gefragt sein denn je. Van der Bellen ist dagegen ein Vertreter der alten Politik-Schule.

5. Migrationspolitik

Van der Bellen ist ein Freund einer offenen, an humanitären Werten ausgerichteten Gesellschaft. Von ihm wären in der Flüchtlingskrise eher mahnende Worte zur Bedeutung der Menschenrechte zu erwarten. Ganz anders Hofer, der die Zuwanderung massiv kritisiert. Würde noch einmal eine solche Situation wie 2015 entstehen, als Tausende Migranten auch durch Überforderung der Behörden unkontrolliert über die Grenze strömten, würde er die Regierung entlassen.

6. Was heißt es für den Sieger und seine Unterstützer?

Sollte Van der Bellen als Ex-Grünen-Chef in die Hofburg einziehen, sind die Grünen deutlich über ihre relativ überschaubares Wählerpotential hinausgewachsen. Das könnte die Ausgangsbasis für künftige Wahlen verbessern. Es ist fast ausgeschlossen, dass es zu einer Neuauflage der rot-schwarzen Koalition kommt. Daher spielen Pläne für mögliche Kooperationen einen wichtige Rolle. Darauf setzt auch die FPÖ.

7. Endlich ein Schlussstrich!

Nach einer einjährigen Hängepartie im Ringen um das höchste Staatsamt kann Österreich endlich wieder nach vorne blicken. Politische Gräben nach dem längsten Wahlkampf aller Zeiten des Landes könnten wieder geschlossen werden. Der neue Präsident wird dazu aber sehr klug auftreten müssen.

Wie wird die First Lady ihre Rolle ausfüllen?
Meine Frau ist berufstätig und will das auch weiterhin bleiben.

Was stört Sie an Ihrer Partei?
Ich habe meine Parteimitgliedschaft am 23. Mai ruhend gestellt. Ich trete als unabhängiger Kandidat zu dieser Wahl an und werde dabei von einer breiten Bürgerbewegung unterstützt.

Welcher Satz eines Lehrers hallt bei Ihnen bis heute nach?
Mein Geschichte- und Geografie-Lehrer hatte die ungewöhnliche Angewohnheit stets zu sagen „Da hast du richtig“ statt „Da hast du recht“, ein amüsanter Beleg für „Deutsche Sprache, schwere Sprache“.

Die Obergrenze für Flüchtlinge in Österreich ist...?
Ich bin zuversichtlich, dass es bei Bemühen aller Seiten zu einer breit akzeptierten Lösung kommt. Solange sich die Kriegssituation im Nahen Osten nicht ändert, müssen darüber hinaus die Bemühungen auf EU-Ebene verstärkt werden, solidarisch vorzugehen. Bundeskanzler, Vizekanzler und Außenminister sind gefordert, sich auf europäischer Ebene stärker für eine gesamteuropäische Lösung einzusetzen.

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