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22.08.2016

09:52 Uhr

Algerien

Der stille Einfluss der Salafisten

Erst Ende der 90er Jahre zwang Algerien nach einem Bürgerkrieg die Islamisten in die Knie. Jetzt wächst der Einfluss der Salafisten wieder. Und die Regierung zeigt wenig Interesse, ihnen Einhalt zu gebieten.

Immer mehr Frauen sind verschleiert, Bars und Restaurants schließen. Der wachsende Einfluss der Islamisten in Algerien ist sichtbar. AP

Straßenszene in Algier

Immer mehr Frauen sind verschleiert, Bars und Restaurants schließen. Der wachsende Einfluss der Islamisten in Algerien ist sichtbar.

AlgierMoscheen wachsen in die Höhe, Frauen verschleiern sich, der Alkoholverkauf wird eingeschränkt: In Algerien sind islamische Fundamentalisten auf dem Vormarsch. Dabei zwang das Land nach einem Bürgerkrieg in den 90er Jahren die Islamisten in die Knie. Heute aber zeigt die Regierung wenig Interesse, den zunehmenden Einfluss der Salafisten zu begrenzen. Die Salafisten im heutigen Algerien verhalten sich still, scheuen die Politik und drücken dem Land doch ihren Stempel auf. Das wird von nicht wenigen Bürgern begrüßt, während Kritiker befürchten, der Salafismus, der den Koran wörtlich interpretiert, könnte immer tiefer in die Gesellschaft einsickern und den Aufbau einer modernen Gesellschaft in Algerien behindern.

„Gott sei Dank kehrt die algerische Gesellschaft zu den Wurzeln ihrer Identität zurück“, sagt der Philosophie-Professor Said Bahmed von der Universität von Algier. Er steht der islamistischen Partei Gesellschaftsbewegung für Frieden nahe und betrachtet die wachsende Anzahl von verschleierten Frauen auf den Straßen als Segen für das Land.

In den Nachbarländern treten ebenfalls Parteien und Gruppen selbstsicherer auf, die einen größeren Einfluss des Islams auf die Gesellschaft fordern. So tragen auch in Marokko immer mehr Frauen einen Schleier, besonders in den Arbeitervierteln. In Tunesien steht nach der Revolution von 2011 die islamische Partei Ennahda an der Spitze der Regierung. Dort kam es im vergangenen Jahr zu tödlichen Anschlägen auf Touristen.

In Algerien verschwinden unterdessen die letzten Überreste der französischen Kolonialherrschaft - mit tatkräftiger Hilfe der Salafisten. Ihr Einfluss wird in der Hauptstadt Algier deutlich sichtbar, wo einst alkoholische Getränke auf den Terrassen, in Bars und Restaurants serviert wurden und Frauen sich kleiden konnten, wie sie wollten.

In den vergangenen zehn Jahren schlossen rund 100 Bars und Restaurants in Algier, 37 von ihnen im Stadtzentrum, wie die örtliche Handelskammer erklärt. So gab im Mai die Claridge Bar auf, einst ein beliebter Treffpunkt für Schriftsteller. Offiziell verweisen die Behörden im Zusammenhang mit der Schließung von Gastwirtschaften stets auf auslaufende Pachtverträge und Erbstreitigkeiten.

Für den Journalisten Mohamed Arezki ist das nur ein Vorwand der Behörden, die in den Augen der Islamisten gut dastehen wollten. „Die Behörden wollen der Bevölkerung zeigen, dass die Verteidigung der islamischen Werte kein Monopol der Islamisten ist“, sagt Arezki. „Aber in diesem Wettstreit zwischen dem Staat und den Islamisten gerät das Projekt eines pluralen, toleranten Algeriens in Gefahr.“

Zu den Betroffenen gehört Mohamed Ait Oussaid, dessen Familie seit drei Generationen ein Restaurant im Hafen von La Perouse führte. Im Jahr 2005 ordneten die Behörden die Schließung des Betriebs an. Ait Oussaid erzählt, ein ehemaliges Führungsmitglied der inzwischen aufgelösten Islamischen Heilsfront habe Stimmung gegen das Restaurant gemacht unter dem Vorwand, die öffentliche Ordnung aufrechterhalten zu wollen. „Dann stand ich da mit drei Kindern und deren Familien, alle ohne Arbeit“, sagt er weiter und ärgert sich über „die Feigheit des Staates angesichts der Islamisten“.

Wie sicher sind Marokko, Algerien und Tunesien?

„Sichere Herkunftsstaaten“?

Union und SPD wollen Marokko, Algerien und Tunesien als weitere „sichere Herkunftsstaaten“ einstufen. Ein Herkunftsland kann dann „sicher“ genannt werden, wenn „gewährleistet erscheint, dass dort weder politische Verfolgung noch unmenschliche oder erniedrigende Bestrafung oder Behandlung stattfindet“. Menschenrechtsorganisationen bezweifeln, dass dies in den Ländern überall der Fall ist. (Quelle:dpa)

Regime-Kritiker

Regime-Kritiker werden Amnesty International zufolge sowohl in Marokko als auch Algerien verfolgt. Das Recht auf freie Meinungsäußerung und Demonstrationen sei eingeschränkt. Aktivisten würden belästigt und manchmal auch inhaftiert. In dem vom Wirtschaftsmagazin „The Economist“ berechneten Demokratieindex 2014 werden die beiden Länder als autoritäre Regime eingestuft.

Gleichgeschlechtliche Handlungen

Gleichgeschlechtliche Handlungen sind in allen drei Ländern verboten und strafbar. Tunesien, das als einziges Land als Demokratie aus den arabischen Aufständen hervorgegangen war, hatte 2014 eine neue Verfassung beschlossen, die die persönliche Freiheit eigentlich garantieren soll. Jedoch steht Human Rights Watch zufolge auf gleichgeschlechtlichen Sex nach wie vor Haft von bis zu drei Jahren.

Folter

Immer wieder wird aus Marokko und Tunesien auch von Folter berichtet. So wurden in Tunesien Menschenrechtlern zufolge Festgenommene im Gewahrsam vor allem während der Befragungen zu Straftaten gequält.

Todesstrafe

Die Todesstrafe wird in Tunesien, Algerien und Marokko zwar seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr vollstreckt, trotzdem kann die Strafe in den Ländern immer noch verhängt werden.

Pressefreiheit

Die Presse in Marokko und Algerien wird als nicht frei eingestuft. Journalisten in Marokko werden eingesperrt und unter anderem der Anstiftung zum Terrorismus beschuldigt. In Algerien wurde Amnesty zufolge ein kritischer TV-Sender geschlossen.

Der Politikwissenschaftler Mohamed Saidj von der Universität von Algier stimmt zu. Auch er wirft den Behörden vor, unter islamistischem Druck nachzugeben. „Diese Bars und Geschäfte sind Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen und Teil einer ausgewogenen Gesellschaft sind.“ Unterdessen überwacht Präsident Abdelaziz Bouteflika den Bau der drittgrößten Moschee der Welt. Zeugnis des toleranten Islam soll das Bauwerk mit seinem 267 Meter hohen Minarett einmal sein. Nach der Fertigstellung im kommenden Jahr sind nur noch die Moscheen in Mekka und Medina größer als die in Algier.

In deutlich kleinerem Maßstab bauen private Spender Gotteshäuser im ganzen Land. Rachid Rezouali, ein ehemaliger Polizeichef, erklärt, die Geldgeber wollten „in den Augen der Leute wie Gottes Diener erscheinen“. Den Veränderungen in der Gesellschaft steht er kritisch gegenüber, er sieht in ihnen Zeichen, dass „ein Algerien der Toleranz und der Moderne“ verschwindet.

Für den Soziologen Nacer Djabi verdeutlichen die vielen Frauen in traditioneller islamischer Kleidung, dass Algerien seine Identität zurückgewinnt, eine Identität, die unter mehr als einem Jahrhundert französischer Herrschaft litt. Aber er sieht auch die Probleme und verweist darauf, dass besonders die Frauen unter dem Druck der Gesellschaft stünden, sich anzupassen. Der Journalist Meziane Ourad floh 1993 aus Algerien, nachdem sein Freund, der Schriftsteller Tahar Djaout, von Islamisten ermordet worden war. Heute erkennt er sein Heimatland kaum wieder: „Ich bin seit drei Monaten zurück in Algerien und habe nicht einmal ein nacktes Bein gesehen.“

Von

ap

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