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04.05.2011

16:06 Uhr

Allianz gegen Gaddafi

Nato-Chef will libysche Rebellen finanzieren

Die Allianz gegen Gaddafi will am Donnerstag neue Schritte besprechen, wie der Diktator gestürzt werden kann. Ein Vorschlag nimmt immer klarere Formen an: Der Westen könnte die Rebellen bald auch finanziell unterstützen.

Der Westen will die Rebellen in Libyen finanziell unterstützen. Quelle: dpa

Der Westen will die Rebellen in Libyen finanziell unterstützen.

BrüsselNATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen hat sich erstmals für finanzielle Unterstützung der Rebellen in Libyen ausgesprochen. Es wäre "hilfreich, wenn die Rebellen über eine ausreichende Finanzierung verfügen würden", sagte Rasmussen am Mittwoch in Brüssel. Der britische Außenminister William Hague kündigte an, bei dem bevorstehenden Treffen der Libyen-Kontaktgruppe in Rom werde ein Verfahren für Finanzhilfe erarbeitet.

US-Außenministerin Hillary Clinton hatte sich bereits auf einem NATO-Ressortcheftreffen in Berlin Mitte April dafür ausgesprochen, eingefrorene Guthaben von Machthaber Muammar al Gaddafi für den Übergangsrat in Bengasi bereitzustellen.

Der Gaddafi-Clan

Muammar al-Gaddaf

Libyens Machthaber hat mehrere seiner Kinder in Schlüsselpositionen seines Landes untergebracht. Sein jüngster Sohn Saif al-Arab al-Gaddafi wurde in der Nacht zum Sonntag bei einem Luftschlag der Nato auf Tripolis getötet. Mitte März soll bereits sein Bruder Chamies Opfer eines Kamikaze-Piloten geworden und in einem Krankenhaus in Tripolis gestorben sein. Gaddafi ist seit 1970 in zweiter Ehe mit der Krankenschwester Safija Farkash verheiratet. Mit ihr hat er sieben Kinder.

Mohammed Al-Gaddafi

Der Informatiker wurde 1970 geboren und leitet das staatliche Post- und Fernmeldeunternehmen. Zudem besitzt er zwei libysche Mobilfunk-Anbieter. Er ist das einzige Kind von Gaddafi und der vermögenden Offizierstochter und Lehrerin Fatiha. Die Ehe wurde 1969 nach einem halben Jahr geschieden. Mohammed Al-Gaddafi führt zudem das Nationale Olympische Komitee.

Saif Al-Islam Al-Gaddafi

Sein Vorname wird mit „Schwert des Islams“ übersetzt. Nach einem Studium der Architektur und Wirtschaftswissenschaften in Tripolis, Wien und London gründete er 1999 die formal unabhängige Gaddafi-Stiftung für Entwicklung. Ihm gehören mehrere Wirtschaftsunternehmen. Nach Kritik am Führungsstil seines Vaters hatte er 2006 vorübergehend das Land verlassen. Seitdem gilt er im westlichen Ausland als möglicher reformorientierter Nachfolger des Diktators. Saif wurde 1972 geboren.

Al-Saadi Al-Gaddafi

Er besuchte die libysche Militärakademie und hat - wie sein Vater - den Rang eines Obersten. Nachdem er als Kommandant einer Eliteeinheit Islamisten in Libyen bekämpft hatte, ging er 2003 als Fußballprofi nach Italien. Er stand dort bei mehreren Erstligamannschaften unter Vertrag, kam aber kaum zum Einsatz, bevor er sich nach Doping-Vorwürfen verabschieden musste. Heute ist Al-Saadi (geboren 1973) Präsident des libyschen Fußballverbandes.

Mutassim Billah Al-Gaddafi

Mutassim (geboren 1975) absolvierte eine militärische Ausbildung in Libyen und Ägypten. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater floh er vorübergehend nach Ägypten. Später durfte er zurückkehren und befehligt nun die einflussreiche Präsidentengarde. In den vergangenen Jahren wurde Mutassim Billah wiederholt vom Vater mit wichtigen politischen und diplomatischen Aufgaben betraut.

Aischa Al Gaddafi

Die Juristin (geboren 1976) ist die einzige Tochter des Herrschers. Sie studierte in Tripolis und Paris. Aischa gehörte zu der Gruppe von Rechtsanwälten, die den gestürzten und später hingerichteten irakischen Diktator Saddam Hussein verteidigte. Sie ist seit 2006 mit einem Cousin ihres Vaters verheiratet und leitet heute eine libysche Wohltätigkeitsorganisation.

Hannibal Al-Gaddafi

Der Absolvent der Militärakademie in Libyen (geboren 1977) geriet durch seinen luxuriösen Lebensstil und Gewalttaten in die Schlagzeilen. 2005 soll er eine Freundin in einem Pariser Hotel niedergeschlagen haben. 2007 verhaftete ihn die Schweizer Justiz, weil er in Genf Hausangestellte misshandelt haben soll.

Saif-Al-Arab Al Gaddafi

Über diesen Sohn ist wenig bekannt. Nach Angaben eines libyschen Regierungssprecher war er bei seinem Tod in der Nacht zum 1. Mai 2011 etwa 29 Jahre alt. Er soll in München studiert haben, wo Saif-al-Arab mehrfach der Polizei auffiel, unter anderem wegen seines besonders lauten Ferraris und wegen Schlägereien in Nobel-Diskotheken.

Chamies Al-Gaddafi

Der nach Medienberichten nun getötete Sohn (geboren 1980) ist ebenfalls weitgehend unbekannt. Nach einer militärischen Ausbildung in Russland soll er zuletzt eine wichtige Funktion im libyschen Sicherheitsapparat bekleidet haben.

Milad Aubustaia Al-Gaddafi

Muammars Neffe wurde von dem Herrscher adoptiert. Während eines US-Bombenangriffs auf Tripolis 1986 soll er nach libyscher Legende das Leben des Machthabers gerettet haben. Die 15 Monate alte Adoptivtochter Hana wurde bei dem Bombardement getötet.

Am Donnerstag wollte sich die Libyen-Kontaktgruppe aus NATO- und Nicht-NATO-Staaten, die sich am Einsatz gegen Gaddafi beteiligen, in Rom treffen. Dabei könne auch über Finanzhilfen für die Rebellen gesprochen werden, deutete Rasmussen an.

Die Finanzierung der Rebellen über Gelder Gaddafis wäre für den Westen nicht nur kostengünstig. Die Allianz würde sich so auch weniger angreifbar machen, die Rebellen offen zu unterstützen - und damit im libyschen Bürgerkrieg Partei zu ergreifen.

Gaddafi-Truppen und Aufständische liefern sich in Misrata weiter Häuserkämpfe und Scharfschützenduelle. Quelle: dpa

Gaddafi-Truppen und Aufständische liefern sich in Misrata weiter Häuserkämpfe und Scharfschützenduelle.

Geld ist jedenfalls reichlich vorhanden: Die Schweizer Regierung hat nach eigenen Angaben ein Konto mit mehr als 360 Millionen Franken (280 Millionen Euro) identifiziert, das möglicherweise dem libyschen Machthaber Muammar al Gaddafi gehört. Das sagte die schweizerische Außenministerin Micheline Calmy-Rey am Montag bei einem Besuch in Tunis.

410 Millionen Franken auf anderen Konten würden mit dem früheren ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak und 60 Millionen Franken mit dem gestürzten tunesischen Präsidenten Zine El Abidine Ben Ali in Verbindung gebracht.

Bern hat Banken und Finanzinstitute angewiesen, mutmaßliche Guthaben der drei Männer einzufrieren. Tunesien und Ägypten hätten bereits Schritte eingeleitet, um das Geld einzufordern. Morgen könnte die Nato Schritte einleiten, um das Geld auch den libyschen Rebellen zukommen zu lassen.

Kommentare (4)

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Thomas-Melber-Stuttgart

04.05.2011, 17:13 Uhr

Zu dumm nur daß sich das Embargo und die Sanktionen auf den libyschen Staat beziehen und nicht nur auf die libysche Regierung. Auschgeschlossen ist zudem, daß die NATO Partei wird, das ist durch das Mandat überhaupt nicht abgedeckt. "Regime change" ist nach UN-Charta ebenfalls nicht zulässig.

sohst

04.05.2011, 18:39 Uhr

Nun ist es offenkundig, was offenbar schon immer das Ziel der westlichen Kriegsparteien war: Gaddhafi zu stürzen. Dabei half, dass das Publikum so viel Mitleid mit den Opfern Gaddhafis hatte. Schlimm wird es aber erst werden, wenn Gaddhafi irgendwann gestürzt oder getötet ist; dann geht es ab Richtung Irak und Afghanistan. Die Doppelmoral der westlichen Kriegsbefürworter ist schockierend.

kurzda

04.05.2011, 19:15 Uhr

Das heisst, mit unseren Steuergeldern werden die Rebellen Waffen kaufen. Gut für unserer Waffenindustrie und weiter geht das Morden

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