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16.06.2015

19:04 Uhr

Als Urlauber in Griechenland

„Wir haben noch Hoffnung“

VonMartin Tofern, Christoph Schlautmann

Unser Autor macht Urlaub in Thrakien. Wenn er mit den Menschen spricht, dann spürt er, wie sehr die Griechen hoffen, dass ihr Land im Euro bleibt. Für den Chef des Tourismusverbandes wäre ein Grexit „absoluter Irrsinn“.

Sitzung der Finanzminister

Varoufakis: „Jederzeit zur Lösung der Krise bereit“

Sitzung der Finanzminister: Varoufakis: „Jederzeit zur Lösung der Krise bereit“

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XanthiUm vorweg gleich einmal zwei Befürchtungen zu zerstreuen. Erstens: Noch fließen die Euros, bei einer spontanen Abhebung bei einer Bank in Xanthi gab es keine Probleme. Und zweitens: Es scheint im ganzen Land nicht einmal den Hauch von Deutschenfeindlichkeit zu geben. Wann immer ich mich als Deutscher zu erkennen gebe, werde ich freundlich, wenn nicht gar überschwänglich begrüßt. „Fühlt Ihr Euch wohl bei uns, habt Ihr alles, was Ihr braucht?“, fragt etwa die Rezeptionistin des einfachen Hotels „Zaliki“ in Thessaloniki.

Sie bemerkt mein Erstaunen ob der Frage und sagt: „Wir haben doch nichts gegen Euch, nur weil unsere Regierung mit Merkel im Clinch liegt.“ Und weiter: „Wir wollen, dass Ihr Euch bei uns wohlfühlt. Der Tourismus ist doch unsere wichtigste Einnahmequelle.“

Martin Tofern

Der Autor

Martin Tofern ist Redakteur in Düsseldorf.

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Diese spontane Unterhaltung zeigt, wie sehr die seit sechs Jahren andauernde Krise die Menschen beschäftigt. „Natürlich machen wir uns Sorgen“, sagt Giannis, Lehrer für Altgriechisch an einem Gymnasium in Xanthi im Bezirk Thrakien. „Aber wir haben immer noch Hoffnung, dass die Verhandlungen zwischen Athen und Brüssel zu einem guten Ende führen werden.“

Danach sieht es momentan nicht aus. Am Wochenende scheitere die bislang letzte Verhandlungsrunde, am Dienstag kündigte der griechische Finanzminister Yanis Varoufakis an, erstmal keine neue Reformliste vorlegen zu wollen. Die Vorstellungen zwischen der griechischen Regierung und den Gläubigern von Internationalem Währungsfonds, der Europäischen Zentralbank und der EU wie eine Lösung in der Schuldenkrise aussehen könnte liegen immer noch weit auseinander.

Szenarien in der griechischen Schuldenkrise

Wann würde ein Zahlungsausfall eintreten?

Schon seit Wochen kratzt die griechische Regierung mühsam Geld zusammen, um Löhne und Gehälter sowie andere staatliche Leistungen zu finanzieren oder fällige Schulden zu begleichen. Wenn Athen offiziell die Zahlungen an seine Geldgeber einstellt, wäre der Staatsbankrott da. Dann müssten sich die Gläubiger, darunter Deutschland, an einen Tisch setzen und aushandeln, wieviel Geld verloren ist und wann der Rest zurückgezahlt wird.

Würde eine Pleite automatisch den Euro-Austritt Athens bedeuten?

Nein. Auch bei einem Zahlungsausfall kann Athen im Euro-System verbleiben. Grundsätzlich sieht der EU-Vertrag einen Ausstieg eines Landes aus dem Euro nicht vor. Die Europäische Währungsunion ist eigentlich auf ewig angelegt. Für einen Ausstieg Griechenlands („Grexit“) gibt es keine Regeln. Er könnte verhandelt oder einseitig von Athen oder der Eurozone vollzogen werden. Aber selbst bei einem Austritt aus dem Euro würde Griechenland in der EU bleiben, großzügige Hilfen der 27 anderen Länder wären notwendig.

Wie könnte ein Verbleib in der Eurozone funktionieren?

Sollte Griechenland zahlungsunfähig werden, hängt viel davon ab, ob die Europäische Zentralbank (EZB) die Versorgung Griechenlands mit Euros einstellt oder nicht. Ein Stopp der Nothilfen würde für die dortigen Banken den Kollaps bedeuten, Geldautomaten wären dicht. Für den Ökonomen Clemens Fuest ist entscheidend, was passiert, wenn griechische Banken von der Liquidität abgeschnitten sind. Wer haftet bei Bank-Schieflagen: die griechischen Sparer, überwiegend Kleinanleger - oder die Euro-Partner? Dem Vernehmen nach geht es um 200 Milliarden Euro.

Könnten die griechischen Banken stabilisiert werden?

Ja, mit Hilfe der Euro-Partner. Dafür müsste Athen aber kooperativ und reformbereit sein. Um von vornherein einen Ansturm auf Banken zu verhindern, müsste Athen auch Kapitalverkehrskontrollen einführen wie Zypern. Können Staatsdiener nicht mehr bezahlt werden, könnte es Schuldscheine geben, die dann gegen Euro getauscht werden können. Die Athener Regierung könnte eine Parallelwährung einführen - den „Geuro“. Diesen hatte auch der Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, schon einmal ins Gespräch gebracht.

Was würde eine solche Parallelwährung bringen?

Nach Aussage Mayers wäre eine solche zweite Währung neben dem Euro nur eine Notlösung, um einen „Grexit“ doch noch zu verhindern. Athen könnte einen Teil der Staatsausgaben über diese Parallelwährung in Form von Schuldscheinen finanzieren. Bargeld dürfte nur noch mit Abschlag abgehoben, Transfers ins Ausland müssten begrenzt werden. Mit einer Parallelwährung hätte Griechenland mehr Spielraum.

Oder doch „Grexit“?

Eine Rückkehr zur alten Drachme würde zu einer massiven Abwertung der Währung führen. Griechische Exporte würden konkurrenzfähiger werden, die Angebote der Tourismus-Industrie günstiger. Heimische Produkte würden stärker nachgefragt, Importe teurer werden. Das gilt auch für Energie. Die Grundprobleme würden aber nicht gelöst. Und die Auslandsschulden müssten in Euro zurückgezahlt werden.

Um wieviel Geld der deutschen Steuerzahler geht es?

Die Kosten für die deutschen Steuerzahler bei einer griechischen Staatspleite wären hoch. Ein Bankrott oder ein weiterer Schuldenschnitt würde die Staatskassen belasten - bei einer Umschuldung später, bei einer einseitigen Zahlungsverweigerung Athens unmittelbar. Das Risiko Deutschlands beläuft sich wohl auf bis zu 80 Milliarden Euro. Doch es würde nicht alles Geld verloren sein.

Woraus ergibt sich eine solche drohende Verlustsumme?

Die Forderungen der staatlichen Förderbank KfW belaufen sich auf 15,17 Milliarden Euro. Aus dem Rettungsfonds EFSF wurden Griechenland bisher 141,9 Milliarden an Kredithilfen ausgezahlt. Bei einem Ausfall kämen Gewährleistungen Deutschlands zum Tragen. Zudem hat die Europäische Zentralbank (EZB) griechische Staatsanleihen erworben. Viele Papiere hat Athen zurückgezahlt. Für den Rest müsste - würden sie nicht bedient werden - Deutschland anteilig einspringen. Hinzu kommen weitere Verpflichtungen im Zahlungsverkehr.

Und welche Forderungen haben deutsche Banken gegenüber Athen?

Die deutschen Banken wäre von einem Schuldenschnitt oder Zahlungsausfall kaum betroffen. Ihre Forderungen beliefen sich Im Februar auf 19,067 Milliarden Euro. Davon entfallen aber gut 15 Milliarden auf die staatliche KfW.

Doch viel Zeit bleibt nicht mehr. Am 30. Juni läuft das schon zweimal verlängerte Hilfsprogramm für Griechenland aus. Um eine Auszahlung der verbliebenen 7,2 Milliarden Euro aus dem Rettungsprogramm zu ermöglichen, müssten die Euro-Finanzminister aber schon auf ihrer Sitzung an diesem Donnerstag grünes Licht geben. Es blieben dann noch zwölf Tage, um zunächst die wichtigsten Reformgesetze durch das griechische Parlament zu bringen – und um danach auch die anderen nationalen Parlamente wie den Bundestag für die Auszahlung weiterer Hilfsmilliarden einzubinden.

Kommentare (29)

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Herr Manfred Zimmer

16.06.2015, 17:38 Uhr

Entgegen der Einschätzung hier erwarte ich für diesen keleinen Tourismusunternehmer einen riesigen Boom nach dem Euroaustritt Griechenlands.

Für meine Begriffe hat er jetzt die schwierigste Zeit. wenn er keine Kredite hat.

Herr Daniel Huber

16.06.2015, 19:14 Uhr

Bitte hier lesen - Die Ausplünderung Griechenlands:
http://www.cashkurs.com/kategorie/wirtschaftsfacts/beitrag/hunger-und-mangel-sind-der-preis-den-die-griechen-fuer-ihren-verbleib-in-der-eu-bezahlen-werden/

Herr Marc Otto

16.06.2015, 19:15 Uhr

Kein anständiger Deutscher wird in GR Urlaub machen. Auch wenn später Dumping Preise kommen. Die Griechen verachten uns so, wie jeder Dieb seine Opfer, die er bestohlen hat, auch verachtet.

Es gibt so viele gastreundliche Länder auf der Welt, warum dort Urlaub machen, wo man uns nicht gerne sieht und uns nur abzocken will.

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