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20.12.2012

16:26 Uhr

Amerika nach Newtown

Das Mordinstrument als Modeaccessoire

VonChristian Wermke

Das Sturmgewehr, mit dem in Newtown 28 Menschen erschossen wurden, ist ein perverser Verkaufsschlager. Noch gibt es die Waffe in den Geschäften. Doch die Politiker denken um - und vielleicht sogar die Waffenlobby.

Ein Waffenladen in Wichita. dpa

Ein Waffenladen in Wichita.

Düsseldorf85 Menschen sind es pro Tag. 2500 in jedem Monat. 31000 pro Jahr. So viele Menschen sterben in den USA durch Schusswaffen. Relativ selten kommt es zu Massenmorden und Massakern wie vor einer Woche in Newtown, Connecticut. Aber jeden Tag gibt es Schießereien, jeden Tag sterben Menschen durch den Einsatz von Pistolen und Gewehren. Zwar sind 60 Prozent davon Selbstmorde – trotzdem bleibt die Zahl erschütternd.

Amokläufe an amerikanischen Schulen und Universitäten

20. April 1999 - Littleton

Zwei mit Sturmgewehren bewaffnete US-Schüler töten in der Columbine High School in Littleton (Colorado) zwölf Mitschüler und einen Lehrer. Danach erschießen sich die Täter selbst.

21. März 2005 - Minnesota

Ein 16-Jähriger erschießt in einem Indianerreservat im US-Bundesstaat Minnesota zunächst seinen Großvater und dessen Lebensgefährtin. Anschließend tötet er in der Red Lake High School fünf Schüler, einen Sicherheitsbeamten und eine Lehrerin. Nach einem Schusswechsel mit der Polizei tötet sich der Junge selbst. Der Teenager war ein Hitler-Bewunderer mit Kontakten zu einer Neonazi-Gruppe.

12. Oktober 2006 - Pennsylvania

Der Fahrer eines Milchwagens erschießt im Bundesstaat Pennsylvania fünf Mädchen in einer Amish-Schule. Der 32-Jährige tötet die Kinder mit Kopfschüssen. Als Polizisten die Schule stürmen, bringt er sich um.

16. April 2007 - Blacksburg

Ein Amokläufer erschießt in der Technischen Universität in Blacksburg im US-Bundesstaat Virginia 32 Studenten und Lehrkräfte. Beim Eintreffen der Polizei nimmt sich der 23 Jahre alte Englischstudent aus Südkorea das Leben.

10. Oktober 2007 - Cleveland

Ein 14-jähriger Schüler läuft in einer technischen Oberschule in Cleveland (US-Bundesstaat Ohio) mit zwei Revolvern Amok. Er verletzt zwei Lehrer und zwei Mitschüler und erschießt sich dann selbst. Der jugendliche Amokläufer habe offenbar aus Zorn über einen Schulverweis zur Waffe gegriffen.

14. Februar 2008 - Illinois

Mitten in einer Vorlesung an der Northern Illinois University rund 100 Kilometer westlich von Chicago erschießt ein 27 Jahre alter Amokläufer am Valentinstag fünf Menschen und tötet sich anschließend selbst. Bis zum Frühjahr 2007 hatte er dort Soziologie studiert. Der offensichtlich psychisch kranke Täter trug auf den Armen Tätowierungen mit Horror-Motiven.

3. April 2012 - Kalifornien

Ein Amokläufer erschießt an einem christlichen Privatcollege in Kalifornien sieben Menschen. Der 43-Jährige ist ein ehemaliger Student in Oakland. Fünf Opfer sterben am selben Tag im Kugelhagel, zwei weitere erliegen später ihren Verletzungen.

Schon 2015, so die Prognosen, werden in den USA mehr Menschen durch Schusswaffen sterben als bei Straßenunfällen. Das ergibt sich aus Daten, die Bloomberg errechnet hat, und die einen klaren Trend anzeigen: Die Zahl der Verkehrstoten ist von 2005 bis 2010 um mehr als ein Fünftel zurückgegangen. Gleichzeitig  ist die Zahl der Schusswaffen-Toten gestiegen. Die Zahl der Opfer dürfte im Jahr 2015 auf 33.000 ansteigen, lautet die Prognose.

Ein Kind bei einer Waffenmesse.

Ein Kind bei einer Waffenmesse.

Möglich ist das nur, weil der Kauf einer Waffe in den USA genauso einfach ist wie der Kauf eines Autos. Ein kurzer Besuch im Waffengeschäft, teilweise auch in Supermärkten, knapp 1000 Euro auf den Tisch – fertig ist das Sturmgewehr.

Die Waffe vom Typ AR-15, mit dem der Amokläufer von Newtown 20 Grundschüler, sieben weitere Menschen und sich selbst tötete, ist in den USA seit langem populär - und hat sich in den vergangenen Tagen zum Verkaufsschlager in den Geschäften entwickelt. Die Kunden haben anscheinend Angst, dass die Regierung das Sturmgewehr bald verbieten könnte.

Kommentare (14)

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Skyjumper

20.12.2012, 17:15 Uhr

Also 2.5oo Tote pro Monat, wovom 1.500 auf Selbstmorde und 1.000 auf Tötungsdelikte (und ev. ein paar Unfälle) entfallen.

Das wirft kein gutes Licht auf auf die USA, erfordert meiner Meinung nach aber ganz andere Maßnahmen als ein strengeres Waffenrecht. Die Frage ist doch nicht WIE Menschen töten, sondern WARUM Sie töten.

Oder ist vielleicht irgendjemanden damit geholfen wenn Waffen verboten werden und 1.500 Selbstmörder pro Monat für ihre Tat dann das Auto nehmen? Dann stimmt das Verhältnis wieder und vielleicht schaffen sie es sogar beim Selbstmord mit dem Auto noch 1.000 andere unschuldige mitzunehmen.

In der Schweiz haben durch das Milizsystem viele Männer ein Militärgewehr zu Hause. Fällt die Scheiz durch besonders viele Schusswaffentote auf? Es liegt nicht an den Waffen, sondern an den Menschen.

Froschpopo

20.12.2012, 17:30 Uhr

Dieses Umdenken dauert genau 2 Jahre, dann ist alles beim Alten. Das kann man gerade sehr schön in Japan, nach Fukushima, beobachten. Bald ist alles wieder beim alten. Da lässt man jetzt erstmal etwas Gras drüber wachsen.

anonym2206

20.12.2012, 17:49 Uhr

Sind amerikanische Kinder mehr wert als die in den moslimischen Ländern? Offensichtlich schon. Die ganze Welt trauert wegen dem sinnlosen Massaker in der Schule von Newton. In Pakistan, Afghanistan, Jemen und Gaza findet aber fast jeden Tag ein Massaker statt, werden auch Kinder in den Schulen aus heiterem Himmel getötet oder auf den Weg dorthin. Nur dort passiert es mit „unseren“ Bomben und Raketen. Das ist ja was anderes, weil wir ja die Guten sind. Diese Heuchelei und Doppelmoral ist nicht mehr zu ertragen.

Und warum wird von unseren Medien und Politikern verschwiegen, dass fast alle Amokläufer starke Psychopharmaka vor ihren Taten genommen haben?? Na Weil man sich nicht mit der mächtigen Pharmamafia anlegen will. Schliesslich haben sie eine starke Lobby und zahlen viel an Parteispenden oder für PR und Werbung. Wenn man zum Beispiel das ZDF einschaltet, dann läuft zu den Hauptnachrichtensendungen praktisch nur Pharmawerbung. Ein sprichwörtlicher Interessenkonflikt den die Medien haben.

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