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23.12.2013

09:31 Uhr

Amerikas Atomwaffen

Hat die einstige Trumpfkarte ausgedient?

Amerikas weitreichende Nuklearraketen sind immer noch ein Symbol strotzender Macht. Aber ob sie noch einen Nutzen haben, ist zunehmend fraglich. Das nagt an der Moral der Soldaten, die sie betreuen.

Pentagonchef Chuck Hagel hat sich seit seiner Amtsübernahme im Februar nicht zur künftigen Rolle der ICBMs geäußert. Reuters

Pentagonchef Chuck Hagel hat sich seit seiner Amtsübernahme im Februar nicht zur künftigen Rolle der ICBMs geäußert.

WashingtonSeit Jahrzehnten stehen Hunderte von Interkontinentalraketen in ihren unterirdischen Silos in entlegenen Winkeln der USA - einsatzbereit, in der Lage, unvorstellbare Zerstörung anzurichten, sollte ein Präsident ihren Start anordnen. Sie sind nach wie vor furchterregendes Symbol einer Supermacht, darauf angelegt, eine nukleare Hölle zu entfachen. Aber es hat sich etwas geändert im Laufe der Zeit. Es gibt Probleme, teils hinter den Kulissen, teils ganz offen.

Die Zahl dieser Waffen, kurz ICBMs genannt (Intercontiental Ballistic Missiles), wird kleiner. Ihre künftige Rolle im US-Verteidigungskonzept ist unklar. Die Nachrichtenagentur AP dokumentierte Fehlverhalten und Führungsschwächen in den Reihen der das Arsenal betreuenden Einheiten. Das wirft Fragen auf.

Ein Offizier mit Insider-Kenntnissen sprach von „Fäule“ in den für Wartung und Management zuständigen Einheiten, und bei einer unabhängigen Untersuchung für die Luftwaffe wurden Anzeichen für „Burnout“ - Ausgebranntsein - in Teams festgestellt, die im Fall einer Anweisung des Präsidenten die Rakete abschießen würden.

Die AP enthüllte auch, dass in diesen Jahr Disziplinarmaßnahmen gegen vier Offiziere aus diesen Crews wegen Verstößen gegen Sicherheitsregeln verhängt wurden. Eine der drei ICBM-Einheiten der Luftwaffe fiel bei einer Sicherheitsinspektion im August durch.

Die USA und die Waffen

Undurchsichtige Rechtslage

Im Zweiten Zusatzartikel zur Verfassung ist das Recht auf privaten Waffenbesitz verbrieft. Dort heißt es: "Weil eine gut organisierte Miliz für die Sicherheit eines freien Staates erforderlich ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden." Die Frage, wie weit dieses Recht reicht und welchen Beschränkungen es unterworfen werden darf, ist Gegenstand kontroverser Debatten.

Seit 1993 steht etwa eine Überprüfung von Waffenkäufern im Bundesrecht. Verurteilte Kriminelle, Menschen mit psychischen Störungen oder Drogenabhängige dürfen demnach keine Schusswaffen erwerben. Ein im Folgejahr erlassenes Verbot halbautomatischer Gewehre wurde dagegen 2004 nicht verlängert. Dazu kommt ein Dschungel an Gesetzen und Verordnungen auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen. Immer wieder landeten regionale Beschränkungen für Waffenerwerb und -besitz dabei vor dem Obersten Gerichtshof, der in Grundsatzurteilen 2008 und 2010 ein Recht auf private Waffen anerkannte.

Zahl der Schusswaffen

Mehreren Studien zufolge sind in den USA bis zu 300 Millionen Schusswaffen im Privatbesitz - das entspricht fast einer Waffe pro Einwohner. In einer Erhebung des Gallup-Instituts aus dem vergangenen Jahr gaben 47 Prozent der Befragten an, in einem Haushalt mit mindestens einer Schusswaffe zu leben. Jeder dritte US-Bürger ist demnach selbst Waffenbesitzer.

Die Waffenschmieden des Landes produzierten im Jahr 2011 knapp 2,5 Millionen Pistolen, 573.000 Revolver sowie mehr als drei Millionen Gewehre, wie die Statistiken der Behörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (ATF) zeigen. In den USA gibt es fast 130.000 lizensierte Waffenhändler.

Opfer durch Waffengewalt

Mehr als 30.000 Menschen sterben in den USA jedes Jahr durch Schusswaffen - darunter sind mehr als 12.000 Morde. Die Anti-Waffen-Lobbyisten der Brady Campaign geben in ihrer Berechnung aus dem Jahr 2011 an, dass 270 Menschen täglich durch Schusswaffen verletzt oder getötet werden. Darunter seien auch 38 verletzte und acht getötete Minderjährige. Nach Angaben der Bundespolizei FBI wurden im vergangenen Jahr 68 Prozent aller Morde mit Schusswaffen verübt.

Die Waffen galten einst als Amerikas Trumpfkarte - eine Karte, die bisher niemals zum Einsatz kam. Manche sehen darin einen Beweis für ihren andauernden Wert als Abschreckungsmittel. Andere werten es als Zeichen dafür, dass diese Waffe schlicht nicht mehr nötig ist.

Beschäftigt diese Frage den Normalbürger in den USA wenig, diskutieren Experten schon seit längerem darüber, welche Rolle ICBMs künftig im US-Verteidigungsgefüge spielen sollen. Schließlich haben sich die Gefahrenszenarien seit dem Kalten Krieg geändert. Heute liegen die Herausforderungen im Terrorismus, in Cyberbedrohungen und der Weiterverbreitung nuklearer Technologien.

Das Budgetamt des US-Kongresses schätzte kürzlich, dass die strategische nukleare Streitmacht das Pentagon im Laufe der nächsten zehn Jahre 132 Milliarden Dollar (96,5 Milliarden Euro) kosten wird - jedenfalls auf der Basis der bisherigen Pläne. Das schließt 20 Milliarden Dollar für die ICBMs und das dazugehörige Personal ein, aber nicht die geschätzten 56 Milliarden Dollar für Kommunikations- und andere Systeme, die zur Kontrolle der US-gesamten Atomstreitmacht nötig sind.

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