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23.12.2015

04:09 Uhr

Amnesty-Bericht

Russlands Syrien-Einsätze töten Hunderte Zivilisten

Die Angriffe der russischen Luftwaffe in Syrien kosten laut Amnesty International Hunderte Menschen das Leben. Unter anderem seien Wohngebiete und Märkte getroffen worden. Die Angriffe kämen Kriegsverbrechen gleich.

Zivilisten stehen vor Trümmern, die von Streubomben zurückgelassen wurden. Reuters

Syrien

Zivilisten stehen vor Trümmern, die von Streubomben zurückgelassen wurden.

LondonDie Menschenrechtsorganisation Amnesty International wirft Russland vor, bei Luftangriffen in Syrien in den vergangenen Monaten Hunderte Zivilisten getötet zu haben. Es gebe vermehrte Berichte über den Einsatz von Streubomben in bewohnten Gebieten, die russische Truppen ins Visier genommen hätten, hieß es in einem Bericht der Organisation. Beim Einsatz von Streumunition bleiben oft Sprengkörper am Boden zurück. Diese können Zivilisten noch lange nach dem Ende von Konflikten verstümmeln und töten.

Am 30. September hatte sich Russland formal in den Syrien-Konflikt eingeschaltet. Der Amnesty-Bericht bezieht sich auf sechs Attacken in den Provinzen Homs, Idlib und Aleppo, die sich zwischen September und November ereignet und mindestens 200 Zivilisten das Leben gekostet haben sollen.

Philip Luther, Direktor des Amnesty-Programms für den Nahen Osten und Nordafrika, erhob schwere Vorwürfe gegen Moskau. Einige russische Luftangriffe hätten offenbar direkt Zivilisten oder zivilen Objekten gegolten, sagte er. So seien Wohngebiete ohne ein offensichtliches militärisches Ziel, eine Moschee, ein Markt und medizinische Einrichtungen getroffen worden. „Solche Attacken könnten Kriegsverbrechen darstellen“, fügte Luther hinzu.

Wer kämpft gegen wen in Syrien?

Bürgerkrieg in Syrien

Seit mehr als vier Jahren tobt in Syrien ein Bürgerkrieg. Dem Regime in Damaskus steht eine Vielzahl von Gegnern gegenüber, die Lage ist unübersichtlich. Längst werden die Rebellen von islamistischen und radikalen Gruppen dominiert.

Regime

Die Armee kontrolliert noch immer die meisten großen Städte wie Damaskus, Homs, Teile Aleppos sowie den Küstenstreifen. Unterstützt werden Assads Anhänger von der libanesischen Schiiten-Miliz Hisbollah sowie von iranischen Kämpfern.

Islamischer Staat (IS)

Die Terrormiliz ist die stärkste Kraft in Syrien. Sie kontrolliert im Norden und Osten riesige Gebiete. Allerdings mussten die Extremisten in diesem Jahr mehrere Niederlagen gegen die syrischen Kurden einstecken.

Dschaisch al-Fatah

Dabei handelt es sich um ein Bündnis verschiedener moderater und radikaler Gruppen, darunter die radikale Al-Nusra-Front, die islamistische Miliz Ahrar al-Scham und Brigaden, die sich als Teil der moderaten Freien Syrien Armee (FSA) sehen. Das Bündnis beherrscht im Nordwesten Syriens die Provinz Idlib.

Al-Nusra-Front

Der Ableger des Terrornetzwerkes Al-Kaida vertritt eine ähnliche Ideologie wie IS, beide Gruppen sind aber miteinander verfeindet. Die Nusra-Front ist vor allem im Nordwesten des Landes stark, kämpft aber auch im Süden.

Ahrar al-Scham

Die islamistische Miliz ist neben der Nusra-Front die wichtigste Kraft des Rebellenbündnisses Dschaisch al-Fatah. Sie gibt sich pragmatischer und weniger radikal als der Al-Kaida-Ableger.

Freie Syrische Armee

Die FSA ist keine Armee im eigentlichen Sinne, es gibt auch keine einheitliche Führung. Mehrere moderate Gruppen rechnen sich ihr jedoch zu. Stark sind diese im Nordwesten, wo sie auch zu dem Rebellenbündnis gehören, sowie im Süden.

Kurdische Volksschutzeinheiten

Mit Hilfe der US-Luftwaffe konnte die YPG den IS aus großen Gebieten im Norden Syriens zurückschlagen. Dort haben die Kurden eine Selbstverwaltung aufgebaut. Sie kooperieren mit dem Regime, aber auch mit dessen Gegnern. Zuletzt kam es jedoch zu Zusammenstößen mit Rebellengruppen in Aleppo.

„Es ist unbedingt notwendig, dass die mutmaßlichen Verstöße unabhängig und unparteiisch untersucht werden“, sagte Luther. Für den Bericht hat die Organisation nach eigenen Angaben Augenzeugen befragt und Bildmaterial ausgewertet.

Russische Regierungsvertreter haben derartige Anschuldigungen stets zurückgewiesen. Auch Anwohner und oppositionelle Aktivisten in Syrien räumten ein, dass sich nichts zweifelsfrei nachweisen lasse, ob die Attacken von Russland oder dem syrischen Militär verübt worden seien. Russland kämpft in Syrien gegen die Terrormiliz IS, aber auch gegen andere Gegner des syrischen Machthabers Baschar al-Assad.

Von

dpa

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