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15.05.2012

10:55 Uhr

Amtswechsel in Frankreich

Monsieur Ordinaire statt Präsident Bling Bling

VonThomas Hanke

Stinknormal verdrängt Prunk: Ab heute regiert Hollande - und er will alles anders machen als Sarkozy. Dabei machen seine Berater aus einer vermeintlichen Schwäche eine Tugend. Aber ausgerechnet damit übertreiben sie.

Au revoir Sarkozy, au revoir Sparpolitik

Video: Au revoir Sarkozy, au revoir Sparpolitik

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Wehe dem, der sich in die Hände von Beratern begibt! Ob Frankreichs neuer Präsident François Hollande das nächste Opfer ihrer Unfähigkeit wird? Er ist auf dem besten Weg dazu, denn seit Tagen lassen seine Spin Doktoren nichts unversucht, um den Staatschef als „völlig normalen“ Menschen darzustellen. Zwar hatte niemand im Ernst an übernatürliche Fähigkeiten des Francois Hollande geglaubt. Eher im Gegenteil, viele Franzosen hielten ihn bis vor kurzem für wenig durchsetzungsstark, nicht unbedingt prädestiniert, Frankreich in der Welt stark zu vertreten, kurz: für durchschnittlich. Eben normal.

Hollande übernahm am Dienstagvormittag im Elysée-Palast in Paris die Amtsgeschäfte. Sein Vorgänger Nicolas Sarkozy übergab dem Sozialisten den Atom-Code und verließ im Anschluss mit seiner Frau Carla Bruni-Sarkozy den Präsidentenpalast. Erstmals seit 17 Jahren hat Frankreich damit wieder einen sozialistischen Präsidenten - und steht vor einer radikalen Stilwende.

Schon seit den letzten Wochen des Wahlkampfes und vor allem seit dem Wahlsieg vor einer guten Woche machen die Berater aus der Schwäche eine Tugend: Hollande, der normale Politiker, soll sich positiv abheben von Nicolas Sarkozy, dem Vorgänger, der nur Bling Bling, Yachturlaube, Milliardärsfreunde und Wohlleben im Sinn gehabt habe.

Hollandes Programm: Die (zu) großen Versprechen

Hollandes Programm

Die (zu) großen Versprechen

Reform der Rente, Ende der Austerität, Einfrieren der Benzinpreise: Eine Woche nach dem Wahlsieg von François Hollande ist klar: So manches Versprechen aus dem Wahlkampf muss Frankreichs Präsident wieder zurücknehmen.

Immer neue Beweise der Normalität des recht knapp ins Amt gewählten werden dargeboten: Er fährt ein normales Auto, einen DS 5 Hybrid, obere Mittelklasse, mehr nicht. Er entspannt nicht auf einer Yacht, sondern arbeitet und geht abends in eine jedem Franzosen zugängliche Kunstausstellung oder in die Nationalbibliothek. Er will in seiner Etagenwohnung im 15. Arrondissement wohnen bleiben und sich nicht im Elysée-Palast vom Volk abkapseln lassen.

Höhepunkt der Normalitäts-Enthüllungen: Er geht manchmal zu Fuß!

Das Netzwerk des François Hollande

André Vallini

Gehört ebenfalls zu denen, auf die Hollande sich verlässt. Heißer Anwärter auf den Posten des Justizministers.

Arnaud Montebourg

Beliebter Globalisierungsgegner mit Vorliebe für griffige Polemiken. Wäre fast über seine deutschlandfeindlichen Äußerungen gestolpert.

Jean-Marc Ayrault

Ruhig, professionell und seit 15 Jahren ein Vertrauter des Kandidaten. Der Deutschland-Kenner hat beste Chancen, nach der Wahl Premierminister zu werden.

Laurent Fabius

War Premier unter Francois Mitterrand und ist ein alter Gegner Hollandes. Spekuliert trotzdem auf das Außenministerium.

Manuel Valls

Kommunikationschef von Hollandes Kampagne. Extrem ehrgeizig, aber nicht immer mit dem richtigen Fingerspitzengefühl gesegnet.

Marisol Touraine

Expertin für Sozial- und Arbeitsmarktpolitik. Könnte Arbeitsministerin werden.

Martine Aubry

Die Parteivorsitzende war eine scharfe Kritikerin Hollandes. Doch nach der Wahl würde sie gerne Premierministerin  werden .

Michel Sapin

Der Autor von Hollandes Wahlprogramm ist einer seiner ältesten Freunde. Er war bereits Finanzminister - und könnte es wieder werden.

Pierre Moscovici

War früher Europaminister - und würde es gerne wieder. Oder noch mehr.

Ségolène Royal

Die sozialistische Kandidatin von 2007 hat sich 2006 von Hollande getrennt. Ihre politische Feindschaft haben die beiden inzwischen begraben.

Stéphane Le Foll

Auch er zählt zu den engsten Getreuen. Der Bretone ist als Europa- oder Landwirtschaftsminister im Gespräch.

Valérie Trierweiler

Die Lebensgefährtin Hollandes war Journalistin - bis sie begonnen hat, im Wahlkampf auch öffentlich als Frau an seiner Seite in Erscheinung zu treten.

Delphine Batho

Hollande-Sprecherin, Expertin für innere Sicherheit und frühere Vertraute von Ségolène Royal. Abgeordnete der Nationalversammlung.

Henri de Castris

Axa-Chef, Hollande-Freund. Hat mit ihm zusammen die Eliteschule ENA absolviert.

Gérard Mestrallet

Leitet den Energie-Multi GDF Suez. Wichtiger Gesprächspartner von Hollande.

Jean-Pierre Jouyet

Der Sozialist leitet die Finanzaufsicht AMF. Eng mit Hollande befreundet und wichtiger Ratgeber für Fragen der Finanzmärkte.

Emmanuel Macron

Partner von Rothschild & Cie. Hat an Hollandes Wirtschaftsprogramm mitgewirkt und könnte eventuell mit in die Leitung des Präsidialamtes berufen werden.  

Mathieu Pigasse

Europa-Vizechef der Bank Lazard. Aktionär von Le Monde und Anhänger von Hollande.

Hollande muss aufpassen, dass sein Umfeld nicht überdreht. Wie leicht das geht, wie nutzlos die teuer bezahlten Image-, Politik- und Medienberater sein können, hat schließlich Sarkozy am eigenen Leib erfahren. Der Mann, der kaum Alkohol trinkt, keinerlei Standesdünkel hat, politische Gegner in wichtige Ämter brachte und malochte wie ein Pferd stand am Ende seiner Amtszeit als rechtslastiger, engstirniger Freund der Reichen da.

Manches hat er sich selber zuzuschreiben, doch mindestens ebenso schlimm war, dass er auf der Schleimspur seiner Berater ausrutschte, die ihm eine unsinnige Selbstdarstellung und einen bizarren Wahlkampf aufschwatzten.

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