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14.11.2015

15:12 Uhr

Analyse nach Paris-Anschlägen

Das neue Muster des Terrors

VonTorsten Riecke

Die Anschlagsserie in der französischen Hauptstadt hat auch die Sicherheitslage in Deutschland dramatisch verändert. Es werden wahllos Menschen umgebracht, um Angst und Schrecken zu verbreiten.

Sicherung an der Rue de Charonne in der Hauptstadt: Härte ist gegenüber all jenen notwendig, die sich nicht an die Spielregeln einer offenen Gesellschaft halten wollen. ap

Polizisten in Paris

Sicherung an der Rue de Charonne in der Hauptstadt: Härte ist gegenüber all jenen notwendig, die sich nicht an die Spielregeln einer offenen Gesellschaft halten wollen.

BerlinAm 10. Oktober sterben bei einem Bombenanschlag in Ankara fast 100 Menschen. Am 31. Oktober stürzt über der Sinai-Halbinsel ein russisches Passagierflugzeug ab und reißt 224 Menschen in den Tod. Ursache war vermutlich ein Bombenschlag. Am vergangenen Donnerstag sterben bei zwei Selbstmordanschlägen in Beirut mehr als 40 Menschen. Und jetzt das Massaker von Paris mit mehr als 150 Toten.

Der Terror ist nicht zurück, er war nie weg. Noch wissen wir nicht, wie viele dieser Anschläge auf das Konto von islamischen Extremisten gehen. Die Sicherheitsbehörden haben vor allem den Islamischen Staat (IS) unter Verdacht. Und der französische Präsident hat die Anschläge von Paris gerade als eine „Kriegserklärung“ des IS verdammt. 

Am Mittag bekannte sich der IS zu der nächtlichen Terrorwelle. Damit hat sich die Sicherheitslage auch in Deutschland noch einmal dramatisch verändert. Vor allem die Gräueltaten in Paris zeigen eine neue Dimension des Terrors. Hier geht es nicht mehr um Angriffe auf Symbole des Westens wie auf die Zwillingstürme in New York am 11. September 2001 oder auf die Redaktion des Satiremagazins „Charlie Hebdo“ am 7. Januar diesen Jahres. Hier werden wahllos Menschen umgebracht mit dem alleinigen Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten.

New York hat es vorgemacht, Paris muss jetzt folgen

Wie sollen wir, wie sollen unsere Regierungen auf diese neue Herausforderung reagieren? Rudi Giuliani forderte kurz nach den Anschlägen vom 11. September  die New Yorker auf, in die Restaurants zu gehen, Theater zu besuchen, auf öffentlichen Plätzen ihr Gesicht zu zeigen. Die Botschaft sollte sein: Selbst der schlimmste Terror wird uns nicht davon abhalten, unser Leben in Freiheit zu leben. Das mag im Moment grotesk, ja fast unmenschlich klingen. Und doch ist es ein wichtiger Teil der jetzt notwendigen Antwort der Zivilgesellschaft. Gerade in Paris, eine Stadt, die wie vielleicht keine andere Freiheit, Liebe und Lebensfreude symbolisiert. New York hat es vorgemacht, Paris muss jetzt folgen. Auch wenn es weh tut.

Übersicht über Attentate in Frankreich in der Vergangenheit

Mai 1978

Palästinensische Terroristen eröffnen am Flughafen Orly das Feuer auf Passagiere, die ein Flugzeug nach Tel Aviv besteigen wollen. Acht Menschen sterben, bei ihnen handelt es sich um drei Angreifer, zwei Polizisten und drei Passagiere. Drei weitere Passagiere werden verletzt.

Oktober 1980

Vor einer Synagoge in der Pariser Rue Copernic geht eine Bombe hoch - vier Menschen sterben, rund 20 weitere werden verletzt.

März 1982

Bei einem Anschlag auf einen Zug zwischen Toulouse und Paris werden fünf Menschen getötet und 77 verletzt. An Bord sollte ursprünglich der damalige Pariser Bürgermeister Jacques Chirac sein. Der Terrorist Carlos soll in den Anschlag verwickelt sein.

August 1982

Bei einem Anschlag auf das Restaurant "Goldenberg" im jüdischen Viertel von Paris werden sechs Menschen getötet und 22 verletzt. Bis heute ist nicht klar, wer für die Tat verantwortlich ist.

Juli 1983

Am Turkish-Airlines-Schalter am Flughafen Orly südlich von Paris explodiert ein Sprengsatz, wodurch acht Menschen getötet und 54 verletzt werden.

Dezember 1983

Zwei Menschen sterben und 34 werden verletzt, als eine Bombe am Bahnhof Saint Charles in Marseille explodiert. Nur wenige Minuten zuvor sterben bei einer Bombenexplosion in einem Hochgeschwindigkeitszug auf der Strecke Marseille-Paris drei Menschen. Zu beiden Anschlägen bekennt sich eine arabische Gruppe mit Verbindungen zu dem Terroristen Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos.

September 1986

Vor einem Kaufhaus in Paris explodiert eine Bombe - sieben Menschen werden getötet und rund 55 weitere verletzt. Der Anschlag reiht sich in eine Serie von Attentaten eines proiranischen Terrornetzwerks in den Jahren 1985 und 1986 ein. Insgesamt sterben bei diesen Anschlägen 13 Menschen, mehr als 300 werden verletzt.

Juli 1995

In einem RER am Bahnhof Saint-Michel im Zentrum von Paris explodiert eine Bombe. Acht Menschen sterben, 119 werden verletzt. Der Anschlag wird algerischen Extremisten zugeschrieben. Es ist das blutigste Attentat einer Reihe von Anschlägen in diesem Sommer, bei denen insgesamt acht Menschen sterben und mehr als 200 verletzt werden.

Dezember 1996

Bei einem Anschlag auf einen Regionalzug (RER) in Paris sterben vier Menschen. Weitere 91 werden verletzt. Es gibt Ähnlichkeiten zu einer Anschlagsserie vom Sommer 1995.

März 2012

Der 23-jährige Mohammed Merah erschießt innerhalb von vier Tagen in Toulouse und Montauban drei Soldaten auf offener Straße. Wenige Tage später erschießt er drei Kinder und einen Lehrer einer jüdischen Schule in Toulouse. Am 22. März wird Merah von einer Spezialeinheit getötet.

Januar 2015

Drei Extremisten töten bei einer mehrere Tage dauernden Terrorwelle in Paris 17 Menschen, bevor sie selbst erschossen werden. Zunächst greifen zwei Brüder das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ an und erschießen zwölf Menschen. In den Tagen darauf tötet ein weiterer Extremist eine Polizistin und nimmt in einem koscheren Supermarkt Geiseln. Vier jüdische Kunden sterben.

Juni 2015

Ein wegen seiner Kontakte zur Salafisten-Szene bekannter Mann enthauptet seinen Chef und bringt den Kopf neben islamistischen Flaggen am Zaun eines Gaslagers nahe Lyon an. Anschließend bringt er auf dem Industriegelände mehrere Gasflaschen zur Explosion, bevor er von Feuerwehrleuten überwältigt wird.

August 2015

Ein schwerbewaffneter Mann eröffnet in einem Schnellzug von Amsterdam nach Paris das Feuer und verletzt zwei Menschen schwer. Der radikale Islamist wird von US-Soldaten überwältigt, die zufällig an Bord des Zuges sind.

Der zweite Teil unserer Antwort betrifft den Umgang mit dem Terrorismus. Seit dem 11. September 2001 sind jetzt mehr als 14 Jahre vergangen. Amerika hat zwei Kriege geführt, der Westen insgesamt hat mit viel Geld, Militär, Opfern und politischem Druck versucht, die Hydra des Terrors zu besiegen. Doch immer wieder sind ihm neue Köpfe gewachsen, hat sich das Gesicht des Terrors verändert. Wer gedacht hat, die Taten von El-Qaida seien der Gipfel der Unmenschlichkeit, weiß seit dem Massaker von Paris, dass die Grausamkeit scheinbar keine Grenzen kennt.

Noch mehr Engagement in den Krisenregionen

Um dem wirksam begegnen zu können, braucht es Klugheit, Härte und Entschlossenheit. Klug ist es, die eigenen Grenzen besser zu schützen. Die Menschlichkeit im Angesichts der Flüchtlingskrise ist aller Ehren wert, aber sie darf nicht kopflos sein. Konkret: Wir müssen wissen, wer in unser Land kommt.

Härte ist gegenüber all jenen notwendig, die sich nicht an die Spielregeln einer offenen Gesellschaft halten wollen. Das gilt für Neuankömmlinge ebenso wie für ewig Gestrige. Und entschlossen müssen wir den Terror auch dort bekämpfen, wo er sich ausbreitet, das heißt in seiner Brutstätte. Für Europa und Deutschland bedeutet das: noch mehr Engagement in den Krisenregionen. Nicht nur wirtschaftlich und humanitär, sondern auch militärisch. Und es bedeutet, auch mit Moskau, Peking und Teheran zusammenzuarbeiten, wo unsere Interessen das gebieten.

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