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04.12.2013

19:28 Uhr

Analyse zum Inselstreit

China lässt die Muskeln spielen

VonMartin Kölling

Japan und China lassen die Säbel rasseln um ein paar Felsen im Meer. Doch dabei geht es um mehr. Militärische Konflikte in Ostasien könnten auch in Deutschland für Unruhe sorgen.

Um diese Inseln geht der Streit: Japan nennt die Felsen Senkaku, China Diaoyu. ap

Um diese Inseln geht der Streit: Japan nennt die Felsen Senkaku, China Diaoyu.

TokioIch bin ein Kind des Kalten Krieges. Im Grundschulalter lernte ich, Notflughäfen auf der Autobahn zu identifizieren, als Teenager, amerikanische Atomwaffendepots in der Bremer Umgebung. Ich wuchs auf mit der Angst vor einem Atomkrieg aus Versehen – und den Demonstrationen für Frieden und Abrüstung. Doch, so paradox es klingt, nie habe ich mich unsicherer gefühlt als seitdem ich im Jahr 2000 nach Japan kam.

In Europa hatte ich irgendwie das Gefühl, dass beide Seiten angesichts der fatalen Folgen eines Krieges letztlich rational handeln würden, in Ostasien hingegen schon damals nicht. Militärisch herrschte zwar Frieden und wirtschaftlich Aufbruchsstimmung. Die Vernetzung der asiatischen Volkswirtschaften galoppierte voran. Aber ich erlebte und erlebe in China, Japan und Südkorea auch eine Region, in der tiefes Misstrauen regiert, teilweise gar aufrichtiger, nationalistischer Hass Hirne vernebelt und Herzen vergiftet.

Mehr noch: Anders als in dem waffenstarrenden Europa meiner Jugend gab und gibt es bis heute keine gemeinsamen Sicherheitsmechanismen, in denen die Nationen wenigsten versuchen, Vertrauen zu bilden. Es existieren kaum Kontakte zwischen den Militärs und nicht einmal direkte einmal direkte Telefonverbindungen zwischen den Führern der Hauptkontrahenten Japan und China, um im Zweifel mal nachzufragen, ob das wirklich Raketen sind, die da möglicherweise auf Radarschirmen aufblippen. Im Übermaß sind nur mit zunehmender Hitzigkeit ausgetragene Gebietskonflikte und Geschichtskriege vorhanden.

Der lange Streit um die Senkaku/Diaoyu-Inseln

1895

Der Streit um einige unbewohnte Felseninseln im Ostchinesischen Meer hat eine lange Geschichte. Die von den Japanern Senkaku und den Chinesen Diaoyu genannten Inseln standen seit Chinas Niederlage im chinesisch-japanischen Krieg 1895 unter der Kontrolle Tokios. Nach dem Zweiten Weltkrieg von den USA verwaltet, gingen sie mit der Rückgabe Okinawas wieder an Japan.

1972

Die Senkaku-Inseln gehen an Japan zurück. Da China uralte Ansprüche auf das Territorium geltend macht, sorgt die Inselgruppe bis heute für Streit.

1996

Tokio richtet eine 200-Seemeilen-Wirtschaftszone ein, die die umstrittenen Inseln miteinschließt. Vorausgegangen war ein Streit um vermutete Erdölvorkommen. Die Spannungen verschärfen sich, als japanische Nationalisten auf einer der Inseln einen Leuchtturm errichten. Bei einer Protestaktion stirbt ein chinesischer Aktivist.

1998

Die chinesischen Proteste gehen weiter. Boote der japanischen Küstenwache versenken ein Schiff mit Demonstranten aus Hongkong, China und Taiwan.

2004

Die Japaner nehmen sieben chinesische Aktivisten fest, die per Boot zu den Inseln gefahren waren, um Chinas Territorialansprüche zu unterstreichen. Nach Protesten Pekings kommen sie wieder frei.

2008

Wegen Verletzung seiner Hoheitsgewässer durch zwei chinesische Forschungsschiffe legt Tokio bei der chinesischen Regierung Protest ein. Peking weist den Protest zurück.

2010

Die japanische Küstenwache bringt ein Fischerboot in Nähe der umstrittenen Inseln auf und leitet ein Strafverfahren gegen den Kapitän ein. Nach heftigem Protest aus Peking kommt er wieder frei.

2012

Der Streit um die Inseln droht erneut zu eskalieren: Peking schickt Kriegsschiffe zu dem Archipel, um den chinesischen Anspruch zu untermauern. Zuvor hatte Tokio angekündigt, drei der Inseln zu kaufen, die einem japanischen Geschäftsmann gehören. Damit will die Regierung verhindern, dass die Inseln von japanischen Nationalisten erworben werden. In China kommt es zu japanfeindlichen Protesten.

2013

Die Fronten verhärten sich weiter. Mehrmals überfliegen chinesische Militärmaschinen das Gebiet. Chinesische und japanische Schiffe fordern sich gegenseitig auf, die von ihnen beanspruchten Gewässer zu verlassen.

Damals besänftigte ich dieses Unbehagen noch mit dem Gedanken, dass Japan nicht den Willen und China nicht die Fähigkeiten für einen erneuten Waffengang besaßen. Doch diesen Trost haben wir längst nicht mehr. Anders als zur Jahrtausendwende verfügt China inzwischen nicht nur über Atombomben, sondern auch eine hochseetaugliche Marine, über U-Boote, moderne Raketen und eine schlagkräftige Luftwaffe. Zudem sind die Führer und Generäle inzwischen auch bereit, militärisch die Muskeln spielen zu lassen, um die Festigkeit der US-japanischen Militärallianz zu testen.

China startet neue Etappe der Eskalation

Am 23. November dehnte China überraschend seine militärische Luftraumüberwachungszone über Gegenden aus, die Japan und Südkorea als Hoheitsgebiete ansehen. Zivile und militärische Flugzeuge, die den internationalen Luftraum überqueren, sollten gefälligst ihre Flugrouten vorab den chinesischen Behörden melden, meint Peking.

Die Nachbarn und die USA reagierten daraufhin mit harschem Protest und missachten die Zone. Schließlich überlappt sich die Zone nicht nur mit schon bestehenden Luftsicherheitszonen. Sie erstreckt sich auch über unbewohnte Felseninseln, die Japan seit mehr als 100 Jahren sein Eigen nennt und China erst seit 40 Jahren offen beansprucht. Auch ein von Südkorea beanspruchtes Riff hat China mit eingeschlossen. Die Heimat von Hyundai und Samsung will daher sogar seine eigene Luftsicherheitszone erweitern. Die Säbelrassler auf allen Seiten befinden sich im Freudentaumel.

Kommentare (6)

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Frank3

04.12.2013, 20:37 Uhr

Hab NUN GELESEN GEHABT , dass ES FIRMEN auf der Insel gab . Dann gibt es DOCH BESITZRECHT oder Urkunde das DÜRFEN, wo sind Firmen oder Recht der Firmen hin vererbt , denn . . . .

Account gelöscht!

04.12.2013, 21:09 Uhr

Wehret den Anfaengen !

Totalitaeren Gesellschaften bitte gleich zeigen, wo es laengsgeht - nur das hilft und beugt vor !

jos

DschingisKhan

05.12.2013, 08:52 Uhr

Respekt, Herr Kölling. Das ist der beste Artikel, den ich bisher zum Inselstreit zwischen Japan und China gelesen habe. Vielen Dank für diese unaufgeregte Betrachtung der Fakten.

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