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08.05.2014

06:37 Uhr

ANC liegt vorne

Der ewige Präsident

VonWolfgang Drechsler

Korruption, Skandale, Diskriminierung: Südafrikas Präsident Zuma hat viele negative Eigenschaften. Deswegen regt sich langsam Widerstand. Bei der Parlamentswahl liegt sein ANC dennoch deutlich vor der Konkurrenz.

Reuters

Für allzu schlau scheint Jacob Zuma seine Wähler nicht zu halten. Als der südafrikanische Präsident zu Wochenbeginn ein letztes Mal vor den Wahlen an diesem Mittwoch vor die Presse tritt, reagiert er reichlich pikiert, als er auch dort wieder auf den illegalen Ausbau seiner Privatresidenz Nkandla mit Steuergeldern in Höhe von fast 20 Millionen Euro angesprochen wird. „Nklandla beschäftigt nur diese ganz schlauen Leute, die ganz cleveren. Leute eben, die glauben, sie könnten mir damit an den Karren fahren“ schießt Zuma genervt zurück. Für ihn und seine Wähler sei das Ganze kein Problem. „Wir werden die Wahlen trotzdem haushoch gewinnen.“

Ganz falsch liegt der 72-Jährige damit nicht: Obwohl ein Untersuchungsbericht im März zu dem Schluss kam, dass der Polygamist und seine weitläufige Familie, darunter vier Ehefrauen, beim Ausbau seines Privatanwesens auf „unethische“ Weise massiv von Steuergeldern profitiert haben, scheint die enorme Geldverschwendung seine Wähler kaum zu stören. Vielleicht einen, maximal zwei Prozentpunkte, so glauben die Wahlforscher, würde Zuma ein Skandal kosten, der anderswo einen Präsidenten aus dem Amt gefegt und seiner Partei die Macht gekostet hätte. Man will sich den Aufschrei jedenfalls nicht vorstellen, wenn ein westlicher Staatschef eine solche Summe einfach in den Ausbau des eigenen Privathauses gesteckt hätte. Zuma scheint jedoch auch diesmal davonzukommen – wieder einmal.

Südafrika – Land der Gegensätze

Die Regenbogennation...

... wird Südafrika genannt, weil das Land mit seinen gut 50 Millionen Einwohnern ethnisch sehr gemischt ist. Das führt und führte immer wieder zu Konflikten zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen, etwa zwischen der nichteuropäischen Mehrheitsbevölkerung und den europäischstämmigen, meist weißen Einwanderern.

Der Wirtschaftsmotor...

... des gesamten afrikanischen Kontinents ist Südafrika. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von etwa 400 Milliarden US-Dollar ist das Land die größte Volkswirtschaft Afrikas und gehört der G8+5 an. Die Staatsverschuldung lag 2012 bei 43,3 Prozent des BIP – also vergleichsweise niedrig, die Inflationsrate betrug fünf bis sechs Prozent.

Die Kehrseite der Medaille...

... sind noch immer massive Unterschiede beim Wohlstand. Der Gini-Koeffizient als Maß für das Ungleichgewicht bei Einkommen und Konsum gehören jeweils zu den höchsten weltweit. Die Arbeitslosigkeit liegt weit über 20 Prozent. Noch immer sind Schwarze, wenn auch nicht mehr rechtlich, benachteiligt. Die Armutsquote steigt. Viele Fachkräfte, insbesondere Ärzte und Ingenieure, wandern aus.

Die Apartheid...

... hat die Nation an der Südspitze Afrikas massiv geprägt. Eingeführt wurde sie nach ihrem Wahlsieg 1948 von der National Party, der Partei der meist niederländischstämmigen Buren. Die massive Diskriminierung, Benachteiligung und Herabwürdigung der schwarzen Bevökerung existierte bis 1990. Nach mehr als 40 Jahren meist friedlichem Kampf der benachteiligten Bevölkerungsmehrheit unter politischen Führern wie Nelson Mandela brach das System schließlich zusammen.

Das Ende des autoritär geführten Systems...

... mündete 1994 in die ersten Parlamentswahlen mit einem gleichen Wahlrecht für alle Bürger und veränderten das politische Leben im Land grundlegend. Nelson Mandela wurde am 27. April 1994 zum zum ersten schwarzen Präsidenten des Landes gewählt. Er starb 2013.

Die Weißen...

... machen nur knapp neun Prozent der Bevölkerung aus, die hauptsächlich sind es Nachfahren niederländischer, deutscher, französischer und britischer Einwanderer sind, die ab Mitte des 17. Jahrhunderts nach Südafrika immigrierten. Die Zahl der europäischstämmigen Bevölkerung nimmt sinkt kontinuierlich. Fast eine Million Weiße haben seit den 90er-Jahren haben das Land verlassen.

Die Schwarzen...

... stellen knapp 80 Prozent der gesamten Bevölkerung und teilen sich in verschiedene Volksgruppen auf, etwa die Zulu, Xhosa, Basotho, Venda, Tswana, Tsonga, Swazi und Ndebele.

Knapp neun Prozent...

... machen die sogenannten Coloureds (Farbige) aus. Sie sind meist die Nachkommen der ersten europäischen Siedler, deren Sklaven und der ursprünglich in Südafrika lebenden Völker, zu einem kleineren Teil auch von eingewanderten Asiaten.

Asiaten...

... machen 2,5 Prozent der Bevölkerung aus. Der Großteil kommt ursprünglich aus Indien und ist Mitte des 19. Jahrhunderts ins Land geholt worden, um auf den Zuckerrohrfeldern zu arbeiten.

Nach Auszählung von rund 23 Prozent der Stimmen liegt der Afrikanische Nationalkongress (ANC) von Präsident Zuma bei der Parlamentswahl mit 56,36 Prozent klar vorne. Laut Wahlkommission kommt die oppositionelle Demokratische Allianz (DA) am Donnerstagmorgen auf 30,41 Prozent. Vor fünf Jahren waren es 16,6 Prozent. Die neue linksradikale Partei Kämpfer für Wirtschaftsfreiheit (EFF) des Populisten Julius Malema erreicht derzeit 3,88 Prozent. 2009 hatte der ANC 66 Prozent erreicht.

Die Loyalität zum ANC, die viele schwarze Südafrikaner auch 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid noch immer für jene Partei empfinden, die sie vom Joch der weißen Vorherrschaft befreit hat, sitzt tief. All dies ist umso verblüffender, als sich in der Zuma-Ära ab 2009 ein Skandal an den nächsten reiht – und der ANC sich von den moralischen Werten des im Dezember verstorbenen Nelson Mandela weit entfernt hat.

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