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18.03.2017

00:13 Uhr

Angela Merkel zu Kurzbesuch in Washington

Fremdeln unter Freunden

VonSven Afhüppe, Moritz Koch

Trump und Merkel sind sich bei ihrem ersten persönlichen Treffen nicht nähergekommen. Der transatlantischen Freundschaft stehen schwere Zeiten bevor. Das Risiko eines Wirtschaftskonflikts ist nicht gebannt.

Da bleibt noch viel Arbeit zu tun: Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump kamen sich am Freitag in Washington nur wenig entgegen. Reuters, Sascha Rheker

Verständnisprobleme

Da bleibt noch viel Arbeit zu tun: Bundeskanzlerin Angela Merkel und US-Präsident Donald Trump kamen sich am Freitag in Washington nur wenig entgegen.

WashingtonDas Reiseziel war klar umrissen: Angela Merkel wollte in Washington Gemeinsamkeiten mit der neuen amerikanischen Regierung suchen. Doch das geriet zu einem mühsamen Unterfangen, die Atmosphäre im Weißen Haus war angespannt, von persönlicher Sympathie zwischen den beiden Regierungschefs nichts zu spüren.

Schon die Begrüßung im Oval Office ging daneben. Während die Fotographen ihre Bilder knipsten, saß Trump fast regungslos da und starrte vor sich hin. Seiner Besucherin verweigerte er den Handschlag, auch nach mehrmaligem Nachfragen. „Schickt ein schönes Foto zurück nach Deutschland“, sagte er mürrisch, bevor die Journalisten aus dem Raum geschickt wurden.

Angela Merkel war sichtbar überrascht, im US-Fernsehen wurde die Szene als Affront bewertet. Kanadas Ministerpräsidenten Justin Trudeau hatte Trump erst vor ein paar Wochen geradezu überschwänglich begrüßt. Ebenso Japans Regierungschef Shinzō Abe und Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu.

Die Bedeutung der USA für die deutsche Wirtschaft

Investitionen

Die deutschen Unternehmen haben mehr als 271 Milliarden Euro an Direktinvestitionen in den USA - etwa Fabriken und Immobilien. Mehr als 3700 Unternehmen sind in den Vereinigten Staaten tätig. Allein die 50 größten deutschen Firmen dort kommen auf einen Jahresumsatz von 400 Milliarden Dollar. Auch US-Unternehmen haben erhebliche Beträge in Deutschland investiert: Der Bestand summiert sich auf rund 27 Milliarden Euro. Allein 2015 wurden 252 neue Projekte hierzulande von US-Firmen gestartet, von Neuansiedlungen auf der grünen Wiese über Erweiterungen bis hin zu Standortwechseln. Allein die 50 größten US-Unternehmen kommen in Deutschland auf einen Jahresumsatz von rund 170 Milliarden Euro.

Jobs

Mehr als eine Million Jobs in Deutschland hängen direkt oder indirekt von den Exporten in die USA ab. Weitere 630.000 Arbeitsplätze gibt es in Betrieben, die von US-Firmen kontrolliert werden. Allein McDonald's Deutschland zählt etwa 58.000 Mitarbeiter, der Personaldienstleister Manpower 27.000, die Ford-Werke gut 25.000 und die GM-Tochter Opel etwa 18.000. Umgekehrt schaffen deutsche Unternehmen in den USA ebenfalls Hunderttausende Stellen. Größter deutscher Arbeitgeber ist dort die Deutsche-Post-Tochter DHL mit rund 77.000 Beschäftigten, gefolgt von Siemens (70.000), dem Autozulieferer ZF (62.000) und Volkswagen (60.000).

Handel

Seit 2015 sind die USA der wichtigste Exportkunde der deutschen Unternehmen, nachdem über mehr als sechs Jahrzehnte Frankreich diese Position innehielt. Waren im Wert von rund 114 Milliarden Euro wurden damals dorthin verkauft - vor allem Fahrzeuge, Maschinen und chemische Produkte. Umgekehrt importierte Deutschland Waren im Wert von knapp 60 Milliarden Euro aus den USA, was sechs Prozent aller deutschen Einfuhren entspricht.

Der frostige Empfang ruft Erinnerungen wach: Trump hat Merkel in der Vergangenheit scharf kritisiert, ihre Flüchtlingspolitik sei ein katastrophaler Fehler gewesen, behauptete er. Merkel ist bereit, das zu vergessen. „Es ist besser miteinander zu reden, als übereinander“, hat sie in den vergangenen Wochen immer wieder betont. Doch Trump war am Freitag erkennbar nicht daran interessiert, ein warmherziger Gastgeber zu sein.

Erst später, als sich beide zu einer Pressekonferenz im East Room des Weißen Hauses eingefunden hatten, versuchte der Hausherr, Merkel bei ihrer Suche nach Gemeinsamkeiten behilflich sein – und löste damit gleich die nächste Irritation aus. „Was das Abhören der letzten Regierung angeht“, antwortete er auf eine Frage nach seinen Anhörvorwürfen gegen seinen Vorgänger Barack Obama und drehte seinen Kopf in Merkels Richtung. „Ich denke, da haben wir etwas gemeinsam, vielleicht.“ Eine Anspielung auf die NSA-Affäre, ein Thema, bei dem Berlin wenig Spaß versteht.

Die Kanzlerin machte ein ziemlich fassungsloses Gesicht. Sie guckte zu Trump, auf ihre Zettel und wieder zu Trump. Es dauerte ein wenig, bis sich an ihren Mundwinkeln so etwas wie ein Lächeln gebildet hat. Merkel will nicht verstimmt wirken. Es geht um Wichtigeres. Um Bekenntnisse der US-Regierung zu Grundpfeilern der internationalen Ordnung, die Trump im Wahlkampf in Frage gestellt hatte. Bekenntnisse zur Nato, zum Einsatz der Bundeswehr im Ausland, zum Friedensprozess in der Ukraine. Und natürlich zum Freihandel.

Kommentare (12)

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Herr Hans-Jörg Griesinger

18.03.2017, 08:37 Uhr

Überall liest man in den Medien, dass unser „Made in Germany“ weltweit nachgefragt ist, also warum machen wir Deutschen dann nicht unser Ding allein?
Unsere Maschinenbauer, unsere Automobilibdustrie, unsere mittelständischen Weltmarktführer, unser legendärer Kamerabauer aus Wetzlar (Leica werden trotz dem immens hohen Preis weltweit nachgefragt!), wir brauchen uns nicht zu verstecken.
Es ist enttäuschend, immer wieder diese Panikmache vom angeblich deutschen Wirtschaftszusammenbruch zu lesen, wenn wir wieder zuallerst mal an uns selbst und unsere Bürger denken und unser Ding machen.
Die Schweizer als Exportland schaffen es doch auch, also warum nicht das wirtschaftsstärste Land in Europa?
Anstatt das Geld im Ausland zu verbrennen, sollten wir hier investieren und den Menschen gerade in den unteren und mittleren Einkommensgruppen vernünftige, faire Löhne und Gehälter bezahlen und auf ausbeuterisch angelegte Leiharbeit gänzlich verzichten.
Dan sind die Leute wieder besser drauf und motiviert, den Laden weiter nch vorne zu bringen.
Ich bekomme immer nur die Leistung, für die ich auch bezahle.
Miese Bezahlung = miese Leistung.
Warum sollten auf dem Arbeitsmarkt jetzt plötzlich andere ökonomische Gesetze herrschen, als in allen anderen Teilen der Wirtschaft?
Zudem halte ich den Kurs von Trump für absolut richtig, „Amerika first“ wird die Vereinigten Staaten wieder zu alter Stärke zurückführen. Eine starke USA ist auch für die Welt gut, genauso, wie es ein starkes Deutschland ist. Wir sollten dabei nur nicht den Fehler begehen, unfair die anderen in grund und Boden zu konkurrieren, weil wir am Ende erstens unsere Auslandsforderungen abschreiben können und zweitens die anderen Staaten in die folgende Staatspleite treiben. Fairer Welthandel, es geht nicht ums Siegen um jeden Preis, sondern um gute Zusammenarbeit, die allen zugute kommt, nicht nur den wenigen. Es ist wie im Kapitalismus, ALLE müssen davon profitieren, nicht nur die wenigen Systemgewinner.

Herr Hans-Jörg Griesinger

18.03.2017, 08:43 Uhr

Kapitalismus, der nur einseitig den wenigen Gewinnern dient, die dick abkassieren, während die breite Masse immer weiter verliert. ist kategorisch abzulehnen.
Wenn es der Markt es nicht fair und ausgewogen von allein regelt, weil Geiz und Gier die alleinige Triebfeder aller Markteilnehmer sind, dann braucht es starke Eingriffe des Staates, um diese Exzesse, die volkswirtschaftlich und gesellschaftlich schädlich sind, zu unterbinden!

Herr Michael Müller

18.03.2017, 09:29 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

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