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29.11.2014

15:38 Uhr

Angriff auf Grenzübergang

IS greift Kobane aus der Türkei an

Heftige Explosionen nahe Kobane: Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS) hat das kurdische Kobane von der türkischen Seite der Grenze aus angegriffen. Die Türkei tut bisher nichts, um die Angriffe zu stoppen.

Kobani: In der Nähe kam es zu mehreren Selbstmordattentaten. ap

Kobani: In der Nähe kam es zu mehreren Selbstmordattentaten.

BeirutDie Terrormiliz Islamischer Staat hat nach kurdischen Angaben die syrische Grenzstadt Kobane erstmals von türkischem Gebiet aus angegriffen. Normalerweise würden die kurdischen Verteidiger der Stadt von drei Seiten angegriffen, sagte ein Sprecher der kurdischen Partei Demokratische Union, Nawaf Chalil, am Samstag. „Heute greifen sie von vier Seiten an.“ Die türkische Regierung dementierte, dass IS-Kämpfer von türkischem Boden aus Kobane angegriffen hätten.

In einem von der Regierungspressestelle in der türkischen Regierung in der Grenzstadt Suruc herausgegebenen Erklärung wurde eine Selbstmordanschlag auf der syrische Seite der Grenze bestätigt. Das mit Sprengstoff beladene Fahrzeug sei aber nicht über die Türkei nach Kobane gelangt. „Behauptungen, das Fahrzeug habe das Grenztor von türkischem Boden erreicht, sind eine Lüge“, hieß es. Die Sicherheitskräfte seien alarmiert und „alle notwendigen Maßnahmen wurden ergriffen“.

Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte teilte mit, bei den jüngsten Kämpfen seien acht kurdische Kämpfer und 17 IS-Dschihadisten getötet worden. Ein Aktivist in Kobane, Mustafa Bali, sagte, IS-Kämpfer hätten Stellungen in Getreidesilos auf der türkischen Seite der Grenze bezogen und griffen von dort den Grenzübergang nach Kobane an. „Es ist nun klar, dass die Türkei offen mit Daesch kooperiert“ sagte er, die arabische Abkürzung für den IS benutzend. Im Osten der Stadt habe es einen Luftangriff der US-geführten Koalition gegeben.

Die Grenzstadt Kobane

Warum ist Kobane für Kurden so wichtig?

Die syrischen Kurden haben den Bürgerkrieg im Land zum Aufbau eigener regionaler Machtstrukturen in den mehrheitlich von ihnen bewohnten Gebieten genutzt. Nachdem sich die Truppen des Regimes von Baschar al-Assad 2012 zurückgezogen hatten, übernahmen sie die Kontrolle und gründeten später im Norden des Landes drei „autonome Kantone“. An der türkischen Grenze kontrollierten sie wichtige Enklaven: im Nordwesten um die Stadt Afrin, im Nordosten um die Städte Hasaka und Al-Kamischli sowie im Norden um Kobane. Eine Übernahme Kobanes durch die Terrormiliz IS wäre nicht nur der Verlust einer strategisch wichtigen Versorgungsroute, sondern auch psychologisch eine schwere Niederlage.

Wer sind die kurdischen Kämpfer, die sich den Dschihadisten entgegenstellen?

Die etwa 5000 Milizionäre gehören vor allem den kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG) an. Sie sind mit der syrisch-kurdischen Partei der Demokratischen Union (PYD) verbunden. Volksschutzeinheiten und PYD stehen der kurdischen Arbeiterpartei PKK nahe, die in der Türkei verboten ist. Im Kampf gegen den IS werden offenbar auch Selbstmordattentäter eingesetzt: Kurdische Aktivisten meldeten am Wochenende, dass eine Kämpferin mit einem Selbstmordanschlag Dutzende Extremisten getötet habe. Experten gehen davon aus, dass PKK-Kämpfer die syrischen Kurden unterstützen. Die kurdischen Milizionäre in Syrien sind nicht zu verwechseln mit den kurdischen Peschmerga-Kämpfern, die im Irak gegen den IS im Einsatz sind.

Wie ist die Lage der Zivilisten vor Ort?

Nach kurdischen Angaben ist die überwiegende Mehrheit der verbliebenen Zivilisten an die türkischen Grenze in Sicherheit gebracht worden. Kobane wurde von den Volksschutzeinheiten zur „Militärzone“ erklärt. Laut türkischer Regierung sind mehr als 185 000 Menschen in die Türkei geflohen.

Warum greift die Türkei nicht ein?

Die türkische Regierung hat den Kurden in Kobane Unterstützung zugesagt, zugleich aber klargemacht, dass sie damit in unmittelbarer Zukunft keinen Einsatz von Bodentruppen meint. Zwar hat das Parlament der Regierung ein Mandat für Militäreinsätze in Syrien und im Irak für ein Jahr erteilt. Allerdings verlangt Ankara für einen Einsatz von Bodentruppen eine umfassende internationale Strategie, die auch den Sturz des Assad-Regimes in Damaskus beinhaltet. Zugleich befürchtet Ankara, dass die Kurden an der türkischen Südgrenze die Keimzelle für einen eigenen Kurden-Staat legen könnten, sollte es ihnen gelingen, die Terrormiliz IS zurückzuschlagen.

Warum schaffen es die USA und ihre Partner nicht, den IS mit Luftangriffen militärisch lahmzulegen?

Die IS-Kämpfer passen sich schnell und geschickt an die Luftschläge an. Sie verlassen Ziele, die von den USA ins Visier genommen werden und bringen Waffen und Geiseln an neue Stützpunkte. Zudem mischen sich die Kämpfer unter die Zivilbevölkerung und lassen auch viele ihrer schwarzen Flaggen wieder verschwinden. Weil Angriffe auf die IS-Infrastruktur schwieriger werden, hat sich auch das Tempo der Luftschläge verlangsamt, sagt David Schenker vom Washington Institute for Near East Policy. Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass der IS nicht allein aus der Luft besiegt werden kann. Dem unabhängigen US-Instituts CSBA zufolge hat der Kampf bereits zwischen 780 und 930 Millionen Dollar (620 bis 740 Millionen Euro) verschlungen.

IS-Kämpfer haben außerdem einen von Kurden kontrollierten Grenzposten in der Nähe der umkämpften nordsyrischen Stadt Kobane an der türkischen Grenze angegriffen. Wie die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Samstag mitteilte, wurde der Grenzposten im Morgengrauen von zwei Selbstmordattentätern angegriffen. Daraufhin sei es dort „zum ersten Mal“ zu Gefechten mit Kämpfern der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) gekommen.

Die Kämpfe um die Grenzstadt Kobane dauern schon seit Wochen an. Die kurdischen Einheiten in Syrien erhielten dabei zuletzt Unterstützung von kurdischen Kämpfern aus dem Norden Iraks. Zudem werden die IS-Stellungen in der Gegend immer wieder von Kampfflugzeugen einer internationalen Koalition

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