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11.08.2011

12:37 Uhr

Angriff der Spekulanten

Deutschland und Frankreich rücken zusammen

VonHannes Vogel

Merkel und Sarkozy wollen auf einem Sondergipfel Maßnahmen gegen die Finanzkrise beraten, denn inzwischen greifen die Märkte Kerneuropa an. Warum die Panik auch die Bundesrepublik erreichen kann und was dagegen spricht.

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DüsseldorfBundeskanzlerin Angela Merkel wird anlässlich der Finanzkrise am kommenden Dienstag zu einem Sondertreffen mit dem französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy nach Paris reisen. Das teilte der stellvertretende Sprecher der Bundesregierung, Christoph Steegmans, am Donnerstag mit. Nach Angaben des Élysée-Palastes wird es bei dem Treffen um die wirtschaftspolitische Steuerung der Eurozone gehen. Noch vor Ende des Sommers sollen den Angaben zufolge „gemeinsame Vorschläge“ zur wirtschaftspolitischen Steuerung der Eurozone vorgestellt werden.

Deutschland und Frankreich rücken zusammen, die Regierungen beider Länder treffen sich hastig, denn inzwischen geht es in der Euro-Krise nicht mehr um die Peripherie Europas, sondern um Deutschland und Frankreich, das Fundament auf dem die gesamte EU beruht.

Die Spekulanten greifen an: Die drei großen Agenturen Fitch, Moody's und Standard & Poor's meldeten sich am Mittwoch allesamt zu Wort, um Marktgerüchte über eine drohende Herabstufung Frankreichs zu zerstreuen. Fitch wiederholte, man halte an der höchstmöglichen Bonitätseinstufung Frankreichs mit stabilen Ausblick fest. Moody's teilte dies ebenfalls mit. „Nichts hat sich geändert“, fügten die Bonitätsprüfer hinzu. S&P-Analystin Nikola Swann betonte, der französischen Regierung sei es ernster mit der Bekämpfung des Haushaltsdefizits als der US-Regierung.

Und dennoch machte sich am Mittwoch an den Börsen Angst breit. „Die Gerüchte um Frankreichs „AAA'-Rating haben katastrophale Auswirkungen trotz der Dementi der Ratingagenturen. Die Leerverkäufer spielen verrückt, es ist schlimm. Dies hat nichts mit den Fundamentaldaten zu tun“, sagte Fondsmanager Christian Jimenez von Diamant Bleu Gestion.

Droht Deutschland ein ähnliches Schicksal? Auch die Bonität der Bundesrepublik könnte theoretisch unter Druck geraten, wenn die Märkte sich Deutschland als neues Ziel suchen. Doch damit das passiert, muss Einiges zusammenkommen.

Denn damit die Spekulation funktioniert, darf das negative Gerücht, was sie befeuert, nicht völlig aus der Luft gegriffen sein. Gerüchte müssen auf einen fruchtbaren Boden fallen, wenn sie zu massiven Preisänderungen führen sollen. Anders gesagt: Ein Gerücht ist immer flüchtig, damit es hängenbleibt, muss es plausibel sein. Es muss ins Bild passen. Es muss einen glaubhaften Kern enthalten.

Im Falle Frankreichs ist der insofern vorhanden, als das Land mit rund 87 Prozent der Wirtschaftsleistung laut Regierung bis Ende 2011 die höchste Verschuldung aller sechs Euro-Zonen-Länder haben wird, die noch mit der Top-Bonitätsnote AAA bewertet werden. Bei Deutschland sind es nur 80 Prozent.

Doch nicht die Schulden allein, auch ihre Verteilung auf inländische und ausländische Gläubiger beeinflussen die Kreditwürdigkeit eines Staates - und machen Spekulation gegen ein Land wahrscheinlich. Das Kalkül der Märkte: Hat eine Regierung sich stark im Ausland verschuldet, fällt es ihr leichter, ihre Rückzahlungsversprechen nicht einzuhalten. Wenn sie Bankrott geht, muss sie sich nicht nicht bei den eigenen Bürgern rechtfertigen, die sie wählt - die Verluste treffen Ausländer, nicht Inländer.

Umgekehrt steigt bei starker Auslandsverschuldung die Wahrscheinlichkeit eines Spekulationsangriffs. Denn ausländische Gläubiger betrachten ihre Investition als Vermögensanlage - und werden bei Gerüchten über mangelnde Bonität viel schneller unruhig als Bürger, die ihrer eigenen Regierung Kredit geben und von den möglichen Folgen einer Pleite direkt betroffen wären.

Auch in punkto Auslandsschulden steht Deutschland besser - aber nicht viel besser - da: Der französische Staat ist mit rund 52 Prozent der französischen Wirtschaftskraft im Ausland verschuldet, Deutschland nur mit 43 Prozent. Beide Länder schulden ausländischen Gläubigern in etwa gleich viel, rund 1400 Milliarden Dollar. Mit dem Geld könnte man rund 40 Millionen VW Golf kaufen - einen für jeden deutschen Haushalt.

Kommentare (24)

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Kackbolzen

11.08.2011, 13:23 Uhr

Es ist doch ganz klar: Wenn die Eurobonds kommen und Deutschland damit für ganz Europa geradestehen soll, dann erstickt es an dieser Belastung. Dann ist nicht nur AAA futsch, sondern Deutschland marschiert dann mit Siebenmeilenstiefeln zum Staatsbankrott. Honi soit qui mal y pense.
Die Apologeten der Eurobonds haben das nicht begriffen. Überhaupt sind die Euromantiker Zocker, die den gesamten Wohlstands Deutschlands für ein "politisches Projekt" verzockt haben. Und Rot-Grün sind diejenigen, die diese Eurobonds am meisten favorisieren. Die haben gar nichts begriffen - deren Wähler noch weniger! Dabei sind es vor allem die Arbeiter und Angestellten, die bei dem nicht mehr zu vermeidenden deutschen Staatsbankrott am meisten zu leiden haben.
Unsere Poltiker sind unverantwortlich in einer Weise, die sich rächen wird. Aber sie tragen die Verantwortung - und sie werden sich beizeiten zu verantworten haben!

Account gelöscht!

11.08.2011, 14:58 Uhr

Frankreich hat eine Regierung die franz. Interessen durchsetzt, Deutschland nicht.
Frankreich hat Nationalstolz, Deutschland nicht!
Frankreich will seinen Bürgern nicht noch mehr Belastungen zumuten. Bei Deutschland gibt es noch was zu holen.

Gastkritiker

11.08.2011, 15:01 Uhr

Dieses sogenannte irrationale Verhalten des Marktes sollte zu denken geben. Wenn der Markt, der sich ja eigentlich nicht irren kann, plötzlich anscheinend den Verstand verlieren kann - sollte man ihm dann weiterhin kritiklos das Wohlergehen und den Wohlstand von Milliarden Menschen anvertrauen? Montarismus ist kein Naturgesetz und nur eine von vielen Theorien...

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