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27.07.2015

20:03 Uhr

Angriffe der Huthi-Rebellen

Waffenruhe im Jemen droht zu scheitern

Der Waffenstillstand im Jemen verdient seinen Namen nicht: Aus fast allen Landesteilen werden weitere Kämpfe der Huthi-Rebellen gemeldet. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ruft indes zur Zurückhaltung auf.

Kinder sitzen auf der Ruine eines Hauses: Die Kämpfe dauern an. dpa

Ausgebombtes Haus in Sanaa

Kinder sitzen auf der Ruine eines Hauses: Die Kämpfe dauern an.

Aden/SanaaDie einseitig verkündete Waffenruhe im Jemen steht nur wenige Stunden nach ihrem Beginn schon vor dem Scheitern. Das von Saudi-Arabien geführte Militärbündnis bombardierte am Montag entgegen eigener Ankündigungen erneut Ziele in dem Land. „In Sanaa gab es auf jeden Fall Luftschläge“, sagte Tariq Riedl, Programmleiter der Hilfsorganisation Oxfam im Jemen, am Montag der Deutschen Presse-Agentur.

Die Bombardements um Umkreis der Stadt seien deutlich zu hören gewesen. Auch aus dem Süden des Landes wurde ein Luftangriff gemeldet. Allerdings gab es widersprüchliche Angaben zu den Angriffen in Sanaa. Aus anderen Quellen hieß es, die Flugzeuge hätten die Stadt nur überflogen, nicht aber bombardiert.

Im Jemen bekriegen sich seit Monaten schiitische Huthi-Rebellen und ihre Verbündeten mit Anhängern des sunnitischen Exilpräsidenten Abed Rabbo Mansur Hadi, der Ende März nach Riad floh. Seitdem bombardieren die Saudis und ihre Partner Stellungen der Rebellen aus der Luft. Die saudische Koalition hatte um Mitternacht (Ortszeit) einseitig eine fünf Tage lange humanitäre Feuerpause gestartet und wollte bis Freitag auf ihre regelmäßigen Luftangriffe verzichten - solange auch die Huthi-Rebellen friedlich blieben.

Gefechte im Jemen: Wer und was? (April 2015)

Die Huthis

Die Huthis sind ein schiitischer Volksstamm aus dem Nordjemen. Früher unterdrückt, etablierten sie sich mit Beginn des Arabischen Aufstands ab 2011 als politische Kraft. Im September 2014 eroberten rund 30.000 Huthis die Hauptstadt Sanaa. Vor einigen Wochen setzten sie Präsident Abed Rabbo Mansur Hadi und die Regierung ab. Auf der Seite der Huthis stehen beträchtliche Teile der Armee, die dem 2012 zum Abgang gezwungenen Präsidenten Ali Abdullah Salih treu geblieben sind.

Präsident Hadi

Präsident Hadi flüchtete im vergangenen Februar in die südjemenitische Stadt Aden, von wo aus er versucht weiterzuregieren. Der von den USA unterstützte Staatschef will einen Föderalstaat errichten - scheiterte aber an der Stärke der Huthis.

Ex-Präsident Salih

Ex-Präsident Ali Abdullah Salih war über 30 Jahre Herrscher im Jemen. Nach Protesten musste er Anfang 2012 zurücktreten. Die USA werfen ihm vor, das Chaos geschürt zu haben. Die UN haben Sanktionen gegen ihn verhängt. Medien berichteten über Absprachen Salihs mit den Huthis. Saudi-Arabien gewährte Salih nach dessen Rücktritt Unterschlupf. Der reiche Golfstaat hat ein großes Interesse daran, den bettelarmen Jemen unter sunnitischer Kontrolle zu halten.

Der Iran

Der Iran versucht als Rivale Saudi-Arabiens, via Sanaa einen Fuß auf die Arabische Halbinsel zu bekommen. Das schiitische Land gilt als Verbündeter der Huthi-Rebellen. Experten vermuten, der Iran unterstütze die Huthis möglicherweise finanziell, habe aber - anders als im Falle der Hisbollah im Libanon oder der schiitischen Milizen im Irak - keinen operativen Einfluss auf sie.

Saudi-Arabien

Eine von Saudi-Arabien geführte regionale Militärallianz bombardiert seit Ende März 2015 im ganzen Land Stellungen und Waffenlager der Huthis und der Salih-loyalen Truppen. Riad sieht - anders als viele Nahost-Experten - in der Miliz der schiitischen Sekte einen „Klienten“ des Iran, der auf diese Weise die Kontrolle über den Hinterhof des sunnitischen Königreichs übernehmen wolle.

Al-Kaida

Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) ist der mächtigste Ableger des weltweit agierenden Terrornetzwerkes. Die sunnitischen Extremisten, die sich unter anderem zum Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ bekannten, galten bisher als heimliche Gewinner im Machtpoker um den Jemen. In den vergangenen Monaten bekannten sich Extremisten und bisherige Al-Kaida-Anhänger zu der Terrormiliz Islamischer Staat (IS), die große Teile des Iraks und Syriens kontrolliert. Trotz einer sehr ähnlichen Ideologie ist der IS mit Al-Kaida verfeindet.

Friedlich blieb es auch im Süden des Jemen nicht: Nach Angaben aus lokalen Quellen starben bei einem weiteren Bombardement nahe der Stadt Lahidsch zwölf Regimeanhänger. Es war zunächst aber unklar, ob es sich um einen versehentlichen Angriff der Koalition auf ihre Verbündeten handelte oder das Militärflugzeug im Auftrag der aufständischen Huthi-Rebellen angegriffen habe. Dutzende weitere Kämpfer wurden demnach verletzt.

In der ersten Tageshälfte war es am Himmel über dem Jemen noch ruhig geblieben. Demgegenüber ging die Gewalt am Boden ohne Pause weiter: Bei gegenseitigen Angriffen von Huthis und Anhängern von Exilpräsident Hadi in mehreren Regionen des Landes starben mindestens neun Menschen – wenigstens 13 wurden verletzt.

Die Bundesregierung appellierte am Montag an die Konfliktparteien, die Waffenruhe angesichts der immer miserableren humanitären Situation im Land einzuhalten. Eine Feuerpause eröffne die Chance zur Versorgung der Bevölkerung und könne gleichzeitig der Einstieg in eine politische Lösung des Konflikts sein, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes.

Durch die Kämpfe und Luftangriffe im bitterarmen Jemen steht das Land seit Wochen vor dem Kollaps. Nahrung, Medizin und Treibstoff sind knapp. Erste Seuchen breiten sich aus. Seit März sind nach UN-Angaben mehr als 3000 Menschen wegen des Konflikts gestorben - über die Hälfte von ihnen waren Zivilisten.

Kommentatoren werteten die Waffenruhe als Versuch des Bündnisses, von dem verheerenden Ausmaß des Angriffs auf die Hafenstadt Mocha am Samstag abzulenken. Bei dem bislang tödlichsten Bombardement auch Wohngegenden getroffen, mindestens 141 Menschen starben. Unter den Opfern waren vor allem Zivilisten - unter ihnen Frauen und Kinder, wie örtliche Einsatzkräfte und Helfer mitteilten.

Von

rtr

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