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05.09.2014

13:05 Uhr

Angst im Baltikum

„Was passiert, wenn sie Russland um Hilfe rufen?“

VonHelmut Steuer

Mit großer Sorge blicken die Menschen im Baltikum auf den Ukraine-Konflikt – denn auch sie haben eine starke russische Minderheit. Bisher undenkbar: Auch die neutralen Finnen und Schweden suchen Hilfe bei der Nato.

Freiheitsdenkmal in Riga: „Die Verteidigung von Tallinn, Riga und Vilnius ist genauso wichtig wie die von Berlin, Paris und London“. DPA

Freiheitsdenkmal in Riga: „Die Verteidigung von Tallinn, Riga und Vilnius ist genauso wichtig wie die von Berlin, Paris und London“.

RigaDas Freiheitsdenkmal in der lettischen Hauptstadt Riga ist eines der beliebtesten Ausflugsziele. Nicht nur Touristen zieht es hierhin, auch viele Letten besuchen das Denkmal, ist es doch das Symbol für die Unabhängigkeit des kleinen baltischen Landes. Es scheint, als wären an diesem sonnigen Spätsommertag besonders viele Menschen hier am Rande der Altstadt.

Im 300 Kilometer entfernten Tallinn hat US-Präsident Barack Obama in einer Rede den baltischen Ländern Estland, Lettland und Litauen absolute Bündnistreue zugesichert. „Die Verteidigung von Tallinn, Riga und Vilnius ist genauso wichtig wie die von Berlin, Paris und London“, hatte Obama erklärt. Genau das wollten die Menschen in den drei baltischen Ländern vor dem Hintergrund der Ukraine-Russland-Krise hören. Auch hier am Freiheitsdenkmal in der lettischen Hauptstadt ist die Versicherung des US-Präsidenten mit Genugtuung aufgenommen worden.

Ein Drittel der Esten sind Russen

„Wir wurden 1991 ebenfalls von sowjetischen Panzern bedroht und leisteten mit unseren Barrikaden Widerstand“, sagt eine Lettin mittleren Alters. „Weil wir in der Nato und der EU sind, fühle ich mich allerdings recht sicher. Und Obama hat für unsere Sicherheit garantiert“. Besonders aufmerksam verfolgen die meisten Menschen in den baltischen Ländern den eskalierten Konflikt zwischen Russland und der Ukraine.

Zwar liegt die Loslösung der drei kleinen Länder von der Sowjetunion 23 Jahre zurück, doch die Erinnerung an die sowjetische Okkupation ist auch bei jüngeren Balten nicht verblasst. Und die Ereignisse in der Ostukraine haben überwunden geglaubte Ängste wieder aufleben lassen. „Was passiert“, fragt ein älterer Mann, „wenn die russische Minderheit hier bei uns Russland um Hilfe ruft?“

Putin spricht...

über Krieg und Frieden

„Russland hat keine Absicht, Krieg gegen das ukrainische Volk zu führen.“
am 4.3. in einer Pressekonferenz

„Wenn ich will, kann ich in zwei Wochen Kiew einnehmen.“
am 01.09. in einem Telefonat mit EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso, das dieser öffentlich machte. Die russische Seite erklärte im Anschluss, das Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen worden.

über Rüstung

„Die Militarisierung des Weltraums und die US-Stützpunkte in Europa und Alaska, direkt an unserer Grenze, nötigen uns zu einer Reaktion.“
am 10.09. in einer Pressekonferenz

über die Zukunft der Ostukraine

„Russland behält sich das Recht vor, alle vorhandenen Mittel zu nutzen, sollte es in östlichen Regionen der Ukraine zu Willkür kommen.“
am 4. 3. in einer Pressekonferenz

„Diese Gebiete (im Süden und Osten der Ukraine) waren als Neurussland historisch ein Teil des Russischen Reiches. Erst in den 1920er Jahren wurden die Territorien von den Bolschewiken der Ukraine gegeben. Gott weiß warum.“
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

„Es müssen umgehend substanzielle inhaltliche Verhandlungen anfangen - nicht zu technischen Fragen, sondern zu Fragen der politischen Organisation der Gesellschaft und der Staatlichkeit im Südosten der Ukraine.“
am 31. 8. vor dem Treffen der Ukraine-Kontaktgruppe

über die Führung der Ukraine

„In der Ukraine gibt es bislang keine legitime Macht, mehrere Staatsorgane werden von radikalen Elementen kontrolliert.“
am 18. 3. in der Rede an die Nation

„Sind sie da jetzt völlig verrückt geworden? Panzer, Schützenpanzerwagen und Kanonen! (...) Sind sie total bekloppt? Mehrfachraketenwerfer, Kampfjets im Tiefflug! (...) Sind sie dort jetzt völlig bescheuert geworden, oder was?
am 17. 4. im russischen Staatsfernsehen

über den Westen

„In der Ukraine überschritten die westlichen Partner die rote Linie, verhielten sich grob, verantwortungslos und unprofessionell.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Die Vereinigten Staaten dürfen in Jugoslawien, Irak, Afghanistan und Libyen agieren, aber Russland soll es verwehrt sein, seine Interessen zu verteidigen.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

über Russen im Ausland

„Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden die Russen zu einem der größten geteilten Völker der Welt. Millionen von Menschen gingen in einem Land ins Bett und erwachten in einem ganz anderen und wurden zur nationalen Minderheit.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

„Ich glaube daran, dass die Europäer, vor allem aber die Deutschen, mich verstehen werden (...). Unser Land hatte das starke Bestreben der Deutschen nach Wiedervereinigung unterstützt. Ich bin sicher, dass sie das nicht vergessen haben und rechne damit, dass Bürger Deutschlands das Bestreben der russischen Welt, ihre Einheit wiederherzustellen, (...) ebenfalls unterstützen werden.“
am 18.3. in der Rede an die Nation

Tatsächlich ist diese Befürchtung in Estland und Lettland immer wieder zu hören. In beiden Ländern sind ein knappes Drittel der Bewohner Russen. Sie wurden von Moskau hier angesiedelt und sind nach der Unabhängigkeit im Baltikum geblieben. Nach Meinung des lettischen Soziologen Arnis Katins hat das zu einer „zweigeteilten Gesellschaft“ geführt. „Es gibt russische und lettische Schulen, russische und lettische Theater, russisch- und lettischsprachige Medien“, sagt er.

Viel entscheidender noch: Rund 280.000 der in Lettland lebenden Russen besitzen nicht die lettische Staatsbürgerschaft, haben keinen Pass. Sie sind sogenannte „Nichtbürger“. Wer die lettische Staatsbürgerschaft bekommen möchte, muss einen Sprachtest absolvieren. Für viele, vor allem ältere Russen, ist das eine schwierige Hürde. Die Regelung ist seitens der Europäischen Union mehrfach kritisiert worden, und auch in Lettland gibt es viele Stimmen, die gleiche Rechte für alle Bürger fordern.

Kommentare (29)

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Frau Helga Trauen

05.09.2014, 14:00 Uhr

Was passiert denn, wenn drei Amerikaner im Ausland um Hilfe rufen?
Aber gemach, Putin ist nicht schwachsinnig. Der Westen sollte Russland in die europäische Völkerfamilie aufnehmen. Und den kriegslüsternen egoistischen US-Interessen eine Abfuhr erteilen, die darauf gerichtet sind, die "exzeptionelle Nation" für immer auf Kosten aller anderen bleiben zu können mit Hilfe des USD. Dann wären die Probleme gelöst.
Aber so treibt die Welt dem 3. Weltkrieg entgegen. Nur werden dieses Mal auch die amerikanischen Städte zerstört werden. Hoffentlich kapieren das die Neocons sehr schnell, wenn sie Putin immer weiter in die Enge treiben wie Japan Anfang der 40er Jahre.
Schade ist, daß die Europäer so furchtbar verblödet sind, und das Spiel nicht begreifen.

real .ist

05.09.2014, 14:06 Uhr

Wann kommt endlich die vereinigte Erdengemeinschaft mit einer einzigen Weltregierung und einer einzigen Währung?

Herr Salvatore Bonpensiero

05.09.2014, 14:11 Uhr

Viel fordern, die Russen mit Sanktionen zu belegen und finanziell auszubluten. Dann wäre Putin schnell am Ende. (...)

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

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