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20.03.2011

02:43 Uhr

Angst vor Atomkatastrophe

Verzweifelter Kampf gegen die Strahlung

Gefährlich niedriger Wasserstand in Abklingbecken. Im bislang vergleichsweise unkritischen Reaktor wurde die Kühlung wieder in Gang gebracht. Die Zahl der Toten und Vermissten nähert sich der Marke von 20 000.

TokioDie Einsatzkräfte im japanischen Atomkraftwerk Fukushima haben am Sonntag versucht, die besonders kritischen Reaktorblöcke 3 und 4 unter Wasser zu setzen.

In beiden Reaktoren ist der Wasserstand der Abklingbecken für abgebrannte Kernbrennstäbe gefährlich niedrig, wie aus einem Statusbericht des Japanischen Atomenergieforums (JAIF) für Sonntag 10.00 Uhr Ortszeit (02.00 Uhr MEZ) hervorgeht. Block 3 stand 13 Stunden lang unter dem Beschuss von Wasserwerfern. Danach wurde auch Block 4 von Soldaten der japanischen Streitkräfte mit Wasser bespritzt. Dieser Einsatz wurde nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo gegen 9.45 Uhr Ortszeit (1.45 Uhr MEZ) zunächst wieder beendet.

Auf den erheblich beschädigten Block 3 seien vermutlich mehr als 2000 Tonnen Wasser niedergegangen, meldete Kyodo. Das dortige Abklingbecken fasst 1400 Tonnen Wasser. Die in Block 3 verwendeten Brennelemente sind besonders gefährlich, weil es sich dabei um Plutonium-Uran-Mischoxide (MOX) handelt. Auch in Block 4 ist es vor allem das Ziel, den Wasserstand des Abklingbeckens mit abgebrannten Kernbrennstäben zu erhöhen.

Lage in Fukushima stabilisiert sich

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Der Reaktor 4 war wegen Wartungsarbeiten schon vor dem Erdbeben abgeschaltet, das Becken mit dem weiter strahlenden Material gilt aber als besonders große Gefahrenquelle. Unterdessen wurde das Kühlsystem im Reaktor 6 wieder in Gang gesetzt, nachdem dort die Stromversorgung wiederhergestellt worden war. Anschließend sei die Temperatur in einem überhitzen Kühlbecken deutlich gesunken, wie Kyodo unter Berufung auf den Kraftwerksbetreiber Tepco weiter berichtete. Die Stromversorgung für die Reaktorblöcke 1 und 2 soll am Sonntag wiederhergestellt werden - mit dem Ziel, die Kühlung der dortigen Abklingbecken wieder in Gang zu setzen. Die von Fukushima ausgehende Strahlung belastet zunehmend Trinkwasser und Lebensmittel.

In der Stadt Kawamata, die zur Präfektur Fukushima gehört, wurde verstrahlte Milch festgestellt. Die Belastung mit radioaktivem Jod übersteige den zugelassenen Grenzwert, teilte am Samstag das Gesundheitsministerium nach einer Meldung der Nachrichtenagentur Kyodo mit. Kawamata liegt 45 Kilometer nordwestlich des Atomkraftwerks. In der Präfektur Fukushima wie in den angrenzenden Verwaltungsregionen wurde eine geringe Belastung des Trinkwassers mit radioaktivem Jod festgestellt. Die Werte liegen zwischen 0,27 und 77 Becquerel pro Kilogramm bei einem Grenzwert von 300 Becquerel. Eine Messung des Leitungswassers in Tokio ergab eine Jod-Belastung von 1,5 Becquerel. Die Verstrahlung mit Cäsium erreichte Werte von 0,22 bis 1,6 Becquerel pro Kilogramm bei einem zulässigen Grenzwert von 200 Becquerel. Das Gesundheitsministerium erklärte, im Moment gehe von dem Leitungswasser keine Gefahr für die menschliche Gesundheit aus.

Die Zahl der Toten und Verletzten nach Erdbeben und Tsunami vom 11. März nähert sich inzwischen der Marke von 20 000. Bis Samstagabend registrierte die Polizei 7653 Tote und 11 746 Vermisste.

Aufräumarbeiten in Japan

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Bergungsspezialisten des Technischen Hilfswerks (THW) kehrten unterdessen aus Japan nach Deutschland zurück. Die 41 Frauen und Männer landeten am Samstagabend mit einer Sondermaschine auf dem Flughafen Frankfurt und wurden in einer Wache der Flughafen-Feuerwehr in Empfang genommen. Mit an Bord waren 20 weitere Personen aus sechs Ländern, darunter fünf Deutsche. Sie wurden in Frankfurt von Seelsorgern betreut.

Vor der Landung in Frankfurt waren in Zürich 21 Schweizer Retter abgesetzt worden. Auch Rettungshunde waren an Bord. Messungen vor der Abreise wie nach der Landung hätten keine radioaktive Belastung der Helfer ergeben, sagte der Nuklearexperte des THW-Teams, Mario König. Die Gruppe habe sich dem Unglücksreaktor nicht mehr als 80 Kilometer genähert.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Blinse

19.03.2011, 12:23 Uhr

Kann mich nur wundern. In den ersten Meldungen hieß es noch, die Pumpen laufen, allerdings nur auf Batterie. Dauerstrom war also von Anfang an das Problem. Nach mittlerweile mehr als einer Woche gehen die nun das zentrale Problem an, wissen jetzt aber nicht mehr, ob die Pumpen noch laufen. Fazit: Ich warte einfach darauf, daß die Teile hochgehen, irgendwelche Meldungen haben sowieso wenig Aussagekraft. Man wird halt stiller Beobachter. Nicht schön, aber nicht zu ändern.

Strontium

19.03.2011, 20:59 Uhr

Mir kommen diese ganzen Meldungen der japanischen Behörden und der Atombehörden weltweit zeitweise so vor wie die Meldungen 1986 aus Russland: "Alles nicht so schlimm, keine Gefahr für Leib und Leben, bisschen drüber poliert und das Ding läuft wieder."
Nachdem jetzt die ersten sechs Mitarbeiter mit 250 Millisievert verstrahlt wurden und auch die Strahlenwerte des Trinkwassers gesetzliche Werte übersteigen dürfte nicht mehr sehr viel Spielraum für unangebrachten Optimismus verbleiben. Meiner Meinung nach ist es ist nur noch eine Frage der Zeit...

heinrich

19.03.2011, 21:34 Uhr

Ich kann mich auch nur wundern über die Dinge, die da berichtet werden. Offensichtlich werden hauptsächlich Vermutungen und Halbwahrheiten verbreitet.
Jedenfalls muß ich den Japanern Naivität und Inkompetenz vorwerfen. Man ist offensichtlich völlig unvorbereitet in diese schlimme Katastrophe hineingelaufen, ist auch nicht mal in der Lage innerhalb von Tagen eine passende Notstromverbindung herzustellen. Ganz davon abgesehen, daß man keine brauchbare Vorsorge getroffen hat. Konnten die Konstrukteure und Verantwortlichen nicht wissen, was es bedeutet, ein Kernkraftwerk an dieser exponierten Stelle im absolut riskanten Erdbebengebiet und zugleich im direkten Blick auf einen katastrophalen Tsunami zu errichten ?

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