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12.07.2011

17:32 Uhr

Angst vor dem Schuldenvirus

EU tastet sich an Griechenland-Pleite heran

Im Kampf gegen die Schuldenkrise lassen die Euro-Staaten fast alle Tabus fallen. Eine Griechenland-Pleite wird inzwischen nicht mehr ausgeschlossen. EU-Kommissar Olli Rehn sieht gar die ganze Euro-Zone bedroht.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und EU-Kommissar Olli Rehn: "Die Krise ist jetzt systemisch." Quelle: dapd

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet und EU-Kommissar Olli Rehn: "Die Krise ist jetzt systemisch."

Brüssel/Rom/AthenDie Euro-Finanzminister wollen nun eine Umschuldung prüfen lassen und alle Optionen zur Beteiligung privater Gläubiger an der Rettung des Landes prüfen. Das Motto ist, alles zu tun, damit Griechenland seinen Schuldenberg wieder unter Kontrolle bringt. Die EU-Staats- und Regierungschefs werden wegen der Krise womöglich am Freitag einen Sondergipfel in Brüssel abhalten, wie EU-Diplomaten sagten. Die Entscheidung über das zweite Hilfspaket kann aber noch Wochen auf sich warten lassen. An den Finanzmärkten brach Panik aus, dass der Euro untergehen könnte. Das Euro-Schwergewicht Italien droht nun ebenfalls in den Schuldensog zu geraten.

Unter den EU-Politikern in Brüssel und Athen herrscht große Nervosität. EU-Währungskommissar Olli Rehn sagte am Dienstag in Brüssel, die Krise sei jetzt systemisch, also auf die gesamte Euro-Zone übergeschwappt. Die gesamte europäische Wirtschaft sei jetzt in Gefahr. Der griechische Ministerpräsident Giorgos Papandreou warf den Euro-Partnern in einem Brief an Eurogruppen-Chef Jean-Claude Juncker vor, zu spät gehandelt zu haben und zu sehr ihre innenpolitische Lage im Blick zu haben. Er prangerte die „Kakophonie“ der Euro-Politiker an.

Maßnahmen gegen die Schuldenkrise

Schäuble Vorschlag

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble beharrt auf seinem Vorschlag, alle griechischen Anleihen zu einem bestimmten Zeitpunkt - also während der Laufzeit - gegen neu Papiere mit längerer Laufzeit zu tauschen. Im Gespräch ist eine Verlängerung der Laufzeit der  Staatsanleihen privater Gläubiger um sieben Jahre. Dabei sollen die Gläubiger die vereinbarten Zinssätze erhalten.  

Damit die Rating-Agenturen dies nicht als Zahlungsausfall Griechenlands werten, sollen sich die privaten Gläubiger auf freiwilliger Basis beteiligen. Unklar ist jedoch, wie Schäuble genug Gläubiger dazu bewegen will, sich an einer solchen freiwilligen Lösung zu beteiligen.

Kauf von Anleihen durch den Euro-Rettungsfonds

Der Euro-Rettungsfonds (EFSF) könnte künftig auch Staatsanleihen von Privatgläubigern zum aktuellen Marktwert kaufen oder Schuldenländern den Rückkaufeigener Anleihen ermöglichen. Derzeit sind die Marktpreise für die Staatsanleihen der Schuldenländer deutlich unter den Ausgabekursen. Deshalb könnte auf diese Weise der Privatsektor indirekt an den Rettungskosten beteiligt werden.

Diskutiert werden zwei Varianten: Entweder der EFSF kauft die Schulden selbst auf oder er gibt Kredite an Griechenland, dessen Regierung dann den Rückkauf betreibt. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wäre der EFSF rechtlich dazu in der Lage. Für Griechenland würde sich die Finanzlage stark verbessern. Doch die Geberländer müssten viel Geld in die Hand nehmen. Und: Die Ratingagenturen würden dies vermutlich als Kreditausfall werten.

Im vergangenen Jahr hat bereits die Europäische Zentralbank (EZB) massiv Anleihen gekauft. Sie will jedoch keine weiteren Risiken eingehen. Außerdem stellt sich die EZB gegen Vorschläge zur Beteiligung des Privatsektors an der Griechenland-Rettung, weil sie ansonsten auf ihre eigenen Anleihen Abschreibungen bilden müsste.

Der Ackermann-Plan

Der Plan des von Josef Ackermann geführten internationalen Bankenverbandes IIF sieht ein freiwilliges, von Griechenland selbst organisiertes Rückkaufangebot für Staatsanleihen vor.

Ein solcher Schritt würde lediglich solche Banken treffen, die die Papiere zu Einstiegspreisen im Bankbuch halten. Sie müssten bei einem Rückkauf Abschreibungen in Kauf nehmen. Nicht betroffen wären hingegen Institute, die ihre Griechenland-Anleihen zum derzeitigen Wert im Handelsbuch bilanziert haben.

Der Schuldenrückkauf  würde nach Überzeugung des IIF keinen begrenzten Zahlungsausfall auslösen. Offen ist wer Griechenland den Schuldenrückkauf finanzieren soll.  Hier käme neben der EZB nur der europäische Rettungsschirm EFSF in Frage.

Bankenabgabe

Die Gläubiger kaufen freiwillig neue Griechenlandanleihen. Das zweite Hilfspaket für Griechenland wird aus einer Bankenabgabe oder aus einer Finanzmarktsteuer finanziert. Vorteil: Der EFSF bekäme zusätzlich Geld, ohne dass die Haushalte der Euro-Länder dadurch belastet werden. Nachteil: Bankenabgabe und die Finanzmarktsteuer sind in der EU stark umstritten. Und die griechische Schuldentragfähigkeit würde kaum verbessert. Die Ratingagenturen sehen dies wohl nicht als Zahlungsausfall.

Französisches Modell

Die französischen Banken haben ein Modell in die Diskussion gebracht, bei dem Griechenland seine auslaufenden Anleihen vollständig tilgt. 30 Prozent der Tilgungssumme sollen die Investoren direkt ausgezahlt bekommen. Die restlichen 70 Prozent des zurückgezahlten Geldes müssen sie in neue Griechen-Bonds mit 30-jähriger Laufzeit anlegen.

Die Banken haben verschiedene Varianten des Modells ins Spiel gebracht. Sie unterscheiden sich darin, inwieweit die anderen Euro-Staaten das Ausfallrisiko der verbliebenen Anleihen übernehmen.  Außerdem geht es um die Frage, wie die verbliebenen Papiere verzinst werden sollen. Im Gespräch ist ein Zinsbonus, der sich nach dem griechischen Wirtschaftswachstum richtet.

Entscheidend dafür, welches Modell sich am Ende durchsetzt, ist vor allem das Urteil der Rating-Agenturen. Für das französische Modell hat die Rating-Agentur Standard & Poors bereits signalisiert, dass sie dies als teilweisen Zahlungsausfall werten könnte. Eine Bewertung als Zahlungsausfall wollen die Euro-Länder unbedingt verhindern. In diesem Fall müssten Banken und Versicherungen Abschreibungen bilden und die Kreditausfallversicherungen (CDS) würden fällig – mit unkalkulierbaren Risiken für das Finanzsystem.

Haircut

Die griechische Regierung erklärt sich für zahlungsunfähig und handelt mit ihren Gläubigern einen Forderungsverzicht (Haircut) aus. Für die Geldgeber kann das sehr teuer werden: Bei den vom Internationalen Währungsfonds (IWF) untersuchten Staatspleiten zwischen 1998 und 2005 musste sie zwischen 13 Prozent (Uruguay) und 73 Prozent (Argentinien) ihres Investments abschreiben. Griechenland könnte seine Schuldenlast von mehr als 340 Milliarden Euro auf diese Weise zwar mit einem Schlag deutlich reduzieren, würde aber seine Kreditwürdigkeit am Finanzmarkt auf Jahre verspielen und sich den Zugang zu frischem Geld verbauen. Auch andere Sorgenkinder wie Irland und Portugal würden dann noch größere Probleme haben, sich neues Geld am Markt zu leihen. Ein weiteres Problem: Die Gläubiger sind vor allem Banken aus Griechenland und anderen Euro-Ländern, denen milliardenschwere Verluste drohten, was wiederum eine neue Finanzkrise auslösen könnte.

Eurobonds

Dahinter steht die Idee, dass alle Euro-Länder gemeinsame Anleihen ausgeben - für die sie gemeinsam garantieren. Durch das geringere Ausfallrisiko würde die Zinslast für die Schuldenländer sinken. Unklar ist jedoch, was dies für die Euro-Länder mit hoher Kreditwürdigkeit bedeuten würde, wie zum Beispiel Deutschland. Unter Umständen müssten sie für ihre Anleihen dann höhere Zinsen zahlen. Befürworter argumentieren jedoch, dass durch die höhere Liquidität der Anleihe der durchschnittliche Zinssatz für alle beteiligten Länder sinken würde.  

Das Modell wird in verschiedenen Varianten diskutiert. Neben der vollständigen Umstellung auf Eurobonds gibt es auch den Vorschlag, nur solche Schulden in Eurobonds umzuwandeln,  die im Rahmen der Maastrichter-Kriterien liegen.

Brady-Bonds

Der US-Finanzminister Nicholas Brady entschärfte die Lateinamerika-Krise 1989 dadurch, dass ausstehende Anleihen südamerikanischer Länder in solche mit sehr langen Laufzeiten und niedrigen Zinsen umgetauscht wurden. Als Sicherheiten dienten US-Staatsanleihen.

Blessing-Vorschlag

Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, Martin Blessing, hat sich für einen Forderungsverzicht der Banken von 30 Prozent ausgesprochen. Die übrigen 70 Prozent sollen die Institute in Anleihen mit 30-jähriger Laufzeit tauschen, die von EU-Institutionen garantiert würden. Der Zins soll für diese Bonds nur 3,5 Prozent betragen. Der Vorschlag folgt der Logik der Brady-Bonds.

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sagte, der Schlüssel zur Lösung der Schuldenkrise sei es, den Schuldenberg von 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Griechenland wieder tragfähig zu machen. „Das muss schnell geschehen, nur so werden die Märkte vertrauen fassen.“ Die Euro-Finanzminister vereinbarten deshalb, Griechenland Finanzhilfen zu günstigeren Konditionen bereitzustellen. Die Laufzeiten der Hilfskredite sollen erneut verlängert, und die Zinsen dafür weiter gesenkt werden.

Auch soll der Euro-Rettungsfonds EFSF künftig womöglich griechische Staatspapiere am Sekundärmarkt aufkaufen. Diese Art Schuldenschnitt hatten die Euro-Länder vor Kurzem auf Druck Deutschlands noch ausgeschlossen. Jetzt nannte Schäuble auch den Vorschlag von Commerzbank-Chef Martin Blessing zu einem radikalen Schuldenschnitt eine nicht uninteressante Idee, die so wie alle anderen Vorschläge geprüft werde. Auch das Nein des deutschen Finanzministers zu Eurobonds fiel nicht mehr so hart aus wie bisher.

Nach Einschätzung von Analysten ist das eine fundamental neue Strategie im Kampf gegen die Krise. Diese sei nun von der Peripherie auf den weichen Kern der Euro-Zone - Italien - übergeschwappt, sagte der Chef-Volkswirt der Citigroup Willem Buiter. „Das ist eine Systemkrise. Das ist existenziell für die Euro-Zone und die EU.“ Analysten der Lloyds Bank machten dafür auch das Zögern Deutschlands verantwortlich.

Kommentare (20)

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C.Rath

12.07.2011, 16:58 Uhr

Jetzt geht´s aber zu Sache, meine Herren (und wenigeDamen).
Also schon jetzt und nicht erst etwas später.Man kann nur hoffen, dass jeder halbwegs vernünftige Mensch als Privatmann seine Dispositionen getroffen hat. Sonst ist wirklich allerhöchste Eisenbahn, wie dieser schöne altmodische Spruch einmal hieß.

NZZ

12.07.2011, 16:58 Uhr

Guter Bericht in der NZZ:
http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/in_der_euro-zone_fallen_die_tabus_1.11345404.html

Moika

12.07.2011, 17:32 Uhr

Giorgos Papandreousei Dank - jetzt weiß ich wenigstens, wer die Pleite Griechenlands explizit verschuldet hat: Wir alle, aber ein wenig "aller" wir Deutschen.

Daß er und die griechische Politikerkaste über Jahrzehnte lang zig 10 Milliarden verschleuderten und teilweise auch gleich in die eigene Tasche steckten - darüber verliert er selbstverständlich kein einziges Wort.

Vielen Dank Griechenland, es wird Zeit zu gehen, dann könnt ihr auch machen was ihr wollt und braucht euch an niemandem zu halten.

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