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04.04.2014

12:00 Uhr

Anja Niedringhaus

Deutsche Kriegsfotografin in Afghanistan getötet

Die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus ist in Afghanistan getötet worden, eine Kollegin wurde schwer verletzt. Laut Behörden ereignete sich die Attacke auf einem Polizeistützpunkt. Die deutsche Botschaft ermittelt.

Ein afghanischer Polizist steht Wache. Die Attacke ereignete sich innerhalb eines Polizeistützpunktes. Reuters

Ein afghanischer Polizist steht Wache. Die Attacke ereignete sich innerhalb eines Polizeistützpunktes.

KhostEinen Tag vor der Parlamentswahl in Afghanistan ist im Osten des Landes die deutsche Fotografin Anja Niedringhaus getötet worden. Bei dem Angriff in der Provinz Khost sei zudem die kanadische Kollegin Kathy Gannon, 60, durch Schüsse schwer verletzt worden, teilte die örtliche Polizei am Freitag mit. Demnach ereignete sich die Attacke innerhalb eines Polizeistützpunkts. Die 48-jährige Niedringhaus arbeitete für die US-Nachrichtenagentur AP.

In Afghanistan findet am Samstag die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Im Vorfeld der Abstimmung verstärkten die radikalislamischen Taliban ihre Angriffe. Sie drohten damit, die Wahl zu boykottieren und gewaltsam zu stören. Inzwischen hat sich die Bundesregierung in den Fall eingeschaltet. Die deutsche Botschaft in Kabul sei „mit Nachdruck um Aufklärung bemüht“, sagte eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes am Freitag in Berlin.

Niedringhaus war die wohl bekannteste deutsche Kriegsfotografin und hatte große Erfahrung mit der Arbeit in Krisengebieten wie Afghanistan, Libyen, dem Irak und Bosnien. 2010 wurde sie in Afghanistan verletzt. Für ihre Aufnahmen aus dem Irak erhielt sie 2005 den renommierten Pulitzer-Preis.

Ein freier AP-Mitarbeiter war Zeuge des Vorfalls und schilderte den Hergang so: Ein Polizist habe das Feuer auf ein Auto eröffnet, in dem die beiden gesessen hätten. Niedringhaus sei sofort tot gewesen, was später auch ein Mediziner bestätigte. Die verletzte Journalistin Gannon sei in medizinischer Behandlung. Ihr Zustand sei stabil, hieß es.

Die beiden Journalistinnen reisten in einem Konvoi mit Wahl-Mitarbeitern, die Wahlzettel aus dem Zentrum von Chost in die Randgebiete liefern sollten. Der Konvoi wurde durch die afghanische Armee und Polizei geschützt. Die Frauen saßen in ihrem eigenen Auto, in dem auch ein Fahrer und der freie Mitarbeiter mitfuhren.

Sie hatten kurz vor dem Vorfall das schwer bewachte Gelände des Bezirks erreicht, wie der freie Mitarbeiter berichtete. Als sie darauf gewartet hätten, dass sich der Konvoi in Bewegung setzen würde, sei ein Kommandeur der Einheit mit dem Namen Nakibullah zum Auto gelaufen, habe gebrüllt „Allahu Akbar“ („Gott ist groß“) - und das Feuer mit seiner Kalaschnikow auf die Frauen im Fond eröffnet. Er habe sich dann den anderen Polizisten ergeben und sei festgenommen worden.

AP-Chefredakteurin Kathleen Carroll sagte: „Anja und Kathy verbrachten zusammen Jahre in Afghanistan und berichteten über den Konflikt und die Menschen dort. Anja war eine lebhafte, dynamische Journalistin, viel geliebt für ihre einfühlsamen Aufnahmen, ihr warmes Herz und ihre Lebensfreude. Wir sind untröstlich über den Verlust.“

Erst vor einigen Wochen wurde ein prominenter afghanischer Journalist der Nachrichtenagentur AFP bei einem Anschlag auf ein Luxushotel im Zentrum der Hauptstadt Kabul getötet. Seit dem Jahr 2002 wurden nach Angaben von Reporter ohne Grenzen mindestens 19 Journalisten in Afghanistan getötet. Vor allem im Süden und Osten des Landes seien sie gefährdet. Auf der Rangliste der Pressefreiheit steht Afghanistan auf Platz 128 von 180.

Kommentare (6)

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04.04.2014, 11:45 Uhr

Einfach mal reinschauen, besonders in die "Nahaufnahmen":
https://www.reporter-ohne-grenzen.de/ranglisten/rangliste-2014/

Ein paar Beispiele:

Platz 1: Finnland
Platz 2: Niederlande
Platz 3: Norwegen
...
Platz 14: Deutschland
...
Platz 46: USA
...
Platz 96: Israel
...
Platz 99: Griechenland
Platz 100: Bulgarien
..
Platz 128: Afghanistan

Account gelöscht!

04.04.2014, 12:19 Uhr

Wem nützen denn die "Reportagen aus den Kriegsgebieten" ? Warum muss ein Reporter auf dem Maidan-Platz stehen und runherum werden Menschen erschossen ? Wer in Afghanistan oder Deutschland will unbedingt diese gefährlichen Live-Berichte haben ?

Niemand eigentlich. Es ist nur dazu da, dass Deutschland überall als "gutmenschlich-führsorglicher Beobachter" dastehen soll - als "Lemming der keine Gefahr kennt und immer nur gutes tun will". Hört auf damit !

Account gelöscht!

04.04.2014, 13:01 Uhr

Wie kann sich jemand, der dafür ist, das, was wahr ist, nur dann zu berichten, wenn es nützt, "SayTheTruth" nennen?

Wollen wir nicht anfangen, uns in biedermeierlicher Selbstgefälligkeit zu suhlen, müssen wir uns den Realitäten in der Welt schon stellen, auch wenn diese unangenehm sind und die Berichterstattung über dieselben zuweilen gefährlich, lebensgefährlich sogar sein kann. Dabei geht es nicht darum, als gutmenschlich-fürsorglicher Beobachter allgegenwärtig sein zu wollen, sondern darum, erstens durch möglichst umfassende Kenntnisse von der Welt selber sich ein weniger manipualtionsanfälliges Wissen aufzubauen und zweitens ein festeres Fundament für sein eigenes Denken und Handeln zu gewinnen.

Natürlich kann nicht einmal ein Gutmensch überall Hebel ansetzen. Falsch ist es, ihn deshalb auf den Beobachterstatus zu reduzieren. Vielmehr steht es jedem frei, und das wäre drittens, unter den vielen Meldungen, die uns stärker als andere innerlich berühren - den einen diese, den anderen jene - sich bei ein oder sogar zwei Projekten im Rahmen seiner bescheidenen Möglichkeiten auch jenseits des eigenen Tellerrandes zu engagieren. Viertens gibt das nicht dem Gutmenschen allein ein gutes Gefühl. Bei Erfolg macht es die Welt auch ein bisschen besser, und sei es dass der von Amnesty International betreute Gefangene nicht das Gefühl haben muss, von aller Welt unbeachtet in seiner Zelle zu verrotten. Dann darf der Gutmensch sich einmal mehr auf die Schulter klopfen, und ich kann nichts Schlechtes daran finden.

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