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14.01.2005

14:31 Uhr

Anleger im Dilemma

Argentinien beginnt mit der Umschuldung

Das Dilemma der Argentinien-Anleihebesitzer beginnt mit dem Start der Umschuldungsaktion Argentiniens erst richtig. Sollen sie das Angebot des südamerikanischen Staates annehmen und damit auf einen Großteil ihrer Ansprüche verzichten oder darauf setzen, dass auch institutionelle Investoren sich verweigern und der Druck auf den argentinischen Staat zu einer Nachbesserung wächst?

HB MÜNCHEN. Experten und Anlegerschützer raten von vorschnellen Reaktionen ab. „Erst mal sollte man beobachten, wie die Entscheidung der restlichen Investoren ausfällt“, sagt Ulrich Hocker, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Private Gläubiger machen Bonds und Zinsen im Gesamtwert von rund 100 Mrd. € gegenüber dem südamerikanischen Land geltend, nachdem Argentinien die Papiere seit etwa drei Jahren nicht mehr bedient. Bis voraussichtlich mindestens 25. Februar können sie nun ihre Staatsanleihen in neue Papiere umtauschen, müssen dabei aber im Schnitt auf fast 75 % des Nennwertes verzichten. Allein in Deutschland hatten sich rund 40 000 Anleger zu Engagements entschieden, es lockten zweistellige Zinsversprechen. Nicht wenige Privatleute hätten voll auf die Argentinien-Karte gesetzt, manche selbst ihre Altersvorsorge drangegeben, heißt es in Finanzkreisen. „Da ist bei dem einen oder anderen auch die Sicherung rausgeflogen.“

Für Beträge bis zu 50 000 € sei im Rahmen eines Umtauschs zwar die Rückzahlung des Nennwertes garantiert - allerdings dauere dies etwa 30 Jahre und das Angebot sei auf ein bestimmtes Volumen begrenzt, sagt Hocker. „Man sollte sich aber die Frage stellen: Was ist besser - der Spatz in der Hand oder die Taube auf dem Dach?“ Wer die alten Papiere behalte, laufe zudem Gefahr, dass die Märkte dafür austrocknen, wenn sich die Mehrheit der Investoren letztlich zu einer Annahme des Angebotes entscheide. „Dann wird es sehr schwierig, jemals dafür wieder vernünftiges Geld zu bekommen.“

Stefan Engelsberger von der Interessengemeinschaft Argentinien rät den Anlegern in jedem Fall, Entscheidungen sorgfältig abzuwägen und dabei auch die persönliche Situation einzubeziehen. Die Interessengemeinschaft vertritt nach eigenen Angaben rund 200 Anleger mit Ansprüchen im dreistelligen Millionen-Bereich. „Man kann ablehnen, wenn man das Geld nicht braucht, man kann zustimmen, wenn man meint, Kursgewinne einfahren zu können“, sagt Engelsberger. Letztlich würden alle Entscheidungen aber unter bestimmten Unsicherheiten getroffen und hätten daher „Spielcasino-Charakter“.

Über das Verhalten des argentinischen Staates ist Engelsberger verbittert. Er spricht von Nötigung und Enteignung, das Land habe auch international einen deutlichen Imageverlust erlitten. Mögliche Chancen für ein Umdenken biete ein Regierungswechsel. Zudem sei Argentinien auch künftig auf die Gunst reicherer Staaten angewiesen, die sich als Geldgeber des hoch verschuldeten Landes betätigten.

Aus Sicht des Kapitalmarktrechtlers Reinhard Welter von der Universität Leipzig ist allerdings unklar, wie stark der Internationale Währungsfonds letztlich Druck auf das südamerikanische Land ausüben kann. „Darüber sollten sich die Anleger genau informieren, wobei der einzelne Kleinanleger natürlich eigentlich weit überfordert ist.“ Die Chancen, mit Klagen gegen Argentinien vor deutschen Gerichten Recht zu bekommen, stünden zwar grundsätzlich gut, doch handele es sich um einen Papiertiger. „Die Frage ist, wie und wo man das durchsetzen kann.“

Der Fall Argentiniens werfe die Frage nach einem Insolvenzrecht für Staaten wieder auf, sagt der Wissenschaftler. „Das wäre aber ein Riesen-Schritt - schließlich reden wir über souveräne Staaten.“ Anleger müssten sich vor allem klar machen: „Alles, was an höheren Zinsen gezahlt wird, spiegelt ein gewisses Risiko wieder.“

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