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09.12.2014

07:20 Uhr

Anna Netrebko trifft Separatistenführer

Entrüstung über Aktion der russischen Star-Sopranistin

Sopranistin Anna Netrebko hat ihre Solidarität mit den pro-russischen Separatisten in der Ukraine offen zur Schau gestellt. Im Netz muss sich die 43-Jährige dafür viel Kritik gefallen lassen.

Anna Netrebko hält gemeinsam mit Oleg Tzarev die sogenannte neo-russische Flagge, die Fahne der Separatisten in der Ostukraine, in die Kamera. dpa

Anna Netrebko hält gemeinsam mit Oleg Tzarev die sogenannte neo-russische Flagge, die Fahne der Separatisten in der Ostukraine, in die Kamera.

MoskauDie russische Sopranistin Anna Netrebko hat offen ihre Unterstützung für die Separatisten in der Ostukraine gezeigt und unter anderem mit ihrer Flagge posiert. Der Auftritt der Sängerin mit dem ukrainischen Separatisten Oleg Zarew wurde am Montag kontrovers diskutiert.

Die 43-Jährige hatte Zarew am Sonntag in St. Petersburg bei einer im Fernsehen übertragenen Zeremonie einen Scheck in Höhe von umgerechnet gut 15.000 Euro für die Oper in der umkämpften Region Donezk übergeben.

„Ich möchte etwas tun, um die Kunst dort zu unterstützen, wo es heute besonders nötig ist“, sagte Netrebko. Zarew, der regelmäßig in die Region reist, um Spenden zu verteilen, rollte dann eine Flagge der ostukrainischen Separatisten aus und Netrebko hielt eine Ecke davon in den Händen.

Waffen für die Ukraine?

Befürworter

Vor allem die an Russland grenzenden Baltenländer sehen die Ukraine-Krise mit großen Sorgen. Litauens Präsidentin Dalia Grybauskaite hatte sich vor dem EU-Gipfel für Waffenlieferungen an die Ukraine stark gemacht.

Gegner

Dazu dürfte es allerdings nicht kommen, weil die große Mehrheit der EU-Staats- und Regierungschefs dagegen ist. "Ich glaube nicht, dass wir durch Waffenlieferungen auch nur den Anschein erwecken sollten, dass durch eine militärische Verstärkung der ukrainischen Armee eine Lösung zu erreichen wäre", sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Säbelrasseln

Die Nato demonstriert weiter Entschlossenheit bei der Verteidigung ihrer östlichen Bündnispartner. An der verstärkten Überwachung des Luftraums über dem Baltikum werden sich ab dieser Woche auch sechs "Eurofighter"-Kampfjets der Bundeswehr beteiligen. Für den Einsatz werden 170 Soldaten der Luftwaffe am Stützpunkt Ämari in Estland stationiert. Litauen, Lettland und Estland haben selbst keine ausreichenden Luftstreitkräfte.

Im Netz hagelt es Kritik an dem Opern-Star. Auf der Facebook-Seite der Sängerin war am Dienstag unter anderem „Schande über dich!“ oder „Zieh doch ins Kriegsgebiet“ zu lesen. Viele offenbar aus der Ukraine stammende Autoren der Kommentare schrieben von einer „riesigen Enttäuschung“. Auf der ukrainischen Internetseite Obosrewatel.com wurde die Sopranistin dafür kritisiert, „kein Wort“ darüber verloren zu haben, dass das Leiden der Musiker von Donezk und der dortigen Oper das Ergebnis der „Aktionen“ der selbsternannten Republik Donezk seien.

„Anna, gib deinen österreichischen Pass zurück!“ oder „Sie sollten lieber beim Singen bleiben“ hieß es in weiteren Kommentaren. Oft wurde zum Boykott von Netrebko-Konzerten und -CDs aufgerufen. Die Diva tritt in den berühmtesten Opernhäusern der Welt auf.

In einigen Kommentaren wurde die Sopranistin aber gelobt. „Danke aus Donezk, Anna!“ und „Respekt für die mutige Tat“, hieß es dort etwa. „Gut gemacht Anna, hoffen wir, dass Du deswegen nicht mit westlichen Sanktionen belegt wirst“, hieß es in einem Kommentar der russischen Tageszeitung „Moskowski Komsomolez“.

Die prorussischen Separatisten in der Ostukraine kämpfen derzeit gegen die ukrainische Armee. Die Zentralregierung in Kiew hatte die Finanzmittel für die Oper in Donezk eingestellt.

Kommentare (6)

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Herr Torsten Steinberg

09.12.2014, 08:29 Uhr

Immer die gleiche Frage: Kann man Sport und Politik voneinander trennen? Kann man Kunst und Politik voneinander trennen?

Die Frage stellt sich natürlich nicht, wenn ein Künstler oder Sportler sich offen mit einem Politiker präsentiert oder solidarisiert, an dessen Politik man selber im Wesentlichen nichts auszusetzen hat. Nur wenn wir Ansichten und Handeln des betreffenden Politikers missbilligen, stellt sich die Frage. In diesem Fall also, da Anna Netrebko mit Oleg Zarew die neurussische Flagge hochhält, stellt sich mir die Frage, und Anna Netrebko wird zu einem Politikum, auch wenn sie noch so treuherzig behauptet, von Politik keine Ahnung zu haben. Dummheit gehört eben auch bestraft.

Mit der Selbstkasteiung werde ich nicht so weit gehen, dass ich nicht einmal mehr die Aufnahmen mir anhören werde, die hier schon im Schrank stehen, aber neue kommen sicher nicht mehr dazu, und auch der Besuch von Konzerten verbietet sich zukünftig. Schade.

Im Namen der Kunst, die über allem politisch Trennenden steht, eine Demonstration fast schon heroischen Durchhaltevermögens (auch irgendwie sehr russisch), ein Zeichen für universale Menschlichkeit inmitten des irrsinnigen Bürgerkriegswahns in der Ukraine, das hätte Anna Netrebko mit gleicher Spende für das Opernhaus in Donezk setzen können, wenn die idiotische, beflaggte Pose ausgeblieben wäre. Wer von Politik keine Ahnung hat, Künstler oder Sportler, der achte selber darauf, dass er seine Profession und die Politik voneinander trennt. Dann stürzt er seine Fans nicht in Gewissenskonflikte und eben dieses Dilemma, trennen zu müssen, was nicht zusammen gehört, und er richtet keinen Schaden an, weder für sich noch für andere, die eventuell unter den Folgen derart dummer Zeichen werden leiden müssen. Anna, du meine Ex, es gibt außer Dir noch andere Künstlerinnen, die es besser verstehen, dann, wenn sie mit anderen ins Bett steigen, zumindest Diskretion zu wahren.

Frau Rosemarie Berger

09.12.2014, 08:31 Uhr

Irgendwo habe ich gelesen, dass es bei Sanktionen zu einer "Wagenburgmentalität" kommen kann und sich die Bevölkerung hinter ihre Regierung stellt, weil sie die Sanktionen für das Problem hält und nicht das Handeln der Regierung. Es wird ein Feindbild aufgebaut, das sich dann nur noch schwer wieder abbauen lässt. Zumindest Europa sollte so klug sein und einen Unterschied machen zwischen dem Land Russland und dem Politiker Putin. Wir sollten klar stellen, dass wir Russland nach wie vor als Teil Europas betrachten und nicht als Paria ausgrenzen. Putin wird nicht ewig bleiben und dann muss es zu einem Neuanfang kommen. Wie soll das gehen mit verbitterten Menschen, die uns als vermeintlichen Feind betrachten?

Herr Peter Delli

09.12.2014, 08:32 Uhr

Am 1. August 2006 wurde Netrebko in Salzburg offiziell die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen.

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