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19.09.2015

17:39 Uhr

Annäherung zwischen Kuba und USA

Der Papst kommt – kommt auch das Geld?

VonStephan Degenhardt

Der Papst besucht Kuba und die USA. Auch US-Unternehmen nehmen nach der diplomatischen Annäherung das Land ins Visier. Es locken zwölf Millionen potenzielle Kunden – doch der Weg auf die Insel ist steinig.

Von Kuba in die USA

Premiere: Papst Franziskus soll vor dem US-Kongress sprechen

Von Kuba in die USA: Premiere: Papst Franziskus soll vor dem US-Kongress sprechen

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New YorkIm Grau des Sozialismus, zwischen Zweckbauten, Denkmälern und einem Abbild Che Guevaras, wird Papst Franziskus das erste Mal zu den Kubanern sprechen. Auf dem Platz der Revolution in Havanna hält er am Sonntag eine Messe. Danach geht es für den Pontifex auf rissigem Asphalt weiter Richtung Revolutionspalst, vorbei an verwitterten Kolonialbauten. Im Palast trifft er auf Kubas Präsident Raúl Castro.

Bis Dienstagabend bleibt Papst Franziskus auf Kuba. Dann fliegt er direkt weiter in die Vereinigten Staaten. In den Straßen Washingtons, New Yorks und Philadelphias blinkt ihm der amerikanischen Konsumtraum entgegen: grün-schwarze Starbucks-Nixen, leuchtende McDonald’s-Bögen, grelle Werbung für Klamotten-Labels.

Kuba und die USA trennen noch immer Welten. Der Papst will sie mit seinem symbolischen Besuch in beiden Ländern verbinden. Auch US-Unternehmen wollen von der diplomatischen Annäherung profitieren: Die marode Wirtschaft Kubas verspricht die Chance, kräftig auf der Insel zu investieren. Doch bei allen historischen Signalen: Kuba wird nicht so schnell amerikanisch.

Die Hürden bleiben für die US-Unternehmen auf absehbare Zeit hoch. Die meisten Konzerne können aus juristischen Gründen immer noch keine Geschäfte mit Kuba machen oder die Geschäfte lohnen sich noch nicht. „Derzeit beobachten wir, dass viele US-Unternehmen auf Kuba Träume anstelle der Realität verfolgen“, sagt John Kavulich, Präsident des amerikanisch-kubanischen Handels- und Wirtschaftsrats.

Obama hofft auf die Republikaner – wahrscheinlich vergeblich

Es gibt Vorreiter in den USA, die aber noch lange nicht das große Geld machen. So bietet die US-Fluggesellschaft JetBlue neuerdings Direktflüge an, American Airlines will im Dezember nachziehen. Aber das sind nur Charterflüge, Amerikaner benötigen immer noch ein Visum, das Reisen ist für sie ungewohnt schwierig. Auch die Mietplattform Airbnb und der Streamingdienst Netflix versuchen ihre Dienste auf Kuba zu etablieren. Aber der Markt ist klein, nur wenige Kubaner haben einen brauchbaren Internetanschluss. Die US-Invasion wird im Zeitlupentempo erfolgen. Es locken zwölf Millionen potenzielle Kunden. Laut einer noch unveröffentlichten Studie des Kreditversicherers Euler Hermes, die dem Handelsblatt vorliegt, könnten die US-Exporte nach Kuba bis 2020 jährlich um rund eine Milliarde US-Dollar steigen – auf dann sechs Milliarden Dollar.

Kuba und die USA - von der Eiszeit zur Normalisierung

Von der Eiszeit zur Normalisierung

Putschversuch, Seeblockade, Handelsembargo - die Beziehungen zwischen den USA und der sozialistischen Republik Kuba waren mehr als ein halbes Jahrhundert angespannt bis feindlich.

1960

Washington erlässt ein Teilembargo. Schon unmittelbar nach der Revolution 1959 hatten die USA die Wirtschaftshilfe eingestellt und die Einfuhr von Zucker gedrosselt, Kubas wichtigstem Exportgut.

1961

Im Januar bricht Washington seine diplomatischen Beziehungen zu Havanna ab. Im April versucht eine Söldnertruppe von Exilkubanern, mit Hilfe des US-Geheimdienstes CIA das Regime zu stürzen. Kubas Revolutionsarmee schlägt die Invasion in der Schweinebucht zurück.

1962

Die USA verhängen ein komplettes Embargo über den Handel mit Kuba. Die Kubakrise führt die Welt an den Rand eines Atomkrieges. Wegen der Stationierung sowjetischer Atomraketen auf der Insel verhängt US-Präsident John F. Kennedy eine Seeblockade, Kremlchef Nikita Chruschtschow zieht die Raketen wieder ab.

1977

16 Jahre nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen eröffnet Washington in Havanna eine Interessenvertretung unter dem Dach der Schweizer Botschaft.

1982

Washington wirft Kuba vor, Terroristen in anderen Staaten zu unterstützen und setzt das Land auf die US-Terrorliste.

1992

Der US-Kongress verabschiedet den „Cuban Democracy Act“, der US-Firmen in Drittländern jeden Kuba-Handel untersagt.

1999

Die USA lockern ihre Sanktionen. So soll es künftig mehr Charterflüge nach Kuba geben.

2001

Firmen aus den USA liefern erstmals seit der Verhängung des Handelsembargos vier Jahrzehnte zuvor wieder Lebensmittel an Kuba.

2004

US-Präsident George W. Bush verschärft Reisebeschränkungen für US-Bürger und schränkt Geldüberweisungen weiter ein.

2009

US-Präsident Barack Obama hebt die Reisebeschränkungen für Exilkubaner auf. Außerdem dürfen sie wieder Geld nach Kuba schicken. Bald darauf gibt es auch wieder Gespräche auf Regierungsebene.

2015

Im Januar beginnen offizielle Verhandlungen zur Normalisierung der bilateralen Beziehungen. Im Mai wird Kuba von der US-Terrorliste gestrichen. Mit der Eröffnung von Botschaften werden die diplomatischen Beziehungen im Juli wieder hergestellt.

Jedoch liegt der Prognose zugrunde, dass das Handelsembargo bald gekippt wird. Noch kämpfen US-Unternehmen mit einem Meer von Statuten, Regeln und Verordnungen in den USA, das ihnen verbietet, auf der Karibikinsel Geschäfte zu machen. Um das zu ändern, muss der amerikanische Kongress das Embargo aufheben. Doch die Republikaner werden dem Wunsch Obamas nach einer Abschaffung der Handelsbeschränkungen sicherlich nicht nachgeben. Der republikanische Präsidentschaftsbewerber Marco Rubio etwa, Sohn eingewanderter Kubaner, schreibt auf seiner Website: „Die kubanische Regierung ist ein Feind der Vereinigten Staaten. Geld, das nach Kuba fließt, geht direkt an das Regime, das bei jeder Gelegenheit gegen US-Interessen arbeitet.“

Telekommunikationskonzerne halten sich zurück

Beispiel Telekommunikationsbranche. Kuba hinkt der westlichen Welt in Sachen Internet um Jahrzehnte hinterher: Nur fünf Prozent der Einwohner haben nach Angaben der Stiftung Freedom House Zugang zum freien, unzensierten Netz. Dazu ist es unerschwinglich. Für eine Stunde Surfen müssen Kubaner rund ein Fünftel ihres monatlichen Lohns zahlen.

Eigentlich eine ideale Geschäftschance. US-Telekommunikationsfirmen dürfen seit Januar ihre Dienstleistungen auf Kuba anbieten. Verbreiten sich erst einmal Twitter oder Facebook auf der Insel, so das Kalkül Obamas, wird die Zivilgesellschaft gestärkt – und der Druck auf das Castro-Regime nimmt zu.

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