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14.11.2015

22:31 Uhr

Anschläge in Frankreich

Seit Charlie Hebdo ist das Land im Ausnahmezustand

VonThomas Hanke

Die Attentäter von Paris sind Glieder einer tragischen Kette: Noch frisch sind die Erinnerungen an Charlie Hebdo, den Angriff auf einen jüdischen Supermarkt, den Anschlag im Thalys – und schon kehrt der Terror zurück.

Ansprache des Präsidenten

Hollande macht IS für die Anschläge verantwortlich

Ansprache des Präsidenten: Hollande macht IS für die Anschläge verantwortlich

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ParisAnfang Januar haben die beiden Terror-Brüder Chérif und Saïd Kouachi und ihr Helfer Amedy Coulibaly nicht nur Frankreich, sondern die ganze Welt erschüttert mit ihren Angriffen auf die Redaktion der satirischen Wochenzeitung Charlie Hebdo, eine Polizistin und einen jüdischen Supermarkt. Man könnte meinen, in den folgenden Monaten sei Frankreich von weiterem Terror verschont geblieben, bis zum Anschlag im Thalys-Zug und dann dem grauenhaften Massaker am vergangenen Freitagabend in Paris. Doch in Wirklichkeit ist Frankreich nicht mehr zur Ruhe gekommen.

Die Kette der Attentate und der gescheiterten oder vereitelten Anschläge ist seit dem 7. Januar nicht abgerissen. Am 3. Februar kam es zu einer Messerattacke auf drei Soldaten in Nizza. Was zunächst wie die Tat eines Verwirrten wirkte, entpuppte sich als politisch motivierter Anschlag. In der Untersuchungshaft äußerte der Täter seinen Hass auf Frankreich und seine Gesellschaft als Motiv.

Viereinhalb Monate später entführte in der Nähe von Lyon der Lieferwagenfahrer Yassin Salhi seinen Chef, enthauptete ihn und versuchte dann, sich mit seinem Fahrzeug in einer Chemiefabrik in die Luft zu sprengen. Der Versuch missglückte, Salhi wurde überwältigt. Zuvor hatte er am Zaun der Fabrik den Kopf seines Opfers und eine islamistische Fahne befestigt.

Chronik: Terroranschläge in Frankreich

Juli 1995

Im Pariser S-Bahnhof Saint-Michel an der Kirche Notre-Dame explodiert in einem Wagen eine Bombe. Dabei werden neun Menschen getötet und 116 verletzt. Es ist der Auftakt zu einer Anschlagsserie in Paris und anderen Städten, die einer algerischen Islamistengruppe zugeschrieben wird.

Novemeber 2011

Unbekannte verüben einen Brandanschlag auf die „Charlie-Hebdo“-Redaktion. Das Magazin hatte 2006 die umstrittenen Mohammed-Karikaturen aus Dänemark nachgedruckt.

März 2012

Ein Attentäter erschießt sieben Menschen, darunter drei Kinder und ein Lehrer einer jüdischen Schule. Er wird nach rund 32-stündiger Polizeibelagerung seiner Wohnung bei einer Schießerei getötet. Zuvor hatte er sich als Al-Kaida-Anhänger bezeichnet.

Oktober 2012

Bei einem Anti-Terroreinsatz erschießt die Polizei einen 33-jährigen Dschihadisten in Straßburg und nimmt elf weitere mutmaßliche Islamisten fest. Sie werden für einen Anschlag auf ein jüdisches Geschäft verantwortlich gemacht.

Dezember 2014

Polizisten erschießen im zentralfranzösischen Joué-lès-Tours einen Mann, der mit „Allahu-Akbar“-Rufen („Gott ist groß“) in ein Kommissariat stürmt und mit einem Messer drei Beamte verletzt.

07. Januar 2015

Beim Attentat auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ werden in Paris zwölf Menschen getötet. Die beiden Täter kommen zwei Tage später bei einer Polizeiaktion ums Leben. Zum Anschlag bekennt sich die Terrororganisation Al-Kaida auf der arabischen Halbinsel. Ein mit ihnen bekannter dritter Täter erschießt in Paris parallel dazu eine Polizistin und nimmt in einem jüdischen Supermarkt Geiseln, von denen er vier erschießt, bevor er selbst von der Polizei getötet wird. Er bekennt sich zuvor zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS).

11. Januar 2015

Aus Protest gegen die Terrorwelle gehen im ganzen Land nach Schätzungen zwei Millionen Menschen auf die Straße. Viele Staats- und Regierungschefs reisen zum Pariser Gedenkmarsch an.

19. April 2015

Nach der Ermordung einer Frau in wird in Villejuif bei Paris ein Student festgenommen. Der 24-Jährige mit Kontakt nach Syrien soll mit einem Waffenarsenal aus Kalaschnikow-Sturmgewehren, Pistole und Revolver Anschläge auf Kirchen geplant haben.

26. Juni 2015

Ein 35 Jahre alter mutmaßlicher Islamist wird beim Versuch überwältigt, in einem Industriegas-Werk in Saint-Quentin-Fallavier bei Lyon eine Explosion herbeizuführen. Der Mann hatte zuvor seinen Arbeitgeber enthauptet und den Kopf mit zwei Islamistenflaggen auf den Fabrikzaun gesteckt. Im Dezember erhängte er sich im Gefängnis.

21. August 2015

Ein 25-jähriger Islamist wird im Thalys-Schnellzug Brüssel-Paris bei einem Anschlagversuch mit einem Schnellfeuergewehr von Fahrgästen überwältigt. Zwei Zuginsassen werden verletzt.

13. November 2015

Bei einer koordinierten Anschlagsserie in Paris töten IS-Extremisten 130 Menschen. In der Konzerthalle „Bataclan“ richten sie ein Massaker an, Bars und Restaurants werden beschossen, am Stade de France sprengen sich während des Fußball-Länderspiels Frankreich-Deutschland drei Selbstmordattentäter in die Luft.

14. November 2015

Erste Spuren weisen nach Belgien. Bei einer Razzia in Brüssel-Molenbeek werden mehrere Menschen festgenommen.

16. November 2015

Mit einer Schweigeminute wird europaweit der Opfer gedacht. Präsident François Hollande will eine weltweite Koalition gegen den IS ins Leben rufen. Als ein Drahtzieher gerät der belgische Islamist Abdelhamid Abaaoud ins Visier. Gefahndet wird überdies nach Salah Abdeslam, Bruder eines der Attentäter.

17. November 2015

In Hannover wird das Fußball-Länderspiel Deutschland-Niederlande abgesagt. Später stellt sich heraus, dass es konkrete Informationen eines ausländischen Geheimdienstes zu Bombenanschlägen im Stadion und am Hauptbahnhof gab.

18. November 2015

Bei einem Anti-Terror-Einsatz in Saint-Denis bei Paris nimmt die Polizei sieben mutmaßliche Komplizen der Attentäter fest. Drei weitere Verdächtige kommen ums Leben, wie sich später herausstellt - einer ist der gesuchte Abaaoud.

21. November 2015

Belgiens Behörden rufen nach konkreten Hinweisen auf einen geplanten Anschlag für die Hauptstadtregion Brüssel die höchste Terrorwarnstufe aus. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen. Erst nach fünf Tagen wird die maximale Warnstufe wieder aufgehoben.

23. November 2015

Bei einem großangelegten Anti-Terror-Einsatz werden in Brüssel 16 Personen vorläufig festgenommen. In den folgenden Wochen gibt es in Belgien weitere Razzien mit Festnahmen von Verdächtigen.

7. Januar 2016

Am Jahrestag der Anschläge auf „Charlie Hebdo“ schießen Polizisten vor einem Pariser Kommissariat einen Mann nieder. Er war mit einem Messer bewaffnet und trug die Attrappe einer Sprengstoffweste.

24. März 2016

Ermittler nehmen einen 34-jährigen Franzosen fest und finden in einer von ihm angemieteten Wohnung im Pariser Vorort Argenteuil ein großes Waffenarsenal, unter anderem mit fünf Kalaschnikow-Sturmgewehren, einer Maschinenpistole und Sprengstoff. Nach Ansicht der Ermittler gehörte der Festgenommene zu einem Terrornetzwerk, das kurz vor einem schweren Anschlag stand.

14. Juni 2016

Ein Mann ersticht in Magnanville im westlichen Umland von Paris einen Polizisten und verschanzt sich in dessen Haus, wo später auch die Lebensgefährtin des Opfers tot aufgefunden wird. Die Polizei stürmt das Gebäude und erschießt den Täter, der sich zuvor zum IS bekannt hatte. Vor dem Hintergrund der laufenden Fußball-EM hatten zahlreiche Behörden immer wieder vor der hohen Terrorgefahr in Frankreich gewarnt.

14. Juli 2016

Bei einem Anschlag am französischen Nationalfeiertag sind in der Hafenstadt Nizza mindestens 80 Menschen getötet worden. Zahlreiche weitere wurden verletzt, als ein Lastwagen durch eine feiernde Menschenmenge raste.

Am 21. August steigt Ayoub El Khazani in den Schnellzug Thalys von Brüssel nach Paris. In Nordfrankreich stürmt er mit einer Kalaschnikow in ein Abteil und schießt um sich. Zwei amerikanische Soldaten auf Urlaub und ein Franzose können ihn überwältigen und damit verhindern, dass er ein Massaker verübt. Der 26-jährige Marokkaner El Khazani wird von den spanischen Sicherheitsbehörden als gefährlicher, radikaler Islamist geführt. Doch selber schweigt er zu seinen Motiven.

Mehrere weitere Anschläge waren in Planung und wurden rechtzeitig entdeckt oder die Täter scheiterten. Der skurrilste Fall ist der des 24-jährigen Algeriers Sid Ahmed Ghlam, der am 19. April eine katholische Kirche im Pariser Vorort Villejuif angreifen wollte. Vorher ermordete er eine Fitnesstrainerin und schoss sich ins Bein. Er alarmierte selber einen Rettungswagen und sagte, beim Hantieren mit einer Waffe habe sich versehentlich ein Schuss gelöst. Misstrauisch geworden, alarmieren die Sanitäter die Polizei. Ghlam, den sein Bruder als radikalisierten Islamisten bezeichnet hatte und der von der Polizei überwacht wurde, kommt nicht zur Ausführung seiner Tat, für die er angeblich einen Auftrag aus Syrien hatte.

Am 13. Juli griff die Polizei und Südfrankreich vier Jugendliche zwischen 16 und 23 Jahren auf, die nach eigener Aussage eine Kaserne im Küstenort Port-Vendres angreifen wollten. Erst im September wurde bekannt, dass die Polizei bereits am 15. August einen Mann festgenommen hatte, der sich in Raqqa, der Hautstadt des Islamischen Staates, aufgehalten hatte. Er soll den Auftrag gehabt haben, bei einem Konzert in Frankeich einen Terrorakt zu verüben – also die Art von Anschlag, die jetzt in Paris zur Ausführung kam.

Augenzeuge

Le Monde-Reporter filmt schockierende Szenen des Attentats

Augenzeuge: Le Monde-Reporter filmt schockierende Szenen des Attentats

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