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14.11.2015

02:53 Uhr

Anschläge von Paris

„Wie im Libanon“

VonThomas Hanke

Frankreich ist Opfer einer der schlimmsten Anschläge der letzten Jahre geworden. Die Vorgehensweise erinnert an Anschläge aus dem Libanon oder aus Bürgerkriegsgebieten.

Die französische Polizei bildet einen Ring um die Konzerthalle Bataclan nach den Anschlägen in Paris. Reuters

Polizei um Konzerthalle Bataclan

Die französische Polizei bildet einen Ring um die Konzerthalle Bataclan nach den Anschlägen in Paris.

ParisStunden nach Beginn der Anschläge in Paris wird den Franzosen bewusst, dass sie Opfer einer unfassbar brutalen und wohl organisierten Terroraktion geworden sind. Sieben Attacken gleichzeitig verübten die Gewalttäter, deren Identität noch unbekannt ist und von denen mehrere offenbar noch flüchtig sind. Gegen zwei Uhr morgens war die Zahl der getöteten Franzosen noch nicht klar, sie schwankt zwischen 110 und 140. Die Staatsanwaltschaft sprach gegen zwei Uhr morgens von mindestens 120 Toten. Allein im Konzertsaal Bataclan nahe der Place de la République sollen 70 Menschen erschossen worden sein. Einige der mehreren hundert Jugendlichen, die für das Konzert der US-Gruppe „Eagles of Death Metal“ gekommen waren, berichteten völlig fassungslos, dass sie erst nach Minuten begriffen, dass sie sich mitten in einem Terrorangriff befanden. Die Angreifer hätten mit Pump Guns mitten in die Menge geschossen.

Frankreichs Politik sucht Wege nach dem Terror

Bricht Frankreich auseinander?

Präsident François Hollande setzt auf die Karte nationale Einheit. Schon kurz nach dem blutigen Attentat rief er die Franzosen auf, in dieser Zeit zusammenzustehen. Unterstützung hat der 60-Jährige bitter nötig. Hollande ist bei den Franzosen unbeliebt wie kein Staatschef vor ihm in der Nachkriegszeit. Im lange verkrusteten Frankreich sind seine Reformen umstritten, vielen gehen sie auch nicht weit genug. Nach dem Mordanschlag setzt Hollande auf parteiübergreifende Absprachen. Am Mordtag empfing er die Spitzen der in Frankreich relevanten Religionen, zudem lud er seine politischen Gegner zu Gesprächen in den Élyséepalast ein. Unklar bleibt, ob sein Ziel verfängt.

Bekommt der Staatschef Unterstützung der Opposition?

Nicolas Sarkozy, Vorgänger auf dem Präsidentenposten, ist in seiner Reinkarnation als Chef der konservativen UMP wichtigster Widersacher Hollandes. Der 59-Jährige, dessen Streben nach einem Wiedereinzug in den Präsidentenpalast in Frankreich als ausgemachte Sache gilt, präsentierte sich staatstragend. Es sei seine Pflicht gewesen, auf die Einladung in den Élysée zu reagieren. Er habe damit ein Klima der nationalen Einheit bezeugen wollen, sagte Sarkozy. Bei Forderungen nach verbessertem Terrorschutz setzt der UMP-Chef nach eigenen Worten nicht auf einen Gegensatz von Rechts oder Links. Er sieht einen besseren Schutz des Landes im Mittelpunkt.

Wie ist die Lage für Muslime und Ausländer im Land?

Die Integration von Ausländern, das Nebeneinander der Ethnien ist ein heißes Eisen in Frankreich. Das Verhältnis zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen gilt als angespannt wie lange nicht. In Frankreich leben nach Schätzungen bis zu fünf Millionen Muslime, viele von ihnen in den vernachlässigten Vorstädten. Dort ist fast die Hälfte der Menschen arbeitslos. Der Frust lässt junge Muslime nach Alternativen suchen. Angeblich haben sich etwa 1000 junge Franzosen der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen.

Kann die Rechtsextreme auf Zulauf hoffen?

Die Chefin der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, kann nicht nur auf eine Reihe von Erfolgen zurückblicken. Bei der Europawahl war die eurokritische FN sogar stärkste Kraft in Frankreich noch vor Konservativen und Sozialisten. Dabei setzt sie auch auf islam- und ausländerfeindliche Argumente. Der Anschlag von Paris und die Angst vor Gewalt von Islamisten könnte den Rechtsextremen weiter Auftrieb geben. Le Pen betonte als eine der ersten, islamische Fundamentalisten hätten den Anschlag verübt. Für den Fall ihrer Wahl zur Staatspräsidentin 2017 schlägt sie bereits noch schärfere Töne an: Sie will eine Abstimmung über die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Dort haben die Spezialkräfte der Polizei drei Attentäter erschossen, zwei Selbstmordattentäter starben bei dem Anschlag mit drei Explosionen in der Nähe des Sade de France, wo gerade das Länderspiel Deutschland-Frankreich lief, in Anwesenheit von Staatspräsident François Hollande. Dort begann offenbar die Serie der Anschläge. Hollande wurde von den Sicherheitskräften aus dem Stadion geleitet und begab sich erst in das Innenministerium, dann in den Elysée-Palast. Im Amtssitz des Präsidenten beschloss ein in aller Eile einberufener Ministerrat den Ausnahmezustand, der zunächst für 12 Tage gilt, falls das Parlament ihn nicht verlängert. Straßen und ganze Viertel können abgesperrt werden, Verdächtige unter Hausarrest gestellt und ohne richterliche Genehmigung Haussuchungen vorgenommen werden. Wie unter diesen Umständen die Klimakonferenz COP 21 mit mehr als 180 Staats-und Regierungschefs und mehreren Zehntausend Teilnehmern stattfinden soll, die laut Plan am 30. November beginnt, ist völlig unklar. Hollande fuhr anschließend in den Bataclan-Club, um den Sicherheitskräften seine Unterstützung auszudrücken. „Ich bin schockiert von dem, was diese Barbaren angerichtet haben“, sagte Hollande anschließend. Die Republik werde „in ihrer Reaktion rücksichtslos“ sein, kündigte ein sichtlich mitgenommener Präsident an, als er in Begleitung von Premier Manuel Valls und Innenminister Bernard Cazeneuve aus dem Konzertsaal kam.

Islamistischer Terror in Europa

Seit dem 11. September 2001

Seit den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001 gab es auch in Europa eine Reihe islamistischer Attentate. Manche Pläne konnten gerade noch vereitelt werden. Beispiele:

März 2004

Bei Sprengstoffanschlägen auf Pendlerzüge in Madrid sterben 191 Menschen, etwa 1500 werden verletzt.

2. November 2004

Der Filmregisseur, Publizist und Satiriker Theo van Gogh wird in Amsterdam auf offener Straße ermordet.

Juli 2005

Vier Muslime mit britischem Pass zünden in der Londoner U-Bahn und einem Bus Sprengsätze. 56 Menschen sterben, etwa 700 werden verletzt.

Juli 2006

Im Kölner Hauptbahnhof werden in zwei Zügen Bomben gefunden, die wegen eines technischen Fehlers nicht explodierten. Der „Kofferbomber von Köln“ wird zu lebenslanger Haft erurteilt.

Januar 2010

Gut vier Jahre nach der Veröffentlichung seiner Mohammed-Karikaturen in der Zeitung „Jyllands-Posten“ entkommt der dänische Zeichner Kurt Westergaard nur knapp einem Attentat.

9. März 2010

Selbstmordanschläge auf die Moskauer Metro mit 40 Toten und 84 Verletzten. Der tschetschenische Terrorist Doku Umarow bekennt sich.

Dezember 2010

Bei einem Sprengstoffanschlag in der Stockholmer Fußgängerzone stirbt der Attentäter. Hintergrund war vermutlich der Einsatz schwedischer Soldaten in Afghanistan.

März 2011

Ein Kosovo-Albaner erschießt am Frankfurter Flughafen zwei US-Soldaten und verletzt zwei weitere schwer.

Januar 2011

Bei einem Selbstmordanschlag auf dem internationalen Moskauer Flughafen Domodedowo sterben mindestens 37 Menschen. Die Ermittler machen Islamisten aus dem Nordkaukasus verantwortlich.

Dezember 2013

Bei Selbstmordanschlägen in der russischen Stadt Wolgograd sterben 34 Menschen im Bahnhof und in einem Bus. Islamisten aus dem Nordkaukasus bekennen sich zu den Attentaten.

Mai 2014

Im Jüdischen Museum in Brüssel erschießt ein französischer Islamist vier Menschen. Kurz darauf wird der Mann festgenommen.

7. Januar 2015

Mordanschlag auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo in Paris. Zwölf Menschen fallen dem Anschlag zum Opfer.

13. November 2015

Bei mehreren Sprengstoffexplosionen im Pariser Stadtgebiet sterben 130 Menschen. Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat bekennt sich zu dem Anschlag.

Die Klimakonferenz ist im Moment die geringste Sorge der Pariser. Sie sind wie benommen angesichts des Blutbades, dass an diesem Freitagabend nur zehn Monate nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo und einen jüdischen Supermarkt angerichtet wurde von Gewalttätern, die angeblich „Das ist für Syrien“ geschrien haben. Ein Anrufer soll die Serie von Mordtaten mit dem französischen Militäreinsatz gegen den „Islamischen Staat“ im Irak und Syrien begründet haben. Das meisten Augenzeugen berichten, dass die Terroristen einfach mit Autos ankamen, ausstiegen und sofort wortlos das Feuer eröffneten. Einer sei mit einer Kalaschnikow durch eine beliebte Ausgehstraße gegangen und habe ohne jede Eile auf die Gäste in verschiedenen Lokalen geschossen.

Der Umfang der Anschläge machte es der Polizei auch Stunden nach dem Beginn unmöglich, mit Sicherheit zu sagen, wie viele Täter beteiligt waren und noch am Leben sind. In der ganzen Stadt wimmelte es von Parisern, die nach Hause flohen, von Polizei- und Rettungswagen – keine guten Bedingungen, um kriminalistische Feinarbeit zu leisten. Die Polizei forderte alle Bürger auf, sich nicht aus der Wohnung zu begeben. Autofahrer sollten so viele Menschen wie möglich mitnehmen, Taxis fuhren gratis. Alle Krankenhäuser wurden für die Versorgung der Verwundeten beschlagnahmt.

Am Wochenende wird die französische Hauptstadt sehr, sehr still sein. Nicht nur wegen der Trauer um die Opfer, sondern auch wegen des Ausnahmezustandes. Alle Schulen und Universitäten, Bibliotheken und andere öffentliche Einrichtungen bleiben geschlossen, zahlreiche Kulturveranstaltungen wurden abgesagt.

Das Bataclan wurde bereits im Jahr 2007 Ziel eines Terroranschlages. Damals begründeten die Täter ihren Angriff damit, dass es in dem beliebten Veranstaltungszentrum einen „Solidaritätsakt für israelische Sicherheitskräfte“ gegeben habe. Terrorexperten sagen, man habe diese Art von Anschlägen in Europa noch nicht erlebt. Es handele sich um eine Vorgehensweise, die man bisher nur aus den Bürgerkriegsgebieten oder aus dem Libanon kenne.

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