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04.04.2017

20:44 Uhr

Anschlag in St. Petersburg

Putin muss sich neu erfinden

VonMathias Brüggmann

Der Attentäter von St. Petersburg kam aus Kirgisien. Der Mann war als Gastarbeiter in Russland wie Millionen andere – darunter auch viele Dschihadisten. Sie zu bekämpfen wird für Putins Regierung schwierig. Eine Analyse.

Nach dem Anschlag an einer U-Bahn-Station in St. Petersburg herrschen in Russland Trauer und Entsetzen. Der mutmaßliche Attentäter kam aus Kirgisien und war als Gastarbeiter im Land. Er hat sich offenbar unbemerkt radikalisiert. AP

Nach dem Anschlag in St. Petersburg

Nach dem Anschlag an einer U-Bahn-Station in St. Petersburg herrschen in Russland Trauer und Entsetzen. Der mutmaßliche Attentäter kam aus Kirgisien und war als Gastarbeiter im Land. Er hat sich offenbar unbemerkt radikalisiert.

BerlinSmertnik – ein dem Tod Geweihter, zu allem bereit. So nennen sie in Russlands Medien jetzt Akbarschon Dschalilow, der 22-jährige Mann aus dem kirgisischen Osch, der sich am Montagnachmittag in St. Petersburg mit einer Bombe im Metro-Zug in die Luft jagte, dabei mindestens 13 Menschen mit in den Tod riss und 50 Opfer so schwer verletzte, dass sie im Krankenhäusern um ihr Leben kämpfen. Ein perfider Anschlag, da, wo Russland am empfindlichsten ist. Denn nicht nur die U-Bahn als Anschlagsort, wie schon leider oft, ist für die Sicherheitskräfte kaum zu schützen.

Auch dass es einer aus dem Millionenheer der Gastarbeiter ist, die aus den zentralasiatischen oder kaukasischen früheren Sowjetrepubliken kamen und in Russland ihr Geld verdienen, macht machtlos. Dschalilow mit seinem asiatischen Äußeren passte perfekt in eine Sushi-Bar in St. Petersburg, wo er seit ein paar Jahren als Koch arbeitete.

Ohne die Millionen Menschen aus Zentralasien und dem Kaukasus, die von russischen Rassisten als „Schwarzärsche“ verunglimpft werden, liefe nichts in Sachen Gastronomie im Riesenreich, wären die Olympia-Bauten in Sotschi nie fertig geworden, würde der Müll nicht abgefahren und würden die Stadien und Hotels für die Fußball-WM im kommenden Jahr nicht gebaut. Dass sie jetzt zu einem Sicherheitsrisiko werden, ist eine Tragödie.

Anschlag in St. Petersburg – was ist passiert?

Die Tat

Eine Bombe explodierte am Montag, 3. April, gegen 14.40 Uhr Ortszeit in einer U-Bahn der Linie 2 während der Fahrt zwischen den Stationen Sennaja Ploschtschad und Technologisches Institut. Der Fahrer brachte den Zug noch zur nächsten Station - Technologisches Institut. Dorthin kamen die Einsatzkräfte.

Die zweite Bombe

Eine zweite Bombe wurde in der U-Bahn-Station Ploschtschad Wosstanija deponiert. Sicherheitskräfte fanden sie und machten sie unschädlich.

Die Opfer

Mindestens 14 Menschen wurden getötet, rund 50 verletzt, teilte das Gesundheitsministerium mit. Nach Angaben der Ministerin Weronika Skworzowa ist der Zustand aller Verletzten am Dienstag stabil. Nach Angaben des Gouverneurs von St. Petersburg, Georgi Poltawtschenko und der Stadtverwaltung sind drei Ausländer unter den Opfern: aus Kasachstan, Usbekistan und aus Weißrussland.

Der Täter

Die Ermittler haben Akbarschon Dschalilow aus Kirgistan als Attentäter identifiziert. Der 22-Jährige sei bei der Explosion umgekommen, teilte das staatliche Ermittlungskomitee in Moskau mit. Seine DNA-Spuren wurden demnach an beiden Bomben gefunden. Der Mann soll einen islamistischen Hintergrund haben, meldete Interfax unter Berufung auf Sicherheitskreise. Näheres ist nicht bekannt. Ermittelt werde in alle Richtungen.

Der Präsident

Kremlchef Wladimir Putin hielt sich zum Zeitpunkt der Explosion in einem Vorort seiner Heimatstadt St. Petersburg auf. Der Kreml schließt nicht aus, dass der Bombenanschlag mit dem Besuch von Putin zusammenhängt.

Dabei ist Osch ein bekannt heißes Pflaster: bürgerkriegsähnliche ethnische Unruhen zwischen Kirgisen und Usbeken haben die Stadt schon einmal schwer erschüttert. Und das Fergana-Tal, an dessen Ende Osch inmitten eines malerischen Hochgebirges liegt, ist berüchtigt als Brutstätte des Terrorismus. Unterdrückt von einem brutalen Diktator lehnten sich Jugendliche massenhaft gegen die Staatsgewalt auf, landeten in Moscheen bei radikalen Hasspredigern. Religion war oft der einzige Rückzugsort inmitten eines brutalen Staatsapparats.

Viele junge Männer aus Zentralasien und dem Kaukasus – auch dem russischen Teil davon – sind längst als Dschihadisten unterwegs im angeblich Heiligen Krieg in Syrien, Irak, Libyen als Kämpfer für den Islamischen Staat (IS) und andere Terrorgruppen.

Das ist die riesige Gefahr für Russland: „Tausende sind als Terroristen im Dschihad und wollen dann zurück nach Russland und hier Terror verbreiten. Sie müssen wir unerbittlich jagen und dort vernichten“, hatte Russlands Außenminister Sergej Lawrow den Einstieg seines Landes in den Syrien-Krieg vor ausländischen Journalisten begründet. Doch die russischen Kampfjets mit tausenden Toten durch ihre Bomben hat die jungen Dschihadisten noch radikaler gemacht, noch mehr Hass gesät – auf Russland.

Kommentare (2)

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Herr Max Nolte

05.04.2017, 09:28 Uhr

Ich verstehe den Artikel nicht ganz. Wir wissen das Russland ein riesiger Vielvölkerstaat ist und man diesen nicht mit Deutschland oder Europa direkt vergleichen kann. Das tut der Schreiber hier aber anscheinend und die deutschen Medien tun das alle, sehr oft und sehr oberflächlich! Sie wollen Putin so "justieren" dass er auf Europa oder Deutschland bzw. eine "vorbildliche" Demokratie passt. Was aber nicht so geht wie wir uns das vorstellen, eine Demo die nicht genehmigt war wird dann halt mal kaputtgeschlagen...aber sie war nicht genehmigt also zu erwarten oder? Und hinterher heulen alle rum und meinen immer sie hätten irgendwas besser gemacht. Mitnichten! Russland ist aktiv im Antiterrorkampf, im Krieg in Syrien.
Warum meint ihr Journalisten eigentlich immer dass ihr euch überall einmischen müsst wenn ihr keine Ahnung von der Materie habt?

Dann kommen wir mit irgendwelchen Labereien zu Syrien, nichts Halbes und nichts Ganzes, keine Lösung dieser Möchtegern-Macht "Europäische UNION".
Russland hingegen verfolgt ein klares Ziel in Syrien - aber weil uns dieses Ziel nicht passt wird es schlecht geredet und jeder Zwischenfall im Krieg wird an die große Glocke gehangen...lächerlich wenn man bedenkt was die Nato schon alles angerichtet hat...!

WIR müssen mal was zulassen und das sind ernsthafte Gespräche mit Russland, gemeinsam mit Russland!
Russland bietet sie immer an! Aber wir - die super-Demokraten - haben es ja anscheinend nicht nötig, weil WIR ja mit unserer super-Demokratie alles richtig machen und alle die es nicht machen sind dumm...natürlich werden hierzulande auch alle Länder die nicht so demokratisch regiert werden wie bei uns schön in den Dreck gezogen...

...ich schäme mich schon recht häufig für unser Verhalten...

Herr Marc Hofmann

05.04.2017, 09:31 Uhr

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