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18.02.2016

18:30 Uhr

Anschlag von Ankara

Türkische Regierung beschuldigt PKK und syrische Kurden

Erstaunlich schnell präsentiert die türkische Regierung die Urheber des Anschlags von Ankara: Kurdische Milizen sollen hinter der Tat stecken. Nicht nur Dementis der Beschuldigten wecken Zweifel an dieser Darstellung.

Die Ermittlungen zu dem Anschlag dauerten keinen Tag – prompt konnte der türkische Ministerpräsident die Täter präsentieren. AP

Ahmet Davutoglu

Die Ermittlungen zu dem Anschlag dauerten keinen Tag – prompt konnte der türkische Ministerpräsident die Täter präsentieren.

IstanbulNicht einmal 17 Stunden dauerte es nach dem Anschlag auf die Armee in Ankara, bis Ahmet Davutoglu das aus seiner Sicht in Stein gemeißelte Ermittlungsergebnis verkündet: „Was die Täter betrifft, so ist die Sache nun vollständig aufgeklärt“, sagt der türkische Ministerpräsident am Donnerstag. Der Selbstmordattentäter sei ein Kämpfer der syrischen Kurdenmiliz YPG gewesen, der von der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK in der Türkei unterstützt worden sei. Nicht nur Dementis der Beschuldigten lassen Zweifel daran aufkommen, ob es wirklich so gewesen ist. Die YPG hätte mit einem Anschlag in der Türkei nichts zu gewinnen – aber viel zu verlieren.

Die türkische Regierung und ihre Medien skizzieren folgendes Bild: Am Mittwochabend habe der Angreifer namens Salih N. in Ankara seinen zur Bombe umgebauten VW-Scirocco in einen Konvoi mit Bussen gelenkt, die Armeeangehörige transportieren. Bei dem Attentäter habe es sich um den aus der kurdisch dominierten Stadt Amuda in Nordsyrien stammenden Salih N. gehandelt, Geburtsjahr 1992. Der junge Mann sei gemeinsam mit syrischen Flüchtlingen in die Türkei gekommen. Dabei seien ihm Fingerabdrücke abgenommen worden, die sich mit denen deckten, die nun in den Überresten der Leiche des Attentäters gefunden wurden.

Tödliche Anschläge in der Türkei (Chronik)

13. Mai 2016

Bei einer Sprengstoffdetonation in Diyarbakir kommen vier Menschen ums Leben. 15 werden verletzt. Die Tat wird der PKK zugeschrieben.

9. April 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul gibt es drei Verletzte. Wer hinter dem Anschlag steckt, ist unklar.

31. März 2016

Mindestens 7 Tote, rund 23 Verletzte – das sind die Opfer eines Anschlags in Diyarbakir, hinter dem die PKK vermutet wird. Bei den Opfern handelt es sich um Polizeibeamte.

19. März 2016

Bei einem Bombenanschlag in Istanbul sterben mindestens fünf Menschen, etwa 36 werden verletzt. Bei den Opfern handelt es sich um Passanten in einer Einkaufsstraße. Hinter dem Anschlag steckt vermutlich der IS.

13. März 2016

Bei einem weiteren verheerenden Autobomben-Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara sind am 13. März 37 Menschen ums Leben gekommen. Kurz darauf flog die türkische Luftwaffe Angriffe auf PKK-Stellungen im Nordirak – die Regierung zufolge gehörte die Selbstmordattentäterin zu der verbotenen Partei.

Februar 2016

Am 17. Februar hat in Ankara ein Selbstmordattentäter 28 Menschen in den Tod gerissen. Inzwischen hat sich die militante Organisation Freiheitsfalken Kurdistans (TAK) – eine Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK – zu der Tat bekannt.

Januar 2016

Bei einem Anschlag im historischen Zentrum Istanbuls werden elf Deutsche getötet. Der Angreifer sprengt sich mitten in einer deutschen Reisegruppe in der Umgebung der Hagia Sophia und der Blauen Moschee in die Luft. Der Attentäter gehörte nach Angaben der türkische Regierung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an.

September 2015

Bei einem Bombenanschlag in Igdir in der Osttürkei werden zwölf Polizeibeamte getötet. Zuvor starben bei einem Angriff der verbotenen Kurdischen Arbeiterpartei PKK und Gefechten im südosttürkischen Daglica in der Provinz Hakkari 16 Soldaten.

August 2015

Bei einem Bombenanschlag und einem anschließenden Angriff auf eine Polizeiwache in der Millionenmetropole Istanbul werden mindestens vier Menschen getötet. Zwei Frauen greifen zudem das US-Konsulat an, eine wird festgenommen. Sie soll Mitglied der linksextremen Terrororganisation DHKP-C sein.

Juli 2015

Im südtürkischen Grenzort Suruc reißt ein Selbstmordattentäter 33 pro-kurdische Aktivisten mit in den Tod. Die Behörden machen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verantwortlich, die sich allerdings nie zu der Tat bekennt.

Juni 2015

Zwei Tage vor der türkischen Parlamentswahl verüben Unbekannte in der südosttürkischen Kurden-Metropole Diyarbakir einen Sprengstoffanschlag auf eine Veranstaltung der pro-kurdischen Oppositionspartei HDP. Mindestens vier Menschen sterben. Die türkische Regierung macht den IS verantwortlich.

Mai 2013

Bei der Explosion zweier Autobomben in der Grenzstadt Reyhanli werden mehr als 50 Menschen getötet. Die Regierung beschuldigt türkische Linksextremisten mit Kontakten zum Regime im benachbarten Syrien.

September 2011

Drei Menschen sterben in der türkischen Hauptstadt Ankara, als im Regierungsviertel eine Bombe explodiert. Eine Splittergruppe der PKK bekennt sich zur Tat.

Sollten die Angaben tatsächlich zutreffen, könnte das die schnelle Identifizierung eines Täters erklären. Nicht ganz so leicht dürfte nachzuweisen sein, dass die PKK und vor allem ihr bewaffneter syrischer Ableger, die YPG, hinter der Tat stecken. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan führt vage „Informationen und Belege“ an, „die unser Innenministerium und unsere Geheimdienste beschafft haben“.

Das deckt sich nicht mit den Aussagen der Beschuldigten. PKK-Kommandeur Cemil Bayik sagt: „Wir wissen nicht, wer das getan hat.“ Bayik fügt allerdings mit Blick auf die laufende Armeeoffensive gegen die PKK in der Südosttürkei auch hinzu: „Es könnte aber ein Vergeltungsschlag für die Massaker in Kurdistan gewesen sein.“

Ein hartes Dementi klingt anders, und tatsächlich trägt der Anschlag am ehesten die Handschrift der PKK. Vielleicht hat das Attentat auch eine Gruppe wie die „Kurdischen Freiheitsfalken“ (TAK) ausgeführt – die TAK bezeichnet sich als unabhängig von der PKK, was westliche Sicherheitsexperten aber für eine Farce halten. Das hätte aus Sicht der PKK den Charme, dass sie eine Urheberschaft dementieren könnte. Schließlich ist die Organisation darum bemüht, sich mit dem Westen gutzustellen – der den Anschlag von Ankara unisono verurteilt hat.

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