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29.04.2016

19:08 Uhr

Anti-Propaganda

Video entlarvt dilettantische IS-Kämpfer

Peschmerga-Angehörige haben die Kamera eines getöteten IS-Kämpfers gefunden. Die Aufnahmen sollten wohl als Propagandamaterial dienen. Die Bilder dokumentieren aber vor allem ein: Das Chaos in den Reihen der Extremisten.

Spektakuläres Enthüllungsvideo

Helmkamera zerstört Propaganda: Das passiert wirklich mit IS-Kämpfern

Spektakuläres Enthüllungsvideo: Helmkamera zerstört Propaganda: Das passiert wirklich mit IS-Kämpfern

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Die Videokamera auf dem Helm eines IS-Kämpfers sollte wohl den heroischen Kampf der Extremistenmiliz im Irak zeigen. Die jetzt an die Öffentlichkeit gelangen Bilder dokumentieren jedoch eher dilettantisch und panisch agierende Kämpfer in einem gepanzerten Fahrzeug. Kurdische Peschmerga-Angehörige – Feinde der Islamisten – fanden die Kamera nach eigenen Angaben nach dem Gefecht auf dem Helm eines getöteten IS-Kämpfers, dessen Namen sie mit Abu Radhwan angaben.

Das Video zeigt die Männer in einem gepanzerten, oben offenen Fahrzeug, wie sie über eine braune Ebene fahren und dabei schießen, vermutlich auf Stellungen der Peschmerga. Einer von ihnen rutscht mit seinem Gewehr ab und der Schuss löst sich im Innern des Fahrzeugs. „Abu Hadscher! Hör auf zu schießen“, ist auf Arabisch zu hören. Die Helmkamera schwenkt hektisch hin und her zwischen den Männern, Waffen und Munition auf dem Boden des Fahrzeugs und der braunen Ebene davor. Kurz darauf ist über dem Geräusch von Schüssen die Stimme eines weiteren Kämpfers zu hören: „Abu Hadscher! Ich habe dir gesagt, Du sollst höher zielen. Was ist los mit dir? Die Patronenhülsen fliegen direkt auf uns.“ Dann wendet sich Abu Radhwan an diesen Kämpfer und ruft: „Abu Abdullah, ziel höher und sei vorsichtig, du bringst uns um.“

Islamistische Terrorgruppen

Islamischer Staat

Der sogenannte Islamische Staat ging aus einem Ableger des Terrornetzwerks Al-Kaida hervor. Im Irak-Krieg 2003 kämpfte die Gruppe gegen die US-Armee, 2013 setzte sie auf Expansion. Als „Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis)“ griff sie im syrischen Bürgerkrieg ein. Sie wurde stärker und lieferte sich Machtkämpfe mit anderen Islamisten, darunter Al-Kaida. In eroberten Gebieten in Syrien und im Irak riefen die Dschihadisten – nun als Islamischer Staat (IS) – ein Kalifat aus, in dem sie brutal gegen Gegner vorgehen. Dschihadisten in anderen Ländern schworen dem IS ihre Treue. Seit einiger Zeit verübt die Terrormiliz auch Anschläge außerhalb Syriens und des Irak.

Ansar Beit Al-Makdis

Die ägyptische Organisation ist eine der Gruppen, die sich dem IS angeschlossen haben. Seit Ende 2014 bezeichnet sich Ansar Beit al-Makdis („Unterstützer Jerusalems“) als „Provinz Sinai“ des IS. Laut ägyptischem Innenministerium gehören der Zelle rund 2000 Kämpfer an. Die Islamistentruppe verübt vor allem auf der Sinai-Halbinsel und in Kairo Anschläge.

Taliban

Die 2001 in Kabul gestürzten radikalislamischen Taliban haben weiterhin in großen Teilen Afghanistans Einfluss. Seit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes bemüht sich die afghanische Führung verstärkt um Friedensgespräche mit ihnen. Weiterhin verüben die Taliban aber verheerende Anschläge in allen Teilen des Landes und nehmen Gebiete ein. Pakistans Grenzgebiet zu Afghanistan ist ein Rückzugsgebiet für die Taliban und Al-Kaida. Dort sind Gruppen wie die Tehrik-E-Taliban Pakisten (TTP) oder das Haqqani-Netzwerk aktiv. Auch die Gruppe Laschkar-E-Taiba („Armee der Reinen“) agiert von Pakistan aus auf dem Subkontinent.

Al-Kaida

1988 gründeten Dschihadisten in Afghanistan das Terrornetzwerk Al-Kaida („Die Basis“). Später richteten sich dessen Angriffe gegen die USA und Westeuropa. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 war Al-Kaida-Chef Osama bin Laden bis zu seinem Tod der meistgesuchte Terrorist der Welt. 2011 tötete eine US-Spezialeinheit Bin Laden im pakistanischen Abbottabad. Seit 2001 setzt das Terrornetzwerk zunehmend auf Regionalisierung.

AQAP

Zu den weitgehend unabhängig agierenden Al-Kaida-Ablegern zählt die 2008 aus der Vereinigung des jemenitischen mit dem saudi-arabischen Zweig entstandene Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (Al-Qaeda in the Arabian Peninsula/AQAP). Die Terrorgruppe verübt seit Jahren immer wieder Anschläge. Der im Januar 2015 ermordete Redaktionsleiter des Satiremagazins „Charlie Hebdo“, Stéphane Charbonnier, stand auf einer „Fahndungsliste“ des Dschihad-Magazins „Inspire“, das von AQAP veröffentlicht wird. Die USA greifen im Jemen regelmäßig Lager der Gruppe mit Drohnen an.

AQMI

Die ursprünglich algerische Gruppe Alk-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) versucht, Tunesien, Marokko, Algerien, Mauretanien, Niger und Mali durch Anschläge und Entführungen zu destabilisieren. Sie hat auch Rückzugsgebiete in Libyen. Auch die aus Libyen stammende Organisation Ansar al-Scharia („Unterstützer des islamischen Rechts“) verübt Anschläge in Tunesien.

Ansar Dine

Anhänger der Gruppe besetzten 2012 gemeinsam mit Tuareg-Rebellen den Norden Malis. Ihr werden Verbindungen zu Al-Kaida im islamischen Maghreb nachgesagt. Dem Terrorregime der Ansar Dine fielen viele Menschen mit westlichem Lebensstil zum Opfer. Französische und afrikanische Truppen vertrieben die Extremisten weitgehend aus der Region. Es kommt aber weiterhin zu Gefechten und Anschlägen auf Sicherheitskräfte in Mali.

Boko Haram

Die islamistische Terrorgruppe führt in Nigeria einen blutigen Feldzug zur Errichtung eines sogenannten Gottesstaats. Boko Haram heißt so viel wie: „Westliche Bildung ist verboten“. Die sunnitischen Dschihadisten werden für viele Attentate und Angriffe verantwortlich gemacht. Schätzungen zufolge wurden seit 2009 mehr als 14.000 Menschen getötet. Die selbst ernannten „Gotteskrieger“ kontrollieren Teile Nordostnigerias und versuchen auch, Gebiete in den Nachbarländern Kamerun und Niger zu erobern. Die Gruppe schwor der IS-Miliz Gefolgschaft.

Al-Shabaab

Die radikale Miliz verbreitet in Somalia Angst und Schrecken und verübt auch in Nachbarländern wie Kenia Anschläge. Zwar vertrieben Regierungstruppen und Soldaten der Afrikanischen Union die Extremisten 2011 aus der Hauptstadt Mogadischu, Al-Shabaab beherrscht aber noch weite Teile Mittel- und Südsomalias. Die Organisation hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida und kooperiert mit den Extremisten von Boko Haram in Nigeria.

Jemaah Islamiyah

Die Anfang der 1990er Jahre von Indonesiern in Malaysia gegründete Terrorgruppe war bisher in Indonesien, Malaysia und im Süden der Philippinen aktiv. Sie will ein Kalifat in Südostasien errichten und steht Al-Kaida nahe. 2002 ermordeten Jemaah Islamiya-Terroristen bei Bombenanschlägen auf der indonesischen Ferieninsel Bali 202 Menschen, darunter mehr als 150 ausländische Touristen. Weitere Anschläge folgten.

In seinen offiziellen Propagandavideos versucht der IS den Eindruck professioneller und disziplinierter Kämpfer zu vermitteln, die fast ohne Gegenwehr den Feind bezwingen. Meist sind die Bilder mit heroischer Musik unterlegt. Das nun veröffentlichte Video zeigt eine andere Seite dieses Krieges aus der Sicht eines IS-Kämpfers, der am Ende stirbt.

"Raus hier, raus, aber geht nicht zu weit", hört man einen Kämpfer rufen, als das Fahrzeug offensichtlich getroffen wurde. Abu Radhwan sagt: "Wo ist mein Gewehr?" Außerhalb des Fahrzeugs ist zu sehen, wie Radhwan wegläuft. Die Kamera schwenkt herum, er blickt zu dem beschädigten Fahrzeug, als ihn offenbar eine Kugel trifft. "Ich bin verwundet", ruft er. Dann rollt er wohl über die Erde. Die Kamera nimmt abwechselnd den braunen Boden und den blauen Himmel auf. Die letzten Bilder zeigen ein brennendes Fahrzeug, von dem eine dunkle Rauchwolke aufsteigt.

Der Peschmerga-Oberstleutnant Jasir Abdulla sagte der Nachrichtenagentur Reuters, das Gefecht habe im Dezember stattgefunden. Am nächsten Tag hätten sie nach die Leichen geschaut und die Helmkamera gefunden. Der IS hat große Teile des Irak und Syriens unter seine Kontrolle gebracht, zuletzt jedoch wieder große Gebiete wieder abgeben müssen.

Von

rtr

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