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05.12.2014

20:22 Uhr

Antisemitismus in Frankreich

Angst vor neuem Juden-Hass

VonThomas Hanke

Ein brutaler Überfall auf ein junges Paar hat in Frankreich eine Debatte über Antisemitismus entfacht. Der Großrabbiner des Landes warnt vor einer neuen Stufe der Gewalt – doch die Politik reagiert ratlos.

Getty Images

ParisDer brutale Überfall auf ein junges Paar in seiner Wohnung im Pariser Vorort Créteil führt zu einer intensiven Debatte über wachsenden Antisemitismus in Frankreich. Am Montag drangen drei vermummte und bewaffnete Männer in die Wohnung ein und bedrohten sie, bis die beiden ihre Kreditkarten und Geheimzahlen aushändigten. „Ihr seid Juden, ihr habt Geld“, schrien sie ihre Opfer an. Sie fesselten den 21-jährigen und vergewaltigten seine 19-jährige Freundin.

Die Polizei hat die drei mutmaßlichen Täter festgenommen. Der Innenminister hält es für erwiesen, dass die Tat einen antisemitischen Hintergrund hat. Die Täter hätten ihre Opfer gezielt danach ausgesucht, dass sie der jüdischen Gemeinschaft angehören. Einer der drei könnte einen weiteren Überfall begangen haben, bei dem bereits vor Wochen ein 70-jähriger Jude auf offener Straße niedergeschlagen wurde.

Haïm Korsia, der Großrabbiner von Frankreich, bezeichnete die gezielte Vorbereitung als „die scheußliche Seite dieses Verbrechens.“ Er sagte, dass die Zahl antisemitischer Vorfälle zunehme, „doch die Gesellschaft ist nicht antisemitisch, sie reagiert mit Abscheu auf das, was hier passiert.“ Man dürfe aber nicht länger die Augen davor verschließen, dass eine neue Stufe antisemitischer Gewalt erreicht sei. Bereits vor acht Jahren, als ein jüdischer Junge von einer Bande entführt und zu Tode gefoltert wurde, weil sie seine Familie für reich hielten, sei „die Grenze überschritten worden.“

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„Kindermörder“, „Juden-Schwein“: André ist fassungslos, wenn er mal wieder beschimpft wird – weil er Jude ist. Mit „neuem Antisemitismus“ hat das nichts zu tun. Denn beleidigt wird er nicht erst seit dem Gaza-Konflikt.

Staatspräsident Franҫois Hollande, Premierminister Manuel Valls und andere Politiker äußerten ihre Abscheu, ohne aber erkennen zu lassen, was sie zu tun gedenken. Ihre Aufrufe zu Wachsamkeit und Null-Toleranz gegen jeden religiös oder ethnisch begründeten Hass wirken fast schon formelhaft. Die Wirklichkeit hinter den Stellungnahmen der Politiker ist weit komplexer.

Im Juli dieses Jahres kam es in Sarcelles am Rande einer Demonstration für Palästina zu Ausschreitungen gegen jüdische Geschäfte, die teilweise demoliert wurden. Die rasch von den Medien befragten jüdischen Einwohner reagierten schockiert, einige redeten davon, die einzige Alternative sei es jetzt, nach Israel auszuwandern. Im französischen Fernsehen treten regelmäßig französische Juden auf, die ihre Heimat verlassen haben und nun in Israel leben.

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